ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD): Ärzte streiten für mehr Geld

POLITIK

Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD): Ärzte streiten für mehr Geld

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-1987 / B-1659 / C-1645

Korzilius, Heike

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Die Gesundheitsämter sind als Arbeitgeber nicht mehr konkurrenzfähig. Ärzte verdienen dort gut 1 500 Euro weniger als ihre Kollegen an den Krankenhäusern. Jetzt setzt der ÖGD auf den Marburger Bund.

Bad Kreuznach, Gießen, Fellbach: Dort sind Ärztinnen und Ärzte des ÖGD bereits dem Aufruf ihrer Berufsverbände zur „bewegten Mittagspause“ gefolgt. Weitere Veranstaltungen in Dresden, Hannover, Dortmund und Berlin sind geplant. In weißen Kitteln und blauen Warnwesten halten sie Schilder hoch: „Infektionsschutz braucht Fachärzte – im Gesundheitsamt“, ist dort zu lesen oder: „Facharzt im Gesundheitsamt – aber nicht für ein Gehalt 2. Klasse“. Bisher sei die Resonanz auf die „bewegte Mittagspause“ sehr gut gewesen, sagt Dr. med. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), der die Interessen der rund 2 500 Beschäftigten in den Gesundheitsämtern vertritt. „Leider können wir angesichts unserer Größe keine Massen auf die Straßen bringen“, so Teichert. „Aber wir können versuchen, unseren Leuten klarzumachen, dass es wichtig ist, sich zu beteiligen und die Öffentlichkeit auf unsere Probleme aufmerksam zu machen.“

Der Nachwuchs wird abgeschreckt

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Denn die Ärzte im ÖGD werden nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt und verdienen gut 1 500 Euro weniger als die Kollegen im Krankenhaus. Auch im Vergleich zu den Ärzten im Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung, bei der Deutschen Rentenversicherung oder der Knappschaft-Bahn-See fallen die Gehälter der Ärzte in den Gesundheitsämtern Teichert zufolge deutlich niedriger aus. Das schrecke zunehmend den Nachwuchs ab. „Ich kenne viele Ärztinnen und Ärzte, die entweder gar nicht erst in den ÖGD gehen, weil sie so wenig verdienen, oder ihn nach kurzer Zeit wieder verlassen“, sagt die Verbandsvorsitzende und nennt Zahlen: Arbeiteten 1995 noch 3 780 Ärzte in den Gesundheitsämtern, waren es 2018 noch 2 514, ein Rückgang um 35 Prozent.

„Wenn wir verhindern wollen, dass der ÖGD ausblutet, muss sich bei den Tarifen etwas ändern“, meint Teichert. Der BVÖGD hat deshalb Ende 2017 die Mitgliedschaft im dbb beamtenbund und tarifunion gekündigt. Denn die Gewerkschaft verhandelte nicht spezifisch für die Ärzte im ÖGD, sondern insgesamt für alle Angestellten im öffentlichen Dienst. „Unsere Forderung lautet jetzt: Ärzte sind Ärzte, und die Tarifverhandlungen für Ärzte führt nach unserem Austritt aus dem dbb der Marburger Bund (MB)“, betont Teichert. Für Anfang 2019 stehen neue Tarifverhandlungen für die Ärzte in den kommunalen Krankenhäusern zwischen dem MB und der Vereinigung kommunaler Arbeitgeber (VKA) an. Der Abschluss für die Ärzte an den kommunalen Krankenhäusern soll dann auch für die Ärzte im ÖGD gelten. Angesichts der Zahl der betroffenen Ärzte sei es eigentlich lächerlich, dass die Kommunen sich seit Jahren gegen Verbesserungen sperrten, meint Teichert. „Wir reden ja nicht über Hunderttausende Lehrer oder Polizisten.“ Hier gehe es offenbar ums Prinzip: „Der VKA hat Angst davor, dass andere Berufsgruppen aus dem öffentlichen Dienst dem Beispiel der Ärzte folgen könnten“, meint Teichert. Heike Korzilius

Foto: BÄK
Foto: BÄK

3 Fragen an . . .

Dr. med. Susanne Johna, Mitglied im Bundesvorstand des Marburger Bundes

Der BVÖGD hat die Mitgliedschaft im dbb beamtenbund und tarifunion gekündigt. Was wird der Marburger Bund (MB) jetzt tun?

Der MB kann jetzt für die Ärztinnen und Ärzte im ÖGD verhandeln, denn die Tarifbindung an den TVÖD ist auch für die Mitglieder des BVÖGD vollständig entfallen. Entscheidend ist die Bereitschaft der Kollegen im ÖGD, für ihre Ziele einzutreten. Das haben sie in einem ersten Schritt bei mehreren Kundgebungen gezeigt. Die vielen Lippenbekenntnisse zur Unterstützung des ÖGD, beispielsweise der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renzen, haben bisher keine relevanten Verbesserungen gebracht. Als Marburger Bund wollen wir endlich die tarifliche Benachteiligung von Ärztinnen und Ärzten im ÖGD beenden.

Werden dadurch die Nachwuchssorgen des ÖGD behoben?

Den kommunalen Arbeitgebern muss klar sein, dass ohne eine bessere Vergütung die Nachbesetzung offener Stellen kaum noch gelingen wird. Die schlechtere Vergütung ist der entscheidende Grund für die Nachwuchssorgen. Doch es ist auch wichtig, die vielen positiven Aspekte, die diese ärztliche Aufgabe mit sich bringt, herauszustellen, um auch junge Kolleginnen und Kollegen für das Fach zu begeistern.

Warum führt der ÖGD in der öffentlichen Wahrnehmung so ein Schattendasein?

Ich denke, vielen politischen Akteuren ist klar, dass eine personelle Stärkung des ÖGD gerade auch aufgrund der Zunahme der Aufgaben dringend nötig ist. Allerdings muss der verbalen Unterstützung auch die materielle folgen. Der ÖGD ist auch für Bevölkerungsgruppen da, für die es keinen oder nur einen erschwerten Zugang zur Regelversorgung gibt. Was die Ärztinnen und Ärzte im ÖGD alles leisten, fällt leider oft erst auf, wenn es wegen Personalmangel nicht mehr stattfindet. Umso wichtiger ist es, dass der ÖGD sein Licht nicht unter den Scheffel stellt.

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