ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2018Von schräg unten: Trigger

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Von schräg unten: Trigger

Dtsch Arztebl 2018; 115(43): [60]

Böhmeke, Thomas

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Es ist ein spätsommerlich laues Wochenende, also Zeit, eine bisschen durchs Netz zu surfen. Dort findet sich alles Wichtige, alles Aktuelle, alles Bewegende; um es auf die kurze Formel zu bringen, die meine Patienten benutzen: Es steht im Internet! Nun, meine Affinität zu Artikeln, die sich beispielsweise mit der endlosen Aufarbeitung der Fußball-Weltmeisterschaft befassen, ist eher hypoplastisch, daher besuche ich lieber Seiten mit medizinischen Themen.

Auf der Internetseite eines bekannten Nachrichtenmagazins stoße ich auf einen Artikel über eine Lingua villosa nigra, eine schwarze Haarzunge, wohl ausgelöst durch Gabe von Antibiotika. Das finde ich eine ausgesprochen schöne Nachricht: Wenn es diese gutartige Veränderung der Papillae filiformes geschafft hat, derartig prominent ins Bild gesetzt zu werden, bedeutet es doch, dass wir keine anderen Probleme mehr haben. Die Duelle mit dem Diabetes, die Kämpfe mit den Koronarerkrankungen, die Streitigkeiten mit den Stoffwechselentgleisungen: Alle gewonnen, nur ich habe mal wieder nicht aufgepasst und nix davon mitgekriegt.

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Wenn das mal keine gute Nachricht ist! Demnächst darf ich mich, weil aus der Medizin nichts Beunruhigendes mehr zu vermelden ist, an dramaturgischen Abhandlungen über sich sanft der Schwerkraft hingebenden Säcken Reis aus China erfreuen, hach, für was ein wunderschönes Gefühl.

Jedoch wird dieses schöne Gefühl unterminiert gleich einer maroden Zahnwurzel durch die Titanfeile, weil zu Textbeginn eine Warnung ins Auge springt: Achtung: Dieser Artikel enthält am Ende eine Aufnahme der betroffenen Zunge, die manche als unangenehm empfinden können. Verstörend ist dabei nicht die Tatsache, dass das zu beanstandende Bild bereits kurz nach dieser Warnung auftaucht, sondern dass vor gutartigen Hautveränderungen, die etwas ungewöhnlich aussehen, gewarnt wird. Das ist wohl eine sogenannte Trigger-Warnung, die posttraumatische Belastungsstörungen vermeiden soll. Was eine posttraumatische Belastungsstörung mit einer Lingua villosa zu tun hat, ist mir nicht ganz klar, aber: Das muss ich ernst nehmen, weil diese Trigger überall lauern.

Eine erfahrene Psychotherapeutin berichtete mir vor Kurzem, dass selbst der Anblick einer Weihnachtsbeleuchtung als solcher fungieren kann. Ich renne also höchst verunsichert zum Spiegel. Um Himmels Willen, diese Lentigines solares auf meiner entlaubten Stirn, sind diese für meine Patienten noch zumutbar? Muss ich meine Fachangestelltinnen anweisen, die Patienten zukünftig zu warnen: ‚Die Altersflecken auf dem Kopf des Alten können manche als unangenehm empfinden‘?

Bisher war ich der naiven Auffassung, dass meine Patienten an meiner Hautbeschaffenheit so viel Interesse haben wie an besagten hinfälligen Säcken Reis. Aber man muss dies auch weiterdenken: Werden diese Warnungen obligatorisch, dies in der guten Absicht, Mitmenschen vor unguten Eindrücken, gar vor traumatischen Rückblenden zu bewahren, habe ich Angst vor der Zukunft unseres Berufsstandes: Werden unsere Eleven nicht komplett verunsichert, wenn sie vor Studium der dermatologischen Krankheitsbilder permanent auf die immanente Gefahr von Abbildungen hingewiesen werden, die als unangenehm empfunden werden können?

Dürfen in der Dermatologie nur noch Abbildungen von schönen Hautoberflächen gezeigt werden, und wenn ja, wie definieren sich solche? Sind diese Studenten dann überhaupt noch fit genug für den medizinischen Alltag? Können unfallchirurgische Vorlesungen überhaupt noch mit anschaulichem Bildmaterial gehalten werden? Müssen Radiologen die Frakturen aussparen? Schlimmer noch: Geben nicht reihenweise Notärzte ihren Dienst ab, weil sie in Situationen geraten könnten, die unangenehm wären? Ich war selbst etliche Jahre als Notarzt unterwegs, und es galt immer die Maxime: Egal, was Dir der Zentralist zuruft: Rechne nie mit Annehmlichkeiten, sondern immer nur mit dem Schlimmsten! Ach ja, im besagten Artikel steht auch, dass diese Lingua villosa nigra, ganz ihrer Natur gemäß, nach ein paar Wochen von selbst verschwand. Da bin ich aber erleichtert. Kann ja sein, dass sich diese Warnungen vor Rückblenden daran ein Beispiel nehmen und ich mir keine Sorgen um unseren Berufsstand mehr machen muss.

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