ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Neurogastroenterologie: Über die Zusammenhänge zwischen Darm und Hirn

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Neurogastroenterologie: Über die Zusammenhänge zwischen Darm und Hirn

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-2018 / B-1682 / C-1666

Riemann, Jürgen F.

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Der Darm hat derzeit nicht zu Unrecht Konjunktur. Zurückzuführen ist das unter anderem auf die vielen öffentlichen Informationen rund um die Darmkrebsprävention und damit einhergehende Erklärungen rund um Funktion und Wirkungsweise dieses Organs. So manche Journale, aber auch Tageszeitungen haben in den vergangenen Wochen und Monaten – zum Teil sogar in Sonderbeilagen – zudem über das Mikrobiom des Darms berichtet. Dieses erfährt derzeit sogar einen regelrechten Hype – die Erforschung der Magen-Darm-Welt und seiner Bewohner boomt. Nicht zuletzt hatte sicher auch das Buch „Darm mit Charme“ von Giulia Enders eine Funktion als Türöffner. Wenn man als interessierter Mensch den Darm aber noch besser verstehen will, dann muss man „Darm an Hirn!“ lesen. Hier haben sich drei Experten aus ganz unterschiedlichen Disziplinen die gewaltige Mühe gemacht, das derzeitige Wissen um die Zusammenhänge zwischen diesem so lange als unappetitlich geltenden Teil des Verdauungstraktes, dem peripheren Nervensystem und dem menschlichen Hirn so zu präsentieren, dass es verständlich wird, ohne dabei sprachlich ins Voyeuristische abzugleiten. Dass eine Darm-Hirn-Achse existiert, ist eine lang bekannte, schon in der Bibel kommentierte Erfahrung. Dass es aber eine ausgesprochen enge Kommunikation hin und zurück über unterschiedliche Informationskanäle, Transmitter und weitere Mediatoren gibt, konnte sich erst aus der neueren Forschung erschließen. Und da kommen die drei Autoren als Experten zu ihrem Recht. Sie repräsentieren die verschiedenen Forschungsrichtungen (Humanbiologie, Psychologie, Psychosomatik und Neurogastroenterologie), die diese Erkenntnisse erst durch eine Zusammenschau ihrer wissenschaftlichen Studien und klinischen Erfahrungen möglich gemacht haben. Das Buch untergliedert sich in Kapitel, deren Überschriften allein schon vielversprechend sind. So wird in mitreißender Sprache zum Beispiel im zweiten Kapitel erklärt, wie viel Gehirn im Darm steckt, oder in vierten Kapitel, welche Kommunikationsstörungen es zwischen Gehirn und Darm gibt, wie man sie erkennt und was man im Einzelfall dagegen tun kann. Die derzeit objektiven Erkenntnisse in diesem Bereich sind zur besseren Einprägung in grau unterlegten Abschnitten dargestellt. Auch dem medizinischen Laien, der allerdings über ein gewisses Maß an Basiskenntnissen verfügen sollte, wird einerseits verständlich, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Darm und Hirn sind, dass andererseits aber auch vieles noch der Erforschung harrt.

Und so nimmt es nicht wunder, dass man nach dem Lesen des Buches überzeugt ist: Die Neurogastroenterologie, also die Wissenschaft vom „Bauchhirn“, ist aus ihrem bisherigen Schattendasein herausgetreten und hat sich aufgemacht, ein entscheidender und entschiedener Player in der medizinischen Forschung zu werden – und das nicht zuletzt dank des Tätigkeitsfeldes der drei Experten, die dieses spannende Buch geschrieben haben. Man darf wirklich gespannt sein, was diese rührigen Forscher noch entdecken werden. Es bleibt zu hoffen, dass immer mehr Forschungsförderer das auch so sehen. Jürgen F. Riemann

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Paul Enck, Thomas Frieling, Michael Schemann: Darm an Hirn! Der geheime Dialog unserer beiden Nervensysteme und sein Einfluss auf unser Leben. Herder Verlag, Freiburg 2017, 176 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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