ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Auswahl Medizinstudium: Erschütternd
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Autoren teilen die erschütternde Zahl von über 40 % der Medizinstudierenden mit, die schon während des Studiums depressive Symptome entwickeln und nach dessen Abschluss unter manifesten Depressionen, Angst- und Abhängigkeitserkrankungen leiden. Eine Reihe von – für die Studierenden vielleicht noch nicht so relevanten – Belastungsfaktoren und Anforderungen werden genannt, die, so insinuiert der Artikel, zumindest teilweise trainierbar seien. Nur mangelt es offenbar an der Kompetenz immerhin knapp der Hälfte der Studierenden, sich psychisch gesund und leistungsfähig zu halten, was, so wird bedauert, bislang im medizinischen Ausbildungscurriculum nahezu völlig vernachlässigt wird.

Der Erhalt der eigenen psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit als zusätzliches Lehrfach, in Testaten und Multiple Choice gar prüfungsrelevant?

Längst überfällig seien hingegen eine gezieltere Auswahl und Rekrutierung bereits beim Eintritt in die universitäre Ausbildung mittels eines zu erstellenden Kompetenzprofils – gesucht wird der Superstudent, geeignet als Landarzt wie auch als belastbarer wissenschaftlicher Nachwuchs, resistent und resilient im Umgang mit Patienten, Leistungsträgern, Leiden und Tod. Mich schüttelt es bei dieser Betrachtungsweise.

Anzeige

In jedem System, ob Betrieb der freien Wirtschaft oder Behörde, würde eine derartige, den Strukturen immanente Pathogenität zur Pleite führen oder die Funktionalität massiv beeinträchtigen und, wenn es nicht bereits zu spät ist, Analysen und Maßnahmen erfordern. Nicht so hier: Auf die richtige Auswahl unter den vielen, vielen Studierwilligen komme es an.

Wäre es nicht doch mal an der Zeit, die Fülle und/oder Art der Vermittlung des zu erwerbenden Wissens, vielleicht gar den Lernzielkatalog Medizin/Zahnmedizin zu hinterfragen? Was stimmt da nicht, wenn selbst lernerprobte Einserabiturienten die Grätsche machen angesichts einer scheinbar unbewältigbaren Stoffmenge, die, wenn nicht perfekt verinnerlicht, aus ihnen vermeintlich schlechte Ärzte werden lässt?

Seit gut zwei Jahrzehnten gilt im Arbeitsschutz die Pflicht zur Durchführung einer Gefährdung- und Belastungsanalyse auch im Bereich der psychischen Belastungen. Vielleicht sollten sich die Herren Ordinarien mal Klarheit darüber verschaffen, was an ihren Studiengängen los ist und was da an medizinischem Nachwuchs auf uns zukommt – von ihnen mitverantwortet.

Enno Liebenthron, Arzt für Arbeitsmedizin, 28203 Bremen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige