ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Es hakt bei der Umsetzung

POLITIK

Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Es hakt bei der Umsetzung

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-1990 / B-1662 / C-1648

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Wissen um vermeidbare Risiken bei der Arzneimitteltherapie hat zugenommen. Allerdings werden noch längst nicht alle Patienten ausreichend vor Medikationsfehlern geschützt. Experten fordern eine Verankerung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit im Sozialgesetzbuch V.

Polypharmazie: Jeder vierte Versicherte nimmt fünf oder mehr Arzneimittel ein. Das geht aus dem Arzneimittelreport der Barmer 2018 hervor. Foto: Gina Sanders/stock.adobe.com
Polypharmazie: Jeder vierte Versicherte nimmt fünf oder mehr Arzneimittel ein. Das geht aus dem Arzneimittelreport der Barmer 2018 hervor. Foto: Gina Sanders/stock.adobe.com

Um möglichst alle Patientinnen und Patienten vor vermeidbaren Risiken einer Arzneimitteltherapie zu schützen, muss das Konzept der Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS, siehe Kasten) im Sozialgesetzbuch V verankert und Teil der externen Qualitätssicherung werden. Prof. Dr. med. Daniel Grandt fand zum Auftakt des 5. Deutschen Kongresses für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie deutliche Worte. Der Kongresspräsident würdigte zwar die Fortschritte, die die AMTS seit dem ersten Kongress im Jahr 2005 gemacht habe. So sei das Wissen um vermeidbare Risiken und risikominimierende Interventionen deutlich gewachsen. Grandt betonte aber auch, dass man noch längst nicht dort angekommen sei, wo man hinwolle. „Die einzige Maßnahme aus den bislang vier Aktionsplänen, die es ins Gesetz geschafft hat, ist der bundeseinheitliche Medikationsplan“, erklärte der Internist, der auch Mitglied im Vorstand der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) ist.

Anzeige

Richtige Prioritäten setzen

Grandt führte mehrere Gründe an, die der Arznei­mittel­therapie­sicherheit im Wege stehen. So habe der Schutz der Patienten vor Medikationsfehlern im Gesundheitswesen nicht die oberste Priorität. Im medizinischen Alltag würden ökonomische Aspekte oftmals über die Patientensicherheit gestellt. Beispielsweise legten Studien nahe, dass die Mortalitätsrate in Krankenhausabteilungen mit einer Auslastung von mehr als 80 Prozent höher sei, als wenn weniger Patienten versorgt werden müssten. Konsequenzen aus dieser Erkenntnis würden hingegen nicht gezogen. Dazu komme, dass kaum Anreize für die AMTS gesetzt würden. Weder werde sie finanziell belohnt noch fließe sie in die externe Qualitätssicherung ein. „Aber nur was man misst, wird man kontinuierlich verbessern“, sagte Grandt.

Dass sich AMTS messbar verbessern lässt, belegte der Arzneimittelexperte anhand einer Studie von Dreischulte et al., die 2016 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde1. Gegenstand war die Hochrisikoverschreibung von nicht-steroidalen Antirheumatika in Kombination mit Thrombozytenaggregationshemmern in schottischen Hausarztpraxen. Denn nicht selten werden durch eine solche Kombination Patienten geschädigt, weil unerwünschte Wechselwirkungen eintreten. In der Studie konnte gezeigt werden, dass sich die Prävalenz dieser Hochrisikoverordnungen durch ein Bündel von Maßnahmen dauerhaft um fast 40 Prozent verringern lässt. Dazu gehörte zum einen die präzise Definition von Verordnungsregeln und die Schulung der beteiligten Hausärzte. Zum anderen wurde sichergestellt, dass Verordnungsrisiken IT-gestützt identifiziert und die Ärzte für ihren erhöhten Aufwand vergütet wurden.

Vielfach scheitern Verbesserungen bei der AMTS Grandt zufolge aber auch an der inadäquaten Risikowahrnehmung von Ärzten und Patienten, die zu sorglos mit der Medikamentenverordnung und -einnahme umgehen. Wie bei der Einführung der Anschnallpflicht im Auto müsse ein angemessenes Verständnis für die Risiken einer Arzneimitteltherapie vermittelt werden.

Problematisch ist nach Ansicht von Grandt auch die fehlende Sicherheitskultur in Krankenhäusern und Arztpraxen. So hätten von rund 1 000 Mitarbeitern onkologischer Abteilungen in neun Krankenhäusern 53 Prozent über Bedenken zur Patientensicherheit und 43 Prozent über die Nichteinhaltung wichtiger Sicherheitsregeln berichtet. 20 Prozent hätten dabei angegeben, Probleme nicht durchgängig anzusprechen2. „Das Schweigen über Fehler oder Beinahefehler ist ein Risiko“, sagte Grandt.

„Die einzige Maßnahme aus den vier Aktionsplänen, die es ins Gesetz geschafft hat, ist der Medikationsplan.“ Daniel Grandt, Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. Foto: Klinikum Saarbrücken
„Die einzige Maßnahme aus den vier Aktionsplänen, die es ins Gesetz geschafft hat, ist der Medikationsplan.“ Daniel Grandt, Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. Foto: Klinikum Saarbrücken

Zumal die Arzneimitteltherapie immer komplexer und unübersichtlicher wird. So weist der Arzneimittelreport 2018 der Barmer, dessen Koautor Grandt ist, darauf hin, dass inzwischen jeder vierte Versicherte fünf oder mehr Arzneimittel einnimmt. Dabei werden zwei von drei Patienten mit Polypharmazie von drei oder mehr Ärzten behandelt und 64 Prozent beziehen Arzneimittel aus mehr als einer Apotheke. Bei der Vielzahl der am Medikationsprozess Beteiligten sei es nicht sichergestellt, dass der Arzt immer über alle relevanten Informationen verfüge, gab Grandt zu bedenken. Ein Erfolg bei der Verbesserung der Therapiesicherheit setzte deshalb neben dem sinnvollen Einsatz von IT-Technik im Rahmen von elektronischen Medikationsplänen, Gesundheitskarten und Patientenakten vor allem die Zusammenarbeit von Ärzten, Apothekern, Pflegekräften, Patienten und deren Angehörigen voraus.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) hat seit der Erarbeitung des ersten Aktionsplans für Arznei­mittel­therapie­sicherheit im Jahr 2008 rund 6,2 Millionen Euro für Forschungsprojekte bewilligt. Darauf wies zum Kongressauftakt der Leiter der Abteilung 1 „Arzneimittel und Medizinprodukte“, Thomas Müller, hin. Außerdem hätten die vom BMG geförderten Aktionspläne wesentlich dazu beigetragen, das Bewusstsein für die AMTS zu stärken. Immerhin schätzten Gesundheitsökonomen die jährlichen Behandlungskosten aufgrund unerwünschter Arzneimittelereignisse in Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro jährlich.

Im Rahmen seines Digitalisierungskonzepts wolle das BMG insbesondere Projekte wie das elektronische Rezept, den digitalen Medikationsplan und digitale Ergänzungen zum Beipackzettel fördern, damit wichtige Informationen und Warnhinweise schnell und IT-gestützt bereitgestellt werden könnten. Dabei ist der Zeitplan des Ministeriums ehrgeizig. Die Einführung des elektronischen Rezepts soll Müller zufolge bis Ende 2019 erfolgen. Um einen umfassenden Informationsaustausch sicherzustellen, müssten zudem Schnittstellen zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken geschaffen werden. „Die Qualität der Arzneimitteltherapie hängt immer von allen Beteiligten ab“, betonte Müller. Er warnte zugleich davor, über der Prozessqualität der Arzneimitteltherapie die Produktqualität aus den Augen zu verlieren. Skandale wie die um den verunreinigten Blutdrucksenker Valsartan oder illegal gehandelte Krebsmedikamente in Brandenburg hätten das in jüngster Zeit eindrücklich belegt. „Das Ministerium wird hier in Kürze ein Gesetzespaket vorlegen“, kündigte Müller an.

Die Sicherheit von Arzneimitteln hatte zuvor bereits der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, thematisiert. Zur Therapiesicherheit gehöre, dass auch die Arzneimittel selbst höchsten Qualitätsanforderungen genügten. Mittlerweile kämen aber rund 80 Prozent der in Deutschland verfügbaren Wirkstoffe aus Billiglohnländern wie China oder Indien. „Wir brauchen wirksame Kontrollmechanismen, die den Import verunreinigter Arzneimittel verhindern“, forderte Montgomery. Notwendig seien Anreize für die Industrie, Produktionsstätten wieder nach Europa zu verlagern. Das könne auch das Problem der Lieferengpässe entschärfen, meinte der BÄK-Präsident. Heike Korzilius

1DOI: 10.1056/NEJMsa1508955

2DOI: https://doi.org/10.1016/j.zefq.2016.05.0119

Definitionen und Aktionspläne

Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS) umfasst nach der Definition der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) sämtliche Maßnahmen, die einen optimalen Medikationsprozess gewährleisten. Ziel ist es, Medikationsfehler zu verringern. Als Medikationsfehler gilt ein Abweichen von dem für den Patienten optimalen Medikationsprozess, das zu einer grundsätzlich vermeidbaren Schädigung führt oder führen könnte. Medikationsfehler können jeden Schritt des Medikationsprozesses betreffen und von jedem an diesem Prozess Beteiligten verursacht werden, also von Ärzten, Apothekern oder Angehörigen anderer Gesundheitsberufe sowie von Patienten und deren Angehörigen.

Der 1. Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie fand 2005 in Saarbrücken statt. In dessen Mittelpunkt stand noch die Frage, welche Risiken bei der Arzneimitteltherapie vermeidbar und welche Patientengruppen besonders gefährdet sind. Der 5. Kongress beschäftigte sich im Oktober 2018 in Berlin mit der Frage, warum die AMTS noch nicht flächendeckend allen Patienten zugute kommt.

Seit 2008 sind vier Aktionspläne zur AMTS aufgelegt worden. Sie alle wurden finanziell vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gefördert. Die erfolgreichste Maßnahme war bislang die Einführung des bundeseinheitlichen Medikationsplans, auf den Patienten, die dauerhaft mehr als drei Medikamente einnehmen, einen gesetzlichen Anspruch haben. Auch die sogenannte PRISCUS-Liste, die potenziell schädliche Medikamente für alte Menschen aufführt, sowie Empfehlungen zu Hochrisikoarzneimitteln und der Arzneimitteltherapie in Pflegeheimen sind aus AMTS-Aktionsplänen hervorgegangen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige