ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2018Adipositas: Strategien zur Gewichtsreduktion

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Adipositas: Strategien zur Gewichtsreduktion

Dtsch Arztebl 2018; 115(43): A-1959

Bischoff, Angelika

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Mit einem höheren BMI steigt das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und einen Diabetes. Zur Verringerung des Körpergewichts stehen Lebensstilinterventionen an erster Stelle. Sie können aber durch medikamentöse Therapien erfolgreich unterstützt werden.

Das aktuelle Cardiovascular Disease Lifetime Risk Pooling Project (1) hat gezeigt, dass Übergewicht das Lebenszeitrisiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung um 21 % steigert, eine Adipositas um 67 % und eine starke Adipositas erhöht es um den Faktor 3,14. Die Gewichtsreduktion durch körperliche Aktivität kann durch GLP-1-Agonisten wie Liraglutid wirksam unterstützt werden.

„Das gesunde Übergewicht gibt es nicht“, betonte Prof. Dr. med. Stephan Jacob, Villingen-Schwenningen. Auch metabolisch gesunde Menschen mit Übergewicht hatten in der EPIC-CVD-Studie (2) ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko im Vergleich zu metabolisch gesunden Normalgewichtigen.

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Die Adipositas ist mit einer Reihe von Komorbiditäten assoziiert, besonders eng mit dem Diabetes, sagte Prof. Melanie Davies, Leicester. Mit der Höhe des BMI nimmt das Risiko für einen Diabetes zu. „Liegt der BMI über 35 kg/m2, wird der Diabetes mit fast 100-prozentiger Sicherheit auftreten“, so Prof. Davies. Gewichtsreduktion verbessert beim Patienten mit Typ-2-Diabetes die glykämische Kontrolle, senkt den Blutdruck und vermindert das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs.

Nicht zu sehr unter Druck setzen

Für eine sinnvolle Gewichtsreduktion dürfe man übergewichtigen Patienten nicht einfach nur sagen, dass sie Sport treiben sollen, betonte Prof. Jacob. Diese Menschen waren für Jahre wenig aktiv und wurden schon in der Schule wegen ihrer Unsportlichkeit ausgelacht. Aber man sollte ihnen raten, regelmäßig spazieren zu gehen. „Damit setzt man sie nicht unter Performance-Druck“, so Prof. Jacob. Nur 45 Minuten Gehen am Tag hat bereits einen großen positiven Effekt auf alle mit der Adipositas assoziierten Risikofaktoren.

Viele Patienten sind erleichtert, wenn man ihnen sagt, dass schon 5–10 % weniger auf der Waage eine Fülle von günstigen Effekten auf Risikofaktoren einschließlich metabolischer Parameter hat. Noch ausgeprägter seien die Effekte, wenn das Gewicht um ≥ 10 % sinkt. Damit lasse sich auch eine Reduktion kardiovaskulärer Endpunkte erreichen.

Wenn es möglich ist, sollte man also eine Gewichtsreduktion im zweistelligen Bereich anstreben. In der aktuellen DiRECT-Studie (3) mit einem sehr strengen Protokoll wurden allein mit Lebensstilmaßnahmen gute Resultate erzielt. Etwa 40 % der Patienten nahmen um mehr als 10 % ab, 33 % um mehr als 15 % und konnten dies auch über 12 Monate halten. Von den Patienten mit ≥ 15 % Gewichtsverlust erreichten 86 % eine Remission ihres Diabetes, von denen mit 10–15 kg Abnahme immerhin 57 %.

Die Gewichtsreduktion kann mit Medikamenten weiter unterstützt werden. Wie Prof. Nick Finer, London, ausführte, sind Pharmaka in diesem Indikationsgebiet metabolisch oder endokrin aktiv. Die FDA fordert deshalb den Nachweis, dass kein exzessives kardiovaskuläres Risiko mit ihrer Anwendung verbunden ist. Diese Hürde hat zum Beispiel Sibutramin nicht genommen.

„Mit den GLP-1-Agonisten bewegen wir uns auf sehr viel sichererem Boden“, so Finer. In der kardiovaskulären Sicherheitsstudie LEADER (4) nahm das Risiko von Diabetespatienten für kardiovaskuläre Ereignisse unter 1,8 mg Liraglutid signifikant um 13 % im Vergleich zu Placebo ab (p = 0,01). Die Patienten verloren mit Liraglutid auch um durchschnittlich 2,8 kg an Gewicht. In der SCALE-Diabetes-Studie (5) erwiesen sich 3 mg Liraglutid der Standarddosis von 1,8 mg als überlegen mit einer Gewichtsabnahme von 6 % versus 4,7 %. Mit 3 mg Liraglutid, der inzwischen in der Indikation Adipositas zugelassenen Dosierung, erreichte ein Drittel der Patienten eine Gewichtsreduktion um ≥ 10 %. Vorteile zeigten sich für die höhere Dosis auch im Lipidprofil und im Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.

Höhere Gewichtsabnahme

Mit neuen Medikamenten wie dem GLP-1-Agonisten Semaglutid kommen wir, was die Gewichtsreduktion betrifft, immer näher an das heran, was die bariatrische Chirurgie leistet, sagte Finer. Nach Phase-II-Daten (6) bringt Semaglutid, das in Europa bereits zur Diabetestherapie zugelassen ist, etwa doppelt so viel Gewichtsabnahme wie Liraglutid. Etwa zwei Drittel der Patienten erreichen mit 0,4 mg Semaglutid ≥ 10 % Gewichtsverlust und ein Viertel ≥ 20 %. Auch für Semaglutid wird die Zulassung für die Adipositas-Therapie angestrebt.

Quelle: Symposium „Obesity and cardiovascular disease“, ECO-Kongress, Wien, 23. Mai 2018. Veranstalter: Novo Nordisk

1.
Khan SS, et al.: JAMA Cardiol 2018; 3 (4): 280–7 CrossRef MEDLINE
2.
Lassale C, et al.: Eur Heart J 2018; 39: 397–406 CrossRef MEDLINE
3.
Lean ME, et al.: Lancet 2018; 391: 541–51 CrossRef
4.
Marso SP, et al.: N Engl J Med 2016; 375 (4): 311–22 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Davies M, et al.: JAMA 2015; 314: 687–99 CrossRef CrossRef MEDLINE
6.
O’Neill PM, et al.: ENDO 2018 Chicago; oral presentation #OR 12–5
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