ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2018Psychisch kranke Arbeitnehmer: Krankschreibungen helfen nicht

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Psychisch kranke Arbeitnehmer: Krankschreibungen helfen nicht

Dtsch Arztebl 2018; 115(43): A-1940 / B-1622 / C-1606

Bühring, Petra

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat in ihrer Reihe Praxiswissen „Medizinische Rehabilitation“ alle Informationen zu den Antragsverfahren zusammengestellt.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat in ihrer Reihe Praxiswissen „Medizinische Rehabilitation“ alle Informationen zu den Antragsverfahren zusammengestellt.

Die Frühberentungen aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen seit Jahren zu. Die Deutsche Rentenversicherung fordert ein Gegensteuern. Intensive Therapieangebote und Psychosomatische Rehabilitation könnten helfen, Betroffene im Erwerbsleben zu halten.

Die Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen sind von 2007 bis 2016 um 38 Prozent angestiegen: 2007 erhielten 53 888 Menschen eine Erwerbsminderungsrente, 2016 waren es bereits 74 469. Diese Zahlen gab die Bundesregierung vor Kurzem in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke zum Thema „Psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ bekannt. Bei den Frauen stiegen die Frühberentungen sogar um 50 Prozent an, bei den Männern um 24 Prozent.

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Dr. med. Susanne Weinbrenner, leitende Ärztin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV), fordert seit Längerem, dass den dramatischen Zugängen in die Erwerbsminderungsrenten entgegen- gesteuert werden muss. Zuständig für Medizinische Rehabilitation von Menschen, deren Erwerbsfähigkeit gefährdet ist, ist grundsätzlich die Rentenversicherung. Die Betroffenen sind nach den Daten der DRV im Vergleich zu somatisch kranken Frührentnern besonders jung, im Schnitt 48 Jahre alt. Entsprechend schlecht seien sie für das Alter finanziell abgesichert. „Statt berentet zu werden sollte den Betroffenen früher in einer Akutbehandlung geholfen werden, oder je nachdem in einer psychosomatischen Reha“, erklärt die Leiterin des Geschäftsbereichs Sozialmedizin und Rehabilitation im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Gerade für Menschen mit affektiven Störungen (hier sind die Rentenzugänge besonders hoch) sei die Aufrechterhaltung einer Tagesstruktur, wie sie eine Erwerbstätigkeit ermöglicht, sehr wichtig, „um sich nicht selbst zu verlieren“, betont Weinbrenner. Das bestätigt auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Mit der Arbeit gehen für die Genesung psychisch Kranker oft förderliche Bedingungen einher, insbesondere Tagesstrukturierung, die Unterbrechung des sozialen Rückzugs und eine Verbesserung des Selbstwerts“, heißt es in einer Stellungnahme zum aktuellen Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes: Die Kammer fordert darin unter anderem die Möglichkeit auch für Psychologische Psychotherapeuten, eine stufenweise Wiedereingliederung zu initiieren und Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen auszustellen.

Gemeinsam Optionen ausloten

Unabhängig davon, sieht DRV-Vertreterin Weinbrenner Ärzte in der Pflicht, psychisch Kranke nicht in Folge krankzuschreiben. „Auch wenn es zunächst im konkreten Fall sinnvoll sein kann, den Patienten aus einer Belastungssituation herauszunehmen, machen Krankschreibungen nicht gesund.“ Bei absehbar längerem Verlauf könnten Arzt und Patienten gemeinsam überlegen und dann auch konkret planen, welche Optionen zur Verfügung stehen, um die Situation zu verbessern. Das können intensivere Therapieangebote sein, oder auch das Angebot eine Rehabilitation durchzuführen.

Ausreichende Plätze gibt es nach Angaben von Weinbrenner jedenfalls in den diversen Einrichtungen, die die fünfwöchigen psychosomatischen Rehas anbieten. Diese Kliniken liegen traditionell in landschaftlich schönen Gegenden und werden entweder von privaten Träger oder der DRV selbst unterhalten. „Trotz des hochwertigen Angebots, wird die psychosomatische Reha wenig in Anspruch genommen“, sagt Weinbrenner. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen geht hervor, dass nur ein Drittel der Betroffenen an einer Rehamaßnahme teilnahm, bevor der Bezug einer Erwerbsminderungsrente begann. Die DRV jedenfalls habe bereits die frühere Auflage, dass der Antragsteller vorbehandelt sein muss, gelockert. Grund hierfür sei die späte Diagnosestellung und in vielen Regionen lange Wartezeiten auf eine Psychotherapie, die Chronifizierungen begünstigen können, berichtet Weinbrenner.

Ein Grund für die noch ausbaufähige Inanspruchnahme von psychosomatischen Rehaleistungen ist nach Ansicht der Expertin unter anderem das besondere Antragsverfahren. Der Versicherte stellt einen Reha-
antrag bei seiner Rentenversicherung und der behandelnde Arzt unterstützt den Antrag mit dem Ärztlichen Befundbericht*. „Das erscheint vielen vielleicht zu aufwendig“, vermutet Weinbrenner. Dabei hätten begründete Anträge gute Chancen genehmigt zu werden.

*Psychologische Psychotherapeuten dürfen seit 2017 auch Medizinische Reha bei entsprechenden Indikationen verordnen, jedoch nur für Leistungen der GKV (Geriatrische Reha, Mutter/Vater-Kind-Reha), nicht für Leistungen der DRV.

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