ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Anästhesie bei älteren Patienten: Sedierungstiefe hat kaum Einfluss auf die Entwicklung eines postoperativen Delirs

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Anästhesie bei älteren Patienten: Sedierungstiefe hat kaum Einfluss auf die Entwicklung eines postoperativen Delirs

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-2012 / B-1679 / C-1664

Vetter, Christine

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Foto: Bergringfoto/stock.adobe.com
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Den Einfluss der Sedierungstiefe auf die Entwicklung eines postoperativen Delirs nach Versorgung einer hüftnahen Fraktur hat die STRIDE-Studie über einen Zeitraum von fast 5 Jahren bei 200 Patienten im mittleren Alter von 82 Jahren untersucht. Jeweils 100 Patienten in jeder Gruppe erhielten als Anästhesieverfahren eine Spinalanästhesie und randomisiert verblindet entweder eine leichtere (OAA/S Score 3–5) oder eine stärkere Sedierung (OAA/S Score 0–2) mit Propofol. Ausgeschlossen von der Studie waren Patienten unter anderem mit einem präoperativen Delir sowie Patienten mit schwerer Demenz.

Die allgemeine Delir-Inzidenz in den ersten 5 postoperativen Tagen betrug 36,5 % (beide Patientengruppen) sowie 39 % in der Gruppe mit starker und 34 % bei leichter Sedierung. Der Unterschied war nicht signifikant (p = 0,46). Eine präspezifizierte Subgruppenanalyse ergab allerdings ein doppelt so hohes Delirrisiko (Hazard Ratio: 2,3; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,1; 4,9]) bei starker Sedierung gegenüber der leichten Sedierung bei Patienten mit einem CCI (Charlson Comorbidity Index) von 0. Bei Patienten mit einem CCI > 0 hatte die Sedierungstiefe keinen Einfluss auf das postoperative Delir- Risiko.

Fazit: Die Studie zeigt an einem klar definierten Patientenkollektiv mit standardisiertem Anästhesie- und Sedierungsverfahren, dass bei älteren Patienten mit vorhandener Komorbidität wie Herzinsuffizienz, koronare Herzerkrankung, Diabetes mellitus oder COPD die mit objektivierbaren Kriterien definierte Sedierungstiefe keinen Einfluss auf die Inzidenz eines postoperativen Delirs hat, kommentiert Professor Dr. med. Stefan Kleinschmidt. Er ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie an der BG Unfallklinik Ludwigshafen.

Die klinische Relevanz der vorliegenden Studie kann nach Einschätzung von Kleinschmidt darin bestehen, dass bei älteren Patienten mit niedriger Komorbidität die Sedierungstiefe unter anderem die Dauer einer stationären Behandlung, aber auch die Gesamtprognose beeinflussen kann. „Auch wenn die vorliegende Studie diese Fragestellung nicht untersucht hat, sollte bei Patienten dieser Alters- und Komorbiditätsklasse die Indikation zur medikamentösen Sedierung als solche bei Eingriffen in Spinalanästhesie kritisch überdacht werden“, so Kleinschmidt. Eine entsprechende Untersuchung könne das bisherige Wissen um die Mechanismen der Entstehung eines postoperativen Delirs und deren Vermeidung erweitern. Christine Vetter

Sieber FE, Neufeld K, et al.: Effect of depth of sedation in older patients undergoing hip fracture repair on postoperative delirium, JAMA Surg 2018; doi: 10.1001/jamasurg.2018. 2602.

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drwawer
am Sonntag, 14. Juli 2019, 17:24

Studiendesign CCI=0

Sehr geehrte Redaktion,
gemäß CCI-Protokoll erhalten Patienten der Altersklasse älter als 50 Jahre bereits mindestens 1 CCI-Punkt. Die Beschreibung zur Subgruppenanalyse ist nicht verständlich in Anbetracht des Studiendesigns.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. J. Wawer Matos
Karlsruhe
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