ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Biosimilars: Blockbuster verliert Patentschutz

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Biosimilars: Blockbuster verliert Patentschutz

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-1996 / B-1664 / C-1650

Gießelmann, Kathrin

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Ein Preiskampf um das bisher profitabelste Medikament Adalimumab ist entbrannt. Nach Patentablauf sorgte die Konkurrenz mehrerer Hersteller in kürzester Zeit für Listenpreise von bis zu 40 Prozent unter dem Originalprodukt. Der Wettbewerb um Ärzte und ihre Rheumapatienten ist eröffnet.

Nach mehr als 15 Jahren Marktexklusivität bekommt Adalimumab Konkurrenz – der Arzt hat freie Wahl. Foto: ustas/stock.adobe.com [m]
Nach mehr als 15 Jahren Marktexklusivität bekommt Adalimumab Konkurrenz – der Arzt hat freie Wahl. Foto: ustas/stock.adobe.com [m]

Am 16. Oktober war es soweit. Das weltweit umsatzstärkste Medikament Adalimumab (Humira) des Pharmakonzerns AbbVie hat nach mehr als 15 Jahren Marktexklusivität seinen Patentschutz in Europa verloren. Den monoklonalen Antikörper gegen den Tumornekrosefaktor-α setzen Ärztinnen und Ärzte unter anderem bei rheumatoider Arthritis, ankylosierender Spondylitis, Morbus Crohn, Psoriasis oder Colitis ulcerosa ein. Der Ablauf des Basispatents ist eine einmalige Chance für Biosimilarhersteller: Gleich drei von fünf Unternehmen mit einer Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) standen zum Stichtag in den Startlöchern. „Das gab es bisher bei keinem anderen Patentablauf eines biopharmazeutischen Medikaments“, sagt Stephan Eder, Head Sandoz Germany und Hexal, die ebenfalls ein Adalimumab-Biosimilar auf den Markt gebracht haben. In der Vergangenheit vergingen bei einigen Biosimilars mehrere Monate nach Patentablauf, bis sie die Zulassung hatten und mit dem Originator in Konkurrenz treten konnten.

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Rapide Preissenkung

Der Wettbewerb hat schon jetzt zu Preissenkungen geführt, die die Erwartungen der Krankenkassen und Ärzte deutlich übertroffen haben. Das US-Unternehmen Biogen und die Novartis-Tochter Sandoz teilten dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) mit, dass sie ihre Biosimilars Imraldi und Hyrimoz je nach Packungsgröße und Stückzahl 37 bis 40 Prozent unter dem Listenpreis von Humira anbieten, der sich derzeit hierzulande auf etwa 21 300 Euro jährlich pro Patient beläuft (Lauer-Taxe, Stand 1. Oktober 2018). Sandoz hatte zunächst 21 Prozent angekündigt, dann aber nachjustiert. Die Kostenersparnis lässt sich anhand der Apothekenverkaufspreise für einen Patienten berechnen, der pro Quartal sechs 40- mg-Einheiten in der Erhaltungstherapie bekommt: 3 354,43 Euro mal vier Quartale ergibt 13 417,72 Euro pro Jahr. Einen Tag nach der Kurskorrektur von Sandoz informierte auch Amgen das auf Anfrage, ebenfalls die Preise seines Präparats Amgevita erneut zu senken: Zum 15. November würden die Preise um 36 bis 39 Prozent verglichen mit dem Originalpräparat reduziert. Das US-Biotechunternehmen hatte zunächst nur eine Preisdifferenz von 18 Prozent angekündigt. Die Listenpreise werden im November in der Lauer-Taxe bekannt gegeben. Zwei weitere Firmen, Boehringer und Mylan, haben eine Zulassung für Adalimumab, andere sind auf dem Weg dahin.

Rheumatologen und ihre Patienten können sich über diesen Preissturz freuen, findet Prof. Dr. med. Jürgen Braun vom Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne. „Zum ersten Mal gibt es Preissenkungen für ein anti-TNF Biosimilar in dieser Größenordnung“, sagte der Experte, der die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) zu Biosimilars mitentwickelt hat. Bisher lagen die Preisunterschiede von Biosimilars und Originalprodukten bei etwa 10 bis 25 Prozent. Braun stimmen die aktuellen Einstiegspreise zuversichtlich: „Der zunächst von Biogen ins Rennen geworfene Kampfpreis war erst der Anfang, wie man an der umgehenden Korrektur von Sandoz und Amgen unschwer sehen kann.“ Die Produktionskosten seien für Firmen schließlich nicht mehr so hoch wie Ende des vergangenen Jahrtausends. Letztlich wird nach Meinung des Rheumatologen der kostengünstigste Anbieter gewinnen. Denn auf Basis der Stellungnahmen des Paul-Ehrlich-Instituts, der DGRh und der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft sind die von der EMA zugelassenen Biopharmazeutika im Prinzip gleich einsetzbar.

AbbVie ist gewappnet

AbbVie, die mit Humira bis 2017 insgesamt 8,1 Milliarden Euro allein im deutschen GKV-Fertigarzneimittelmarkt umgesetzt haben und dank ihres Blockbusters 2017 Platz fünf der profitabelsten Pharmafirmen Deutschlands belegten, haben sich auf die Konkurrenz vorbereitet. Zum 1. November beginnen mindestens 16 Rabattverträge (Open House) für das Originalpräparat mit Krankenkassen. Wichtig für den Arzt: „Den Stempel für Wirtschaftlichkeit erhält somit auch das Originalprodukt. Dennoch werden die neuen Biosimilars, die den Open-House-Verträgen beitreten, preislich günstiger sein als das Original“, erklärt Walter Röhrer, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Pro Biosimilars und Associate Director Market Access Biosimilars der Biogen GmbH. Die realen Preisvorteile könnten dann noch größer sein.

Über den Preissturz freuen können sich auch die Krankenkassen. „Die unerwartete Preisgestaltung durch einen preiswerten Wettbewerber zeigt, dass bei Biosimilars preislich noch sehr viel Luft nach unten besteht“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Helmut Schröder dem . Hersteller könnten den Preiswettbewerb auch dazu nutzen, eine größere Marktdurchdringung zu erreichen. Die günstigeren Präparate werden häufiger verschrieben. Das zeigen die Erfahrungen mit den Biosimilar-Wirkstoffen Infliximab und Etanercept. Bei Infliximab lag das Wachstum in den letzten beiden Jahren mit Marktexklusivität bei 22 Prozent, in den ersten beiden Jahren danach waren es 48 Prozent. Ähnlich verhält es sich bei Etanercept: Aus 4 Prozent Wachstum wurden 19 Prozent.

Auch der Rheumatologe Braun geht davon aus, dass zukünftig mehr Patienten von dem TNF-alpha-Blocker Adalimumab profitieren werden. Von den günstigeren Biosimilars erhofft er sich zudem einen „Impuls für die Frühbehandlung“ seiner Patienten. „Studien zeigen, dass Patienten, die früh und effektiv im Krankheitsverlauf mit Biologika behandelt werden, die Medikamente später zum Teil absetzen oder die Dosis reduzieren können. Von einer gängigen Praxis ist die frühe Therapie aber noch ziemlich weit entfernt.“ In Deutschland erhalten bisher nur 20 Prozent der potenziellen Patienten Biologika, während es in den USA bereits 40 Prozent sind. Zudem sind nicht nur die Verordnungsquoten für Biosimilars regional nach wie vor sehr unterschiedlich, was die unterschiedlichen Regulationsmaßnahmen widerspiegelt. Die bisher verfügbaren Biosimilars verdrängen die teureren Originale teilweise nur um wenige Prozent, einige haben aber bereits einen Stellenwert von mehr als 70 Prozent in der Versorgung (siehe Grafik). Zielvereinbarungen mit regionalen Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen könnten laut Röhrer zu einem höheren Versorgungsanteil führen.

GKV-Umsatz von Biosimilars in Deutschland
GKV-Umsatz von Biosimilars in Deutschland
Grafik
GKV-Umsatz von Biosimilars in Deutschland

Biosimilars in der Onkologie

Auch in der Onkologie geht es sowohl um die Einleitung neuer Therapien als auch um Therapiewechsel. Einen besonders schnellen Anstieg der Verordnungsanteile war zuletzt bei Rituximab zu beobachten, weniger gut lief es bisher bei Trastuzumab. „Ein möglicher Unterschied bei Trastuzumab ist, dass es vor allem kurativ in der adjuvanten Therapie des Mamakarzinoms eingesetzt wird und relativ wenig in der palliativen Therapie“, vermutet Prof. Dr. med. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Er glaubt, dass die Hürde in der kurativen Therapie etwas höher ist als in der palliativen. Dabei sei das Umstellen vom Original auf das Biosimilar bei Krebspatienten schwieriger als in der Rheumatologie, schätzt Wörmann. „Es beunruhigt unsere Patienten sehr, wenn eine gut wirksame gelbe Tablette durch eine blaue ausgetauscht wird.“ Der Preisnachlass müsse daher noch deutlicher als bisher ausfallen, damit man das Originalpräparat durch ein günstigeres Biosimilar austauscht. Bei einer Veranstaltung von Pro Biosimilars im September in Berlin zeigte Wörmann eine Liste mit etwa 90 Präparaten, von denen etwa ein Drittel Biopharmazeutika sind. „Seit 2011 haben wir in der Onkologie geradezu eine Flut an neuen Medikamenten“, sagte er. Erfreulicherweise könnten viele dieser Arzneimittel bei mehreren Indikationen eingesetzt werden.

Unterschiede zwischen Generika und Biosimilars
Unterschiede zwischen Generika und Biosimilars
Tabelle
Unterschiede zwischen Generika und Biosimilars

Neuer Blockbuster steht bereit

Mit der Rheumatologie und der Onkologie ist der Markt für Biosimilar-Hersteller aber noch längst nicht am Ende. Die erste Welle Biosimilars erhielt zwischen 2006 und 2012 die Zulassung der EMA. Hierbei handelte es sich hauptsächlich um Hormone und Zytokine: unter anderem Somatropin, Epoetin und Filgrastim. Es folgte eine zweite Welle vor allem mit monoklonalen Antikörpern zwischen 2013 und 2019, die Patienten in der Rheumatologie und Onkologie zugute kommen.

Die dritte Welle Biosimilars wird für die Jahre 2020 bis 2026 erwartet. Dieses Mal kommen Biopharmazeutika aus der Ophthalmologie und der Immunologie zum Zug. „Für Hersteller, die mit der Entwicklung noch nicht gestartet sind, ist es schon zu spät für eine Einführung bei Patentablauf“, sagte Carsten Brockmeyer, CEO der Münchener Formycon AG bei einer Pro Biosimilar-Veranstaltung. Sein Unternehmen ist bereits dabei, Biosimilars für die umsatzstärksten Produkte der dritten Welle zu entwickeln: Ranibizumab (Lucentis), Aflibercept (Eylea) und Ustekinumab (Stelara). Ranibizumab und Aflibercept werden zur Behandlung der neovaskulären altersbedingten Makuladegeneration und anderer Augenerkrankungen eingesetzt. Mit dem Antikörper Ustekinumab behandeln Ärzte inflammatorische Erkrankungen wie Psoriasis und Morbus Crohn. Das größte Potenzial vermutet Brockmeyer beim Wirkstoff Aflibercept, der schon heute sechs Milliarden Dollar Jahresumsatz generiert. „Eylea zeigt riesiges Wachstum und ist damit das Humira der dritten Biosimilar-Welle“, verkündete er im September in Berlin.

Er nutzte die Gelegenheit auch, um auf einen drohenden Wettbewerbsnachteil für Europa gegenüber den USA und anderen Ländern aufmerksam zu machen. Bei den bisher in der EU zugelassenen Biosimilars war der EU-Patentablauf des Referenzproduktes deutlich früher oder zeitgleich mit den USA. „Die ersten EU-Biosimilars konnten daher fast alle in Deutschland entwickelt und produziert werden“, berichtete Brockmeyer. Aufgrund der ergänzenden Schutzzertifikate (Supplementary Protection Certificates, SPC) hätten Arzneimittel in der EU nun meistens einen deutlich längeren Patentschutz als in den USA. Viele Originalpräparate der dritten Welle würden daher bis zu 25 Monate (Lucentis) früher in den USA ihre Marktexklusivität verlieren verglichen mit der EU. Das Problem für Unternehmen in der EU: Sie dürfen während der Patent- oder der SPC-Laufzeit nur Material für die zulassungsrelevanten Studien produzieren, aber nicht für die Marktversorgung. „Nur noch wenige Biosimilar-Hersteller entwickeln und produzieren daher in Europa.“

Eine Lösung könnte der EU-Gesetzesentwurf vom Mai 2018 zum Manufacturing Waiver bringen. Er sieht vor, dass Biosimilar-Unternehmen in Deutschland schon früher herstellen und exportieren dürfen – nämlich bereits während der verlängerten SPC-Laufzeit. „Das Gesetz muss schnellstmöglich umgesetzt werden, sonst besteht die Gefahr der vollständigen Abwanderung der Biosimilar-Hersteller und ihrer Entwicklungsabteilungen aus Europa“, warnt der Formycon-Chef, der zu den einflussreichsten Personen in der Arzneimittelbranche zählt.

Was Deutschland verpassen könnte? In Europa gibt es etwa 197 biotechnologisch hergestellte Wirkstoffe, davon 49 Biosimilars mit 15 Wirkstoffen. „Es bleiben also noch viele Wirkstoffe, für die es noch keine Biosimilars gibt.“ Brockmeyer ist überzeugt: „Das Zeitalter der Biosimilars beginnt gerade erst.“ Kathrin Gießelmann

GKV-Umsatz von Biosimilars in Deutschland
GKV-Umsatz von Biosimilars in Deutschland
Grafik
GKV-Umsatz von Biosimilars in Deutschland
Unterschiede zwischen Generika und Biosimilars
Unterschiede zwischen Generika und Biosimilars
Tabelle
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