ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2018Hausarztzentrierte Versorgung: Patienten geht es besser

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Hausarztzentrierte Versorgung: Patienten geht es besser

Dtsch Arztebl 2018; 115(43): A-1934 / B-1620 / C-1604

Osterloh, Falk

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Der Hausarztvertrag in Baden-Württemberg wurde vor zehn Jahren unterschrieben. Ergebnisse einer Langzeitevaluation zeigen: Die eingeschriebenen Patienten leben länger und sie werden besser versorgt bei niedrigeren Ausgaben.

Foto: picture alliance
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Patienten, die in einen Hausarztvertrag eingeschrieben sind, leben länger, werden seltener ins Krankenhaus eingewiesen und erhalten eine bessere Arzneimittelversorgung. Das sind einige der Ergebnisse einer Evaluation der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) in Baden-Württemberg, die vom Universitätsklinikum Heidelberg und der Goethe-Universität Frankfurt am Main vorgenommen wurde. Dabei wurden die Routinedaten von 692 000 HzV-Versicherten der AOK Baden-Württemberg mit den Daten von ebenso vielen Versicherten der Kasse verglichen, die nicht an der HzV teilnehmen.

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Demnach verstarben von den HzV-Versicherten 1 700 Menschen weniger in dem untersuchten Zeitraum zwischen 2012 und 2016 als in der Kontrollgruppe, wie einer der Autoren der Evaluation, Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg, bei der Präsentation der Ergebnisse Anfang Oktober in Berlin erklärte.

Weniger Krankenhaustage

Bei 119 000 Diabetikern, die in beiden Gruppen untersucht wurden, kam es bei den HzV-Versicherten zudem in etwa 4 000 Fällen zu weniger schwerwiegenden Komplikationen in den Jahren 2011 bis 2016. Zu den schwerwiegenden Komplikationen zählte Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main, eine Dialyse, eine Erblindung, Amputationen, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Bei jeweils 166 000 untersuchten Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit (KHK) verbrachten die HzV-Versicherten innerhalb von fünf Jahren circa 46 000 Tage weniger aufgrund der KHK in einem Krankenhaus. Bei 89 000 Patientinnen und Patienten im Alter von über 65 Jahren wurden in der HzV-Gruppe zudem 5 400 Arzneimittel aus der Priscus-Liste weniger pro Jahr verordnet als in der Kontrollgruppe. Die Priscus-Liste enthält Arzneimittel, die für Menschen ab 65 Jahren als potenziell inadäquat gelten.

Gerlach nannte noch weitere Beispiele: In der HzV-Gruppe seien im Jahr 2016 etwa 20 000 Versicherte ab dem 60. Lebensjahr mehr gegen Influenza geimpft worden, so wie es die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission vorsehen. „Und beim Thema Rückenschmerzen gibt es fast keine unkoordinierte Inanspruchnahme von Facharztleistungen mehr“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. „Fast immer gibt es eine gezielte Überweisung.“

Es gebe in der HzV auch weniger Schnittbildgebungen bei Rückenschmerzen. Dies werde auch in den Leitlinien gefordert. Und in der HzV-Gruppe seien 8,5 Prozent weniger Versicherte infolge von Rückenbeschwerden krankgeschrieben worden als in der Kontrollgruppe. „Wir können mit zunehmender Sicherheit sagen, dass HzV-Patienten in vielen Bereichen besser versorgt sind“, so Gerlach.

Zudem sei die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten im Rahmen der Facharztverträge einzigartig in Deutschland. „Hier wird der ansonsten starken Fragmentierung der Versorgung gezielt entgegengewirkt“, lobte Gerlach. Erstmals gebe es gezielte Versorgungspfade und interdisziplinäre Fallkonferenzen.

Die Hausarztzentrierte Versorgung wurde vom Gesetzgeber im Jahr 2004 auf den Weg gebracht. 2008 schlossen die AOK Baden-Württemberg, der Hausärzteverband und der Mediverbund Baden-Württemberg einen HzV-Vertrag ab, zu dem später auch Facharztverträge hinzukamen. Heute versorgen rund 4 000 Haus- und Kinderärzte 1,6 Millionen Patienten sowie 2 000 Fachärzte und Psychotherapeuten 600 000 Patienten. Bei den eingeschriebenen Patienten handelt es sich überwiegend um chronisch Kranke. Bundesweit wurden bislang 85 HzV-Verträge geschlossen, in die sich etwa 4,8 Millionen Patienten eingeschrieben haben.

Positiver Saldo

Der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. phil. Christopher Hermann, erklärte, dass sich die haus- und facharztzentrierte Versorgung für die Kasse auch finanziell lohne. „Wir haben im vergangenen Jahr 681 Millionen Euro in diese Versorgung investiert“, sagte er. „442 Millionen Euro in die HzV und 141 Millionen Euro in die Facharztverträge. Dazu kommen 35 Millionen Euro durch die Zuzahlungsbefreiung der HzV-Versicherten.“

Die Einsparungen überwögen jedoch. So erhalte die AOK Baden-Württemberg 349 Millionen Euro infolge der Budgetbereinigung. Weitere Entlastungen in Höhe von 319 Millionen Euro entstünden unter anderem durch entfallene Einzelleistungen, Einsparungen in der Arzneimitteltherapie und vermiedene Krankenhausausgaben. Insofern bleibe der AOK Baden-Württemberg am Ende ein Saldo von 50 Millionen Euro.

Freiwilliges Primärarztsystem

Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, Dr. med Berthold Dietsche, bezeichnete die HzV als „freiwilliges Primärarztsystem“, das die Voraussetzung für eine wirksame Versorgungssteuerung liefere. So gebe es 2,1 Millionen Hausarztkontakte mehr und zugleich 1,2 Millionen unkoordinierte Facharztkontakte weniger in der HzV als in der Regelversorgung. „Das zeigt, dass die Koordination funktioniert“, sagte Dietsche. „Ich verstehe nicht, warum die Gesundheitspolitik dieses Beispiel ignoriert.“

Die an der Hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Zum Beispiel müssen sie Apparate wie ein Blutzuckermessgerät, ein EKG oder ein Spirometer vorhalten. Sie müssen an mindestens vier Qualitätszirkeln und zwei Fortbildungen pro Jahr teilnehmen, eine Abendsprechstunde pro Woche anbieten und die Wartezeit bei vereinbarten Terminen möglichst auf 30 Minuten begrenzen. Die Basis der Vergütung bilden sowohl kontaktunabhängige als auch kontaktabhängige Pauschalen, die durch Zuschläge für besondere Qualifikationen oder durch das Erreichen bestimmter Qualitätszielquoten ergänzt werden.

3 Fragen an . . .

Dr. med. Norbert Metke, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg

Dr. med. Norbert Metke
Dr. med. Norbert Metke

Wie funktioniert das Miteinander von Kollektivvertrag und HzV in Baden-Württemberg?

Perfekt. Denn die Selektivverträge zeigen uns, wie medizinische Versorgung heute auch kollektiv gehen sollte, insbesondere in Bezug auf die Patientensteuerung und entbudgetierte Honorierungsmechanismen. Beides fordern wir seit Jahren von der Politik ein. Bei uns sind sich alle Beteiligten einig, dass sich Kollektiv- und Selektivvertrag ergänzen.

Das heißt, Sie befürworten die HzV?

Die Selektivverträge bieten den Haus- und Fachärzten im Land neben der Patientensteuerung, einer klaren und entlastenden Schnittstellendefinition und einer exzellenten, sachbezogenen Fortbildung auch eine höhere entbudgetierte Vergütung ohne Fallzahlbegrenzung, die wiederum die wirtschaftliche Situation aller Ärzte in Baden-Württemberg stabilisiert. Das können wir als KV nur unterstützen.

Wofür ist dann noch der Kollektivvertrag erforderlich?

Angesichts der hervorragenden Ergebnisse, die die Evaluation der HzV ergeben hat, stellt sich in der Tat die Frage, warum wir eine solche Patientensteuerung nicht auch, auf ein bestimmtes Patientenklientel begrenzt, im Kollektivsystem etablieren. Darüber hinaus beruhen Selektivverträge seitens der Patienten und Ärzte immer auf Freiwilligkeit und damit auf einer hohen Motivation der Beteiligten. Nicht jeder Patient und jeder Arzt wird jedoch freiwillig an Selektivverträgen teilnehmen. Deshalb wird es immer einen Kollektivvertrag geben müssen. Wie dieser ausgestaltet sein wird, wird die Zeit ergeben.

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