ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2018Nationalsozialismus: Verantwortung übernehmen

THEMEN DER ZEIT

Nationalsozialismus: Verantwortung übernehmen

Dtsch Arztebl 2018; 115(44): A-2000 / B-1668 / C-1654

Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin hat ein Pilotprojekt gestartet, um die Geschichte der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) im Nationalsozialismus zu erforschen. Finanziert wird das Forschungsprojekt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Ab April 1933 wurden Praxisschilder jüdischer Ärzte oft mit dem Aufkleber „Achtung Jude! Besuch verboten!“ überklebt. Foto: picture alliance
Ab April 1933 wurden Praxisschilder jüdischer Ärzte oft mit dem Aufkleber „Achtung Jude! Besuch verboten!“ überklebt. Foto: picture alliance

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat beim Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin ein Pilotprojekt in Auftrag gegeben, um die Geschichte der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) im Nationalsozialismus zu erforschen.

Anzeige

„Mit dem Projekt wollen wir die Vergangenheit unserer Vorgängerorganisation mit wissenschaftlicher Expertise systematisch aufarbeiten. Denn genau darum geht es: Sich der historischen Verantwortung zu stellen, die bis heute und für alle Zeit aus den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes erwächst“, sagte KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Andreas Gassen. Jüdische Ärzte seien damals Opfer gewesen, aber Ärzte auch Täter, die sich gegenüber ihren Kollegen sowie anderen Menschen schuldig gemacht hätten. „Das ist nicht nur ein ‚Teil‘ unserer Geschichte, sondern es ist eine Wunde, die niemals heilt“, sagte Gassen.

Gedenkfeier am 8. November

Neben diesem Projekt wollen Kassenärztliche Bundesvereinigung und Bundes­ärzte­kammer gemeinsam zum Gedenken an jüdische Ärzte, die während der Zeit des Nationalsozialismus unter Repressionen gelitten haben, am Herbert-Lewin-Platz im Rahmen einer Gedenkfeier am 8. November eine Gedenktafel einweihen (siehe Kasten). Gerade an einem Platz mit historischer Bedeutung (siehe Kasten Herbert Lewin) sei dies ein wichtiges und gutes Zeichen, zumal die Ärzteschaft dort auch ihren Sitz habe, sagt Gassen im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Das wissenschaftliche Forschungsprojekt an der TU Berlin wird von der KBV zunächst über zwei Jahre mit 180 000 Euro finanziert. „Wir rechnen damit, auf Basis bisher unzugänglicher Quellen in erheblichem Maße neue Erkenntnisse über die Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus zu erlangen, etwa was die Formulierung von rassistischen und antisemitischen Kategorien auf pseudowissenschaftlicher Grundlage angeht – oder die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigung beim Berufsausschluss jüdischer Kolleginnen und Kollegen“, sagte Projektleiter Prof. Dr. Samuel Salzborn.

Das Vorhaben geht auf einen Antrag der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vom Dezember 2017 zurück, wonach der KBV-Vorstand ein neues Konzept zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte vorlegen sollte. Damit wird auch die Beteiligung an dem Projekt „Lern- und Gedenkort Alt Rehse“ nicht fortgeführt.

Entrechtung der jüdischen Ärzte

Die KVD war ein Zusammenschluss der 1932 vom Verband der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund) gebildeten regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen, welche die Sicherstellung der ambulanten Versorgung gewährten und die medizinischen Leistungen zwischen Kassenärzten und Krankenkassen abrechneten.

Nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten 1933 stand die KVD unter der Aufsicht des Reichsarbeitsministers, führte das Reichsarztregister und regelte die Kassenzulassungen, wodurch es möglich war, sowohl politisch oppositionellen als auch jüdischen Kassenärzten die Zulassung zu entziehen. Mit der Entrechtung der größtenteils hoch qualifizierten Mediziner verstieß die KVD nicht nur gegen das ethische Gebot der Kollegialität, sondern gefährdete damit auch die Gewährleistung einer ausreichenden ärztlichen Versorgung der Versicherten.

„Es war nicht nur das leidvolle und unterdrückte Gehorchen, sondern durchaus wissentliches, willentliches und förderndes Mitgestalten dieser Situation“, sagt der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Stephan Hofmeister im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Man habe bewusst keinen inhaltlichen Auftrag für die Auswertung der KVD-Aktenbestände vergeben, erklärt Hofmeister. Der erste Teil des Projekts beziehe sich auf die Sichtung, Aufarbeitung und bibliothekarischen Erschließung der KVD-Unterlagen von 1933 bis 1945. Dann sollen die Akten auch der weltweiten Forschungsgemeinschaft frei zugänglich gemacht werden. Dadurch könne man auch den Zeitraum vor 1933 und nach 1945 für die Recherche öffnen, so der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende.

Die KBV erwartet von der Auswertung einen wichtigen Einblick in die Mechanismen der Gleichschaltung gerade innerhalb der Ärzteschaft. „Interessant ist, wie dieser Ansatz in sämtliche Willensbereiche eindringen konnte, da ging es ja auch um Karrieren und die Eintreibung lukrativer Patienten, also um persönliche Bereicherung. Wir finden da alle Formen der menschlichen Emotion, von erbitterter Gegnerschaft über mitwisserische Duldung bis zur aktiven Parteimitgliedschaft, die aktiv am Praxisschild dokumentiert wurde“, erläutert Gassen. KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel ergänzt: „Auch aus heutiger Sicht ist es wichtig zu verstehen, wie das Führerprinzip in das vor 33 durchaus pluralistische Geschehen der Ärzteschaft hineingebracht wurde. Gerade im Umfeld der Ärzte, die in ihrem Beruf für ethische Prämissen einstehen, sei diese Entwicklung für die Wissenschaft interessant, sagt Kriedel.

Nicht offensiv gewehrt

Von großer Bedeutung ist aus Sicht des KBV-Vorstandes auch, welche Lehren man aus den damaligen Vorgängen zieht. „Die KVD hat sich nicht offensiv gewehrt. Es stellt sich die Frage, was lernen wir daraus, an welcher Stelle kippt so etwas weg? Das waren ja alles durchaus Menschen, das waren ja nicht alles vorweg durchgängig hochgradige Verbrecher. Es waren normale Bürger mit Familien, normale rechtschaffene Leute, sie hatten studiert, hatten eine Praxis und waren auch Funktionäre. Und dann kommt da diese Fratze heraus. Wo ist da eigentlich an welcher Stelle der wunde Punkt, an welcher Stelle muss man eingreifen?“, fragt Hofmeister.

Für Gassen ist es zudem wichtig festzuhalten, dass es damals mit relativ geringen Vorkommnissen angefangen hat. Man habe gedacht, abwarten, es geht vorbei. Aus diesem Grund müsse man auch heute immer wieder daran erinnern, wie solche Mechanismen ablaufen. „Wie schnell allgemeine Werte aufgegeben werden, sehen wir angesichts der aktuellen fremdenfeindlichen und antisemitischen Vorfälle in Deutschland. Hier müssen wir dagegenhalten – als Ärzteschaft und als Gesellschaft insgesamt.“ Michael Schmedt

Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland
Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland

Herbert Lewin

Der deutsche Arzt Herbert Lewin (1899–1982) wurde 1941 in das Lodzscher Ghetto deportiert. Er überlebte den Aufenthalt in mehreren Konzentrationslagern, in denen er als Häftlingsarzt eingesetzt wurde und kehrte nach Deutschland zurück. Dort arbeitete er wieder als Arzt. Von 1963 bis 1969 war er Vorsitzender des Zentralrats der Juden.



Gedenkfeier am 8. November

Berlin – Zum Gedenken an jüdische Ärzte, die während der Zeit des Nationalsozialismus unter Repressionen gelitten haben, wollen Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gemeinsam im Rahmen einer Gedenkfeier am 8. November eine Gedenktafel einweihen. Das Datum zur Einweihung der Gedenktafel sei bewusst gewählt worden. Es liege 80 Jahre nach dem Approbationsentzug für sämtliche Ärzte jüdischer Abstammung und 80 Jahre nach der Reichspogromnacht, erklärte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV.

„In der Zeit des Nationalsozialismus haben Ärzte an der systematischen Ermordung von Kranken mitgewirkt“, sagte BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery. Außerdem hätten sich führende Vertreter der Ärzteschaft an der Vertreibung ihrer jüdischen Kollegen beteiligt. Die Unterstützung von Forschungsvorhaben sowie Initiativen, wie die 2012 vom Deutschen Ärztetag gefasste Nürnberger Erklärung zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit, verdeutlichen Montgomery zufolge, dass die Ärzteschaft Verantwortung übernimmt, sowohl für ihre Vergangenheit als auch für ihre Zukunft. „Dazu gehört auch, dass wir mit unserer Gedenkveranstaltung an das traurige Ereignis des Ausschlusses jüdischer Ärzte aus der kassenärztlichen Versorgung vor 85 Jahren erinnern“, so Montgomery. Die Gedenktafel soll auf dem Herbert-Lewin-Platz in Berlin zwischen den Gebäuden von KBV und BÄK in den Boden eingelassen werden. Der Platz diene als Symbol, da auch der jüdische Arzt Herbert Lewin zur NS-Zeit als „Krankenbehandler“ tätig gewesen sei. „Dies war die zynische Bezeichnung für diejenigen jüdischen Ärzte, die künftig noch behandeln durften – aber ausschließlich jüdische Patienten“, erklärte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. Zu der Gedenkfeier werden Gäste aus dem In- und Ausland erwartet. Dazu gehören unter anderem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau (Die Linke), und der frischgewählte Präsident des Weltärztebundes, Leonid Eidelmann.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige