ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Planungsrelevante Qualitätsindikatoren: Länder ziehen nicht mit

POLITIK

Planungsrelevante Qualitätsindikatoren: Länder ziehen nicht mit

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): A-2041 / B-1699 / C-1681

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

An 73 von 1 084 untersuchten Krankenhausstandorten wurde im Jahr 2017 eine unzureichende Qualität erbracht, wie aktuelle Zahlen des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses zeigen. Diese Daten könnten die Bundesländer für ihre Krankenhausplanung nutzen. Viele wollen aber nicht.

Bei Frühgeburten muss in mindestens 90 Prozent der Fälle ein Pädiater anwesend sein, lautet ein Qualitätsindikator. Neun Krankenhäuser konnten ihn nicht einhalten. Foto: dpa
Bei Frühgeburten muss in mindestens 90 Prozent der Fälle ein Pädiater anwesend sein, lautet ein Qualitätsindikator. Neun Krankenhäuser konnten ihn nicht einhalten. Foto: dpa

Die Bundesländer sollten mit dem Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) in die Lage versetzt werden, bei ihren Planungsentscheidungen auch die Versorgungsqualität zu berücksichtigen. Erbringen die Krankenhäuser über einen längeren Zeitraum eine schlechte Qualität, so die Idee, können die Länder sie aus dem Krankenhausplan herausnehmen. Eine qualitätsorientierte Strukturbereinigung könnte auf diese Weise ermöglicht werden.

Anzeige

Elf Indikatoren aus den drei Leistungsbereichen Geburtshilfe, gynäkologische Operationen und Mammachirurgie hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) in der Folge unter Beteiligung des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) als planungsrelevante Qualitätsindikatoren bestimmt. So soll zum Beispiel in der Geburtshilfe in 90 Prozent der Fälle oder mehr ein Pädiater bei Frühgeburten anwesend sein.

Kleine Kliniken betroffen

Knapp drei Jahre nach Inkrafttreten des KHSG hat der G-BA nun eine erste Auswertung der planungsrelevanten Qualitätsindikatoren veröffentlicht. Demnach haben von den 1 084 Krankenhausstandorten, deren Daten das IQTIG für das Jahr 2017 untersucht hat, 73 eine unzureichende Qualität erbracht. Dabei sei auffällig, dass die Qualität in vielen Krankenhäusern unzureichend war, in denen überhaupt nur wenige der bewerteten Leistungen erbracht wurden, wie der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Prof. Josef Hecken, Ende Oktober auf dem 8. Öffentlichen Anwendertreffen der Initiative Qualitätsmedizin in Berlin erklärte.

Die Vorgaben in dem Indikator „Anwesenheit eines Pädiaters bei Frühgeburten“ konnten beispielsweise von neun Krankenhäusern nicht eingehalten werden. In vier dieser Häuser fand im Erfassungsjahr 2017 nur eine einzige Frühgeburt statt. Ein Pädiater war jeweils nicht anwesend. In zwei weiteren Häusern fanden 2017 zwei Frühgeburten statt. In keinem der beiden Fälle war ein Pädiater anwesend. In einem Krankenhaus war ein Pädiater bei einer von drei Frühgeburten, in einem weiteren bei einer von vier Frühgeburten anwesend. In dem neunten Krankenhaus gab es 18 Frühgeburten. Bei zwölf von ihnen war ein Pädiater anwesend.

Im KHSG war vorgesehen, dass die planungsrelevanten Qualitätsindikatoren automatisch Teil der Ländergesetze werden, um möglichst einheitliche Vorgaben im ganzen Bundesgebiet zu erreichen. Die Länder erhielten aber die Möglichkeit, die Indikatoren durch ein Opt-out bewusst auszuschließen. Bislang haben die Länder Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg von diesem Recht Gebrauch gemacht. In Thüringen ist ein Opt-out geplant.

Hecken kritisierte diese Länder für ihre Entscheidung. Die ausgesuchten Indikatoren seien keine Vorgaben mit Maximalversorgungscharakter gewesen, betonte er. Es handle sich um Vorgaben, die in jeder Leitlinie abgebildet seien. „Der Gedanke des Gesetzgebers war richtig, anhand von Qualitätsindikatoren die Krankenhausplanung zu steuern“, sagte Hecken. „Die Länder, die diese Indikatoren nicht verwenden, müssen sich fragen: Können wir die Verantwortung übernehmen, diese Daten zur Kenntnis zu nehmen, ohne Konsequenzen in der Krankenhausplanung daraus zu ziehen?“ Der G-BA werde die Daten in jedem Fall einmal pro Jahr veröffentlichen. Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #26589
nordman
am Dienstag, 13. November 2018, 22:18

Mangelnde Qualität oder Notfallversorgung?

Es wird kleineren Krankenhäusern mangelnde Qualität bescheinigt, weil u.a. der Indikator „Anwesenheit eines Pädiaters bei Frühgeburten“ nicht erfüllt werden konnte. Dazu wird dann ausgeführt, dass einige der Kliniken tatsächlich nur 1-2 Frühgeburten durchgeführt hatten. Hier stellt sich aber die Frage, ob diese Klinken die Frühgeburten auch durchführen WOLLTEN oder ob sich die Frühgeburten nicht als medizinischer Notfall "aufgedrängt" hatten. Nicht jede Geburtsklinik ist Perinatalzentrum, insbesondere im ländlichen Raum könnte man ein solches logitisch gar nicht aufrechterhalten. Selbstverständlich ist es dann diesen Kliniken auch gar nicht möglich einen Pädiater rechtzeitig zu einer unkontrollierten Frühgeburt heranzuholen. Trotzdem mag es in dem ein oder anderen Fall so gewesen sein, dass das frühgeborene Kind medizinisch adäquat primär versorgt wurde und die Mutter gerettet wurde. Der Qualitätsindikator leuchtet dann aber trotzdem rot, auch wenn man in diesem Sektor gar nicht tätig werden wollte.
Die Lösung kann nur sein, dass künftig Geburten regulär nur noch in Perinatalzentren angeboten werden und dies zu immer größeren Geburtsfabriken mit immer größeren Abständen und Anfahrtswegen werden. Dann werden sich im Gegenzug vielleicht noch mehr Frauen für die alternative Hausgeburt entscheiden ...ganz ohne Pädiater und ohne Gynäkologen.... und ohne Qualitätskontrolle!

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige