ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Aufruf: Es ist Zeit für ein neues Arztbild

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Aufruf: Es ist Zeit für ein neues Arztbild

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): A-2048 / B-1706 / C-1686

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Der Dialog, zu dem die Bundes­ärzte­kammer im Vorfeld des 121. Deutschen Ärztetages junge Ärztinnen und Ärzte einlud, hat große Unterschiede im ärztlichen Selbstverständnis aufgezeigt. Für uns war Erfurt nur die Auftaktveranstaltung; wir haben noch viel mehr zu sagen!

Foto: gpointstudio/iStockphoto
Foto: gpointstudio/iStockphoto

Wir sind keine „Generation Spaß“, sondern sehen unseren ärztlichen Beruf als Berufung. Wir sind hoch motiviert, uns für die beste ärztliche Versorgung unserer Patientinnen und Patienten einzusetzen. Aber wir sind nicht länger gewillt, dies auf Kosten unserer Gesundheit oder unserer Familien zu leisten.

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Nicht ohne Grund steht in der Neufassung unseres ärztlichen Gelöbnisses: „Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.“ Denn nur wer sorgsam mit den eigenen Ressourcen umgeht, kann sich verantwortungsvoll um die Gesundheit anderer Menschen kümmern.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen eine entscheidende Voraussetzung. Für uns sind das Recht auf Elternzeit und Teilzeitarbeit unverzichtbar. Noch viel zu häufig wird dieses Recht durch Karrierekonsequenzen ausgehebelt. Wir fordern, dass Elternzeitwünsche von Müttern und Vätern durch die Vorgesetzten unterstützt und nicht boykottiert werden. Wir brauchen kreative und flexible Arbeitszeitmodelle für alle Ärztinnen und Ärzte. Außerdem müssen ausreichend zeitlich angepasste, gute und bezahlbare Kinderbetreuungseinrichtungen geschaffen werden.

Wenn das Ideal des „allzeit bereiten Arztes“ heroisch verkündet wird, geht es dann wirklich noch um unsere Patientinnen und Patienten? Niemand kann ständig alleine arbeiten. Wir brauchen gut eingespielte, vertrauensvoll zusammenarbeitende, interdisziplinäre und interprofessionelle Teams. Überstunden müssen vollständig erfasst und ausgeglichen werden. Tägliche und wöchentliche Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten schützen auch unsere Patientinnen und Patienten. Die Arbeitgeberseite muss das Arbeitszeitgesetz umsetzen und die Aufsichtsbehörden sollten es stärker kontrollieren. Gute Ärztinnen und Ärzte brauchen Zeit, um mit ihren Patientinnen und Patienten zu sprechen. Wir lehnen den Beziehungsverlust ab, der durch zeitliche Vorgaben und Fließbandmedizin entsteht. Die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens muss begrenzt werden. Eine ausreichende Kommunikation ist nicht nur ethisch geboten, sondern im Rahmen der partizipativen Entscheidungsfindung und der Wahrung von Patientenrechten zwingend erforderlich. Unsere Generation steht nicht nur für die Vereinbarkeit von Arbeit und Lebensgestaltung, sondern auch für eine patientenzentrierte Medizin auf Augenhöhe.

Auch die Aus- und Weiterbildung erfordert Zeit und Personal. Die ärztliche Weiterbildung darf nicht nur Nebenprodukt der ärztlichen Tätigkeit sein. Wir brauchen Zeit, um zu lernen, und unsere Weiterbilder brauchen Zeit, um zu lehren. Weiterbildung muss endlich adäquat abgebildet werden: sowohl was die finanziellen als auch was die personellen Ressourcen betrifft.

Wir fordern außerdem eine verantwortungsvolle und dennoch schnelle, ärztlich begleitete Digitalisierung. Nichtärztliche Tätigkeiten müssen delegiert werden, um wieder mehr Zeit für unsere Patientinnen und Patienten zu haben. Außerdem müssen bürokratische Prozesse kontinuierlich auf ihre Notwendigkeit hin überprüft und abgebaut werden, anstatt weitere Instrumente von oft unklarem Nutzen einzuführen. Wir benötigen zudem einen festen Personalschlüssel für das gesamte medizinische Personal!

Wir jungen Ärztinnen und Ärzte sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Wir fordern die jetzt Verantwortlichen im Gesundheitswesen auf, den Dialog mit uns fortzusetzen. Wir freuen uns darauf, das Arztbild der Zukunft gemeinsam zu gestalten!

Autoren des Aufrufs

Dr. med. Thorsten Hornung (Mitglied Landesvorstand Marburger Bund [MB] NRW/RLP)

Katharina Thiede (Sprecherin FrAktion Gesundheit Berlin)

Dr. med. Wenke Wichmann (Sprecherin Ausschuss Assistenzärzte im Hartmannbund)

Andreas Hammerschmidt
(Vorsitzender des Sprecherrates der sich weiterbildenden Ärztinnen und Ärzte im Marburger Bund)

Pascal Nohl-Dehryk (Junge Allgemeinmedizin Deutschland [JADE])

Jonathan Sorge, Andreas Fleischer, Alexis Theodorou
(AK Junge Arzte MB NRW/RLP)

Jana Aulenkamp, Isabel Molwitz, Carolin Siech
(Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland)

Anika Biel
(AK Junge Ärzte Ärztekammer Westfalen-Lippe)

Dr. med. Hannah Gerstenkorn, Dr. med. Sebastian Goß,
Dr. med. Nora Heinemann-Saupp, Felix Lorang,
Dr. med. Jessica Rüddel, Dr. med. Hendrik Rüddel,
Dr. med. Anita Störmann, PD Dr. med. Gerd Fabian Volk

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