ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Nichtraucherschutz: Konsequent geht anders

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Nichtraucherschutz: Konsequent geht anders

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-1977 / B-1651 / C-1637

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Das Wort des Jahres könnte „Fahrverbot“ oder „Hambacher Forst“ werden. Seit Monaten diskutiert Deutschland über Stickoxide im Straßenverkehr durch Dieselfahrzeuge und die anstehende Rodung des Waldgebietes vor den Toren Kölns für den Braunkohleabbau. Bei beiden Themen geht es um gesundheitsschädliche Auswirkungen der Luftverschmutzung für den Menschen und bei beiden Themen macht die Politik wegen ihres inkonsequenten Verhaltens und widersprüchlicher Aussagen eine schlechte Figur. Die Gesundheit der Bevölkerung auf der einen und die Arbeitsplätze der Auto- beziehungsweise Braunkohle-
industrie auf der anderen Seite scheinen eine unüberwindbare Hürde für eine stringente und für den Bürger nachvollziehbare Strategie zu sein.

Schaut man sich den Nichtraucherschutz an, kommen einem diese Mechanismen bekannt vor. Rückblick: „Raucherkneipe“ kam 2007 immerhin auf Platz 3 bei der Wahl zum Wort des Jahres, in dem die ersten Gesetze zum Nichtraucherschutz auf Bundes- und Landesebene verabschiedet wurden. Danach folgten ebenfalls heftige Diskussionen um die wirtschaftlichen Folgen der Verbote wie die Belastung der Gastronomie, die einen Rückgang der Gäste fürchtete. Ergebnis war ein Flickenteppich an unterschiedlichen Nichtraucherschutzgesetzen in den Ländern. Elf Jahre später besucht die Bevölkerung weiterhin die inzwischen überwiegend rauchfreien Restaurants und Kneipen. Der Gaststättenkollaps blieb aus.

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Dennoch fehlt auch hier eine letzte Konsequenz der Politik. Weder sind die Zigarettenpreise abschreckend hoch geworden, noch hat Deutschland – als einziges Land in Europa – das Verbot von Tabakaußenwerbung umgesetzt. Am Ende der vergangenen Legislaturperiode hatte die Unionsfraktion, allen voran Fraktionschef Volker Kauder und der Wirtschaftsflügel der CDU, einen schon 2016 verabschiedeten Gesetzentwurf immer wieder blockiert. Und das obwohl die damaligen Bundesminister Christian Schmidt (Ernährung), Hermann Gröhe (Gesundheit) und die Drogenbeauftragte Marlene Mortler die eigene Fraktion in einem Brief darauf hingewiesen hatte, dass „Kinder und Jugendliche der Tabakwerbung auf Plakaten im öffentlichen Raum und Kino nicht ausweichen könnten“. Wieder ein Kampf zwischen Gesundheit und wirtschaftlichen Interessen, wobei letztere offensichtlich das stärkere Argument waren. Jetzt ist Kauder nicht mehr Fraktionschef und Mortler macht einen neuen Anlauf für ein Verbot von Tabakaußenwerbung. Man darf gespannt sein, wie sich der neue Fraktionschef der Union, Ralph Brinkhaus, positioniert.

Eine weitere Chance, in Sachen Nichtraucherschutz konsequent zu handeln, hat die Regierung bei einem gesundheitsgefährdenden Umfeld, dem sich Kinder nun wirklich nicht entziehen können: Rauchen im Auto. Die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz hat sich für ein bundesweites Rauchverbot in Autos mit Minderjährigen und Schwangeren ausgesprochen. Ein Verbot, das Kinderorganisationen und Ärzteschaft schon lange immer wieder einfordern. Zuletzt auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag in Erfurt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie ein paar gerauchte Zigaretten die wenigen Kubikmeter Luft in einem Auto verpesten. Mehrere europäische Länder haben solch eine Regelung bereits eingeführt.

Beide Vorhaben werden zeigen, wie konsequent die Politik dieses Mal ist und wie zügig sie sich um die Gesundheit der Bevölkerung kümmert – vor allem im Interesse der Kinder und der Ungeborenen.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #715180
DrSchnitzler
am Freitag, 2. November 2018, 10:20

Des Kaisers neue Kleider?

@ Baldur
(1) Ich sehe kein Argument, das die These "(auch) Tabakkontrolle lügt wie gedruckt" zu widerlegen imstande ist.

(2) Die genannte Quelle (2018) beginnt ihr Resultat mit den Worten: "Childhood secondhand smoke exposure was NOT associated with all-cause mortality."

(3) Als Ärzte sehe ich unsere Aufgabe darin, Menschen durchaus zu "gesundem Verhalten" AUFZUFORDERN, also bspw. auf bestimmte, MÖGLICHE Risiken HINZUWEISEN; das gilt dann aber gleichermaßen bspw. für Risikosportarten: die amtliche (!) Todesursachenstatistik weist jährlich rund 300 tödliche Sportunfälle in D aus, von hunderttausenden zT Schwerverletzten erst gar nicht zu reden. Eine BEVORMUNDUNG geht aber in jeder Hinsicht WEIT über unsere Kompetenzen hinaus, und vertritt mMn ein völlig antiquiertes und vor allem GESCHEITERTES Selbstverständnis.

Frage man doch mal bspw. einen Verhaltenstherapeuten, was Aussagen wie "... zumal das Rauchen zunehmend ein Phänomen der unteren sozioökonomischen Schichten sei" (2016), oder die hübschen "Sammelbildchen" auf Zigarettenpackungen, die mMn in ihrer Machart an übelste Kriegspropaganda erinnern ("world war against tobacco"; "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit"), beim Adressaten BEWIRKEN. Kooperation?
Avatar #92096
baldur
am Freitag, 2. November 2018, 08:04

Rauchen und COPD

Menschen, die niemals Zigaretten geraucht haben, haben als Erwachsene ein höheres Risiko, an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) zu sterben, wenn sie als Kind dem Passivrauch ihrer Eltern ausgesetzt waren. Dies geht aus der Analyse einer prospektiven Kohortenstudie im American Journal of Preventive Medicine (2018; 55: 345–352) hervor.
https://www.aerzteblatt.de/n97240


Passivrauchen schadet Kindern: US-Kardiologen fordern Null-Toleranz
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70484

Avatar #715180
DrSchnitzler
am Freitag, 2. November 2018, 01:29

Des Kaisers neue Kleider ...

(Vorsorglich die Feststellung, dass der Verfasser keinen (!) Interessenkonflikten unterliegt. Als Arzt und "passionierter Pfeifenraucher" fallen ihm sehr wohl eine ganze Menge guter Gründe ein, nicht zu rauchen. Dennoch steht er auf dem Standpunkt, dass allem voran "der Wahrheit die Ehre" gebührt.)


Die Frage kann nicht sein, was "mehrheitlich erwünscht" ist, denn der Innenraum des eigenen PKW's gilt verfassungsmäßig zunächst einmal als "Privatsphäre". Überdies GEHÖRT der PKW (regelhaft) ganz sicher nicht dem Kind, das prinzipiell erst einmal KOSTENLOSER NUTZNIESSER von freiwilligen "Taxidiensten" (Schule, Freizeit usw.) bis hin zu Urlaubsfahrten "zu Lasten" des Eigentümers (immer m/w) ist.

UNABDINGBAR vorausgesetzt, es handelt sich NICHT um eine konkrete GEFÄHRDUNG (quod erit demonstrandum): wo wäre da die "Ausgewogenheit"?

Die Frage muss zunächst einmal lauten: Werden GESUNDE Minderjährige GEFÄHRDET, wenn Dritte rauchen?

Wissenschaftliche Feststellungen hierzu existieren mW bislang LEDIGLICH auf der Basis "epidemiologischer Studien", wie sie zB der "Surgeon General" verbreitet (1). Dort ist aber bspw. sinngemäß zu lesen:

"GESUNDE Raucher infizieren NEUN von ZEHN Kindern mit Tuberkulose" (Zitate 1a-b).

Nun muss nicht jeder Nicht-Mediziner zwangsläufig wissen, dass Tuberkulose (TB) einzig und allein durch "Bakterien" verursacht wird ("M. tuberculosis, is, of course, the necessary cause of TB"); es bleibt – in Wahrheit – aber KEINERLEI Spielraum für irgendwelche Spekulationen (wie "smoking as a cause of TB disease"): keine Bakterien - keine TB. Ohne jede Ausnahme. BIOLOGISCH UNMÖGLICH.

Eine solche Aussage muss also, Unwissenheit des Rezipienten vorausgesetzt, durchaus als "vorsätzliche Irreführung" bezeichnet werden (erschwerend kommt in diesem Fall die vorgebliche "Autorität" der Verfasser hinzu, die gar als Teil der WHO auftreten). Dezidierte "Sachkunde" vorausgesetzt, ist eine solche Verknüpfung schlichtweg "abenteuerlich".

Es ist überdies – generell – völlig ausgeschlossen ("METHODISCH nicht möglich"), allein aus "epidemiologischen Studien" (sagen wir, etwas ketzerisch überspitzt: "Data-Mining", alias "reine Empirie") quasi "abschließend" eine "Ursache" zu behaupten (2). Die Tatsache, dass etwas in hohen Dosen toxisch ist (vgl. Arsen), besagt bekanntlich nichts über seine Eigenschaften in anderen Dimensionen. Überdies wären derart simple "Hochrechnungen" (von hohen zu niedrigen Risiken; insbesondere ohne konkrete Sachaufklärung) ggf. völlig ungeeignet, Besonderheiten bspw. im Einzelfall vorkommender "J-Kurven" (vgl. niedrige Cholesterinwerte, niedriger Blutdruck) zu detektieren.

Derartige Folgerungen (aus "risk factors that are neither necessary nor sufficient") sind also in höchstem Maße EIGENMÄCHTIGE "Interpretationen" ("have been interpreted as causal"), und insofern ganz offensichtlich VORSÄTZLICHE FALSCHAUSSAGEN zum Nachteil der vollkommen zweifelsfrei (!) zu Unrecht beschuldigten Raucher.

Es geht hier also um ganz genau denjenigen Sachverhalt, der mit dem 9. Gebot ("falsches Zeugnis wider den Nächsten") gemeint ist.

Es geht um ganz genau den Sachverhalt, der mit dem §164 StGB ("wissentliche Vorspiegelung falscher Tatsachen": "additional risk factors that are neither necessary nor sufficient have been interpreted as causal") gemeint ist.

"... that ARE ... have been ...". Vollendeter Betrug. Verhöhnung der Öffentlichkeit.

Und von derartigen "Leuten" soll man sich das Geringste (VER)BIETEN lassen?

NEIN.

Wo aber sind BEWEISE, dass Rauchverbote irgendeine konkrete Verbesserung der Gesundheit GESUNDER Minderjähriger bewirken?

Wurden in Ländern mit existierenden Rauchverboten WIRKLICH bspw. die oft erwähnten "Mittelohrentzündungen" bei Kindern (nebenbei: otitis media ist wie TB ebenfalls eine BAKTERIELLE Infektion) substanziell reduziert? Oder reden wir etwa nur über "des Kaisers neue Kleider"?

Wird hier also nicht etwa SCHINDLUDER getrieben mit den Gefühlen einer gutgläubigen Bevölkerung, über "bewährte Stimmungsmache" (via Kinder als Empathieträger) gegen eine missliebige Minderheit?

"Mehrheit ist Mehrheit", sagte (wohl) schon Konrad Adenauer. Einzelne Menschen, auch eine MINDERHEIT wie die Raucher, haben aber dennoch bestimmte Grundrechte. Diese dürfen bekanntlich ALLEIN auf der Basis KONKRET ABSEHBARER GEFAHR eingeschränkt werden. SPEKULATIONEN ("Befürchtungen") können hier nicht genügen, da in diesem Fall "Jeder Jedem Alles" verbieten könnte. Demokratie bedeutet bekanntlich: alle Menschen sind GLEICH geboren. Niemand darf seinem Nachbarn GRUNDLOS irgendetwas verbieten. Und wenn es ihm noch so wenig "passt".

Und SCHON GAR NICHT, indem man dem Gesetzgeber und der Öffentlichkeit "wissentlich falsche Tatsachen vorspiegelt" (alias: "belügt").

Man mag also zum (Zigaretten-) Rauchen stehen wie man will: SO GEHT ES NICHT; ob dies übrigens für Pfeife und Zigarre gleichermaßen gelten kann, sei dahingestellt, da diese im Einzelfall – in gesundheitlicher Hinsicht – "lebenslangen Nichtrauchern" gleichgestellt werden (3), und somit – offensichtlich – nicht einmal für sich selbst eine nennenswerte Gefahr darstellen.


Auf welche Art und Weise GENAU wären also GLOBALE VERBOTE in die PRIVATSPHÄRE hinein VERFASSUNGSKONFORM begründbar?

_______________
Literatur:

(1) U.S. Department of Health and Human Services (2014) The health consequences of smoking – 50 years of progress. A report of the surgeon general. Centers for Disease Control and Prevention, National Center for Chronic disease Prevention and Health Promotion, Office on Smoking and Health, Atlanta

(1a) S. 382: „In a study in Thailand among children younger than 15 years of age, Tipayamongkholgul and colleagues (2005) found a ninefold increased risk for TB disease with close passive exposure to smoke and no known direct contact with a person with TB“.

(1b) S. 384: „The evidence reviewed in this section implicates smoking as a cause of TB disease. The infectious organism that causes tuberculosis, M. tuberculosis, is, of course, the necessary cause of TB. However, other agents can increase risk for TB by acting to increase the risk for infection or by increasing the risk for disease in those who are infected. Within the framework for causal inference used in the Surgeon General’s reports, such additional risk factors that are neither necessary nor sufficient have been interpreted as causal.“

(2)
https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/diesel-skandal-wissenschaftler-widersprechen-schlussfolgerungen-der-abgeordneten-zu-gesundheitlich/
Zitat: „Epidemiologische Studien können, wie oben beschrieben, keine Aussage zur Kausalität liefern (...) wäre daher aus Sicht des UBAs korrekt, wenn sie ergänzt würde durch ‚…zwar nicht erwiesen, weil dies methodisch nicht möglich ist (...)“

(3) Inoue-Choi M et al. (2016) Association of long-term low-intensity smoking with all-cause and cause-specific mortality in the NIH-AARP Diet and Health Study. JAMA Internal Medicine. December 5, 2016. DOI: 10.1001/jamainternmed.2016.7511

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