ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Engagement in der Berufspolitik: Mitreden und Mitbestimmen

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Engagement in der Berufspolitik: Mitreden und Mitbestimmen

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): A-2050 / B-1707 / C-1687

Beerheide, Rebecca; Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Selbstverwaltung wird in der Ärzteschaft als Privileg hoch geachtet. Auch viele jüngere Ärztinnen und Ärzte wollen sich für ihren Beruf einsetzen. In mehreren Dialogformaten soll der Austausch zwischen den Generationen gelingen. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Foto: psdesign1/stock.adobe.com [m]
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Das Potenzial an jungen Ärztinnen und Ärzten, die sich in der innerärztlichen und berufspolitischen Diskussion einbringen wollen, ist seit Jahren deutlich sichtbar: Auf den vergangenen drei Ärztetagen in Hamburg (2016), Freiburg (2017) und dieses Jahr in Erfurt waren die Foren vor den Beratungen des Ärzteparlaments als neu geschaffene bundesweite Dialogveranstaltung gut besucht. Kontroverse Diskussionen über die Gestaltung der ärztlichen Arbeitswelt, zu den neuen Herausforderungen in der Medizin durch die Digitalisierung sowie über ein neues Arztbild konnten hier über die Generationen hinweg geführt werden.

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Dieses Gesprächsangebot gibt es in vielen Berufsverbänden und Ärzteorganisationen schon lange: Der Marburger Bund oder der Hartmannbund haben seit Jahren Studierendengruppen sowie Arbeitskreise für junge Ärzte. Berufsverbände wie die der Internisten, der Neurologen oder auch der Chirurgen, der Hausärzte oder der Urologen haben nachgezogen und bieten eigene Foren und Möglichkeiten zum ehrenamtlichen Engagement. Im Bündnis Junge Ärzte haben sich junge Ärztinnen und Ärzte aus 19 Verbänden und Fachgesellschaften zusammengeschlossen. Auch auf dem diesjährigen Fachärztetag, der vom Spitzenverband der Fachärzte (Spifa) veranstaltet wurde, fand ein Generationendialog statt. Hier riefen die Lan­des­ärz­te­kam­merpräsidentin Dr. med. Ellen Lundershausen sowie der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. med. Klaus Reinhard, die älteren Generationen auf, mehr „Zivilcourage“ zu zeigen und die jüngeren Kolleginnen und Kollegen deutlicher zu unterstützen.

Dialog trotz Terminproblemen

Denn junge Mediziner suchen nach Vorbildern und der „Entwicklung einer eigenen Arztpersönlichkeit“. So erklärte es die Berliner Ärztin Katharina Thiede auf dem 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt (siehe Videokasten). Dabei spielen auch die Lan­des­ärz­te­kam­mern eine wichtige Rolle. Viele bemühen sich, den angestoßenen generationenübergreifenden Austausch bei sich in der Region fortzuführen. Da es oftmals Terminprobleme gegeben habe, sei der erhoffte Erfolg nicht immer eingetreten, berichten Präsidenten von verschiedenen Lan­des­ärz­te­kam­mern. Aufgeben bei den Bemühungen wolle man aber nicht.

Denn an fehlendem Interesse mangelt es unter Studierenden oder jungen Ärzten eigentlich nicht. Für Isabel Molwitz, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hat und während dieser Zeit jahrelang in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) aktiv war, ist es kurios: „600 Medizinstudierende sind jährlich auf bvmd-Bundeskongressen vertreten, dreimal im Jahr fahren 200 Medizinstudierende quer durch Deutschland zu den Mitgliederversammlungen der bvmd, zudem sind in Projekten, Arbeitsgemeinschaften und international Hunderte weitere Medizinstudierende engagiert. Doch bundesweit ist es nur eine sehr überschaubare Anzahl an jungen Ärztinnen und Ärzten, die sich nach ihrer Approbation bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern melden und aktiv mitmischen wollen“, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt.

Dabei plane die Mehrheit der Aktiven, nach Ende des Studiums weiterhin ihre Ideen in die Berufspolitik einbringen zu wollen. Doch wo sind die engagierten Studierenden nach dem Start in den Beruf? „Oftmals ist aufgrund von Klinikalltag und Familiengründung schlicht keine Zeit mehr für ehrenamtliches Engagement“, meint Molwitz. Ein weiteres Hindernis: „Es ist nicht bekannt, was die bvmd ersetzen kann. Wo konkret kann ich hingehen? Wofür stehen eigentlich die Berufsverbände? Entsprechen deren Positionen auch den meinen? Und: Was genau machen überhaupt die Ärztekammern?“

Engagement nach der Uni

Um diese Wissenslücken zu schließen, hat die bvmd das Projekt „NewKammer“ gegründet, dessen Leitung jetzt kommisarisch Medizinstudentin Constanze Czimmeck, Bundeskoordinatorin der AG Gesundheitspolitik der bvmd, von Molwitz übernommen hat. Eine erste Veranstaltung fand im April dieses Jahres in Hamburg mit Unterstützung der dortigen Lan­des­ärz­te­kam­mer statt. Eine zweite Runde ist Mitte Januar 2019 gemeinsam mit der Berliner Lan­des­ärz­te­kam­mer geplant. „Unser Ziel ist es, Medizinstudierende bereits während des Studiums mit der Kammer in Kontakt zu bringen und so die Weichen für ein späteres berufs- und kammerpolitisches Engagement zu stellen“, erläutert Czimmeck.

Nordbaden, eine der vier Bezirkskammern der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, ist offenbar ein gutes Beispiel, wie Jüngere mit der Kammer in Kontakt kommen: Hier gibt es regelmäßig Abende für die frisch approbierten Ärztinnen und Ärzte – und oftmals kommen 50 Leute zu den Informationsveranstaltungen. „Wir veranstalten diese Abende seit vier Jahren und es kommen immer mehr Kolleginnen und Kollegen“, sagt Carsten Mohrhardt, Vorsitzender des Arbeitskreises Junge Kammer Nordbaden, dem Deutschen Ärzteblatt. Zusätzlich gibt es Veranstaltungen zum Mutterschutz und zur Weiterbildung. Auch so kommen viele Teilnehmer zum ersten Mal mit Angeboten der Kammer in Berührung. „Damit sehen sie: Hier gibt es andere junge Leute, die sich engagieren“, sagt Mohrhardt.

Die langjährige Arbeit zeigt Erfolge. Bei den beginnenden Kammerwahlen treten gleich drei Listen für die 97 Sitze in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung des Bezirkes Nordbaden an, auf denen sich fast 150 junge Ärztinnen und Ärzte zur Wahl stellen: die junge Liste des Marburger Bundes, eine Liste, die vom Hartmannbund unterstützt wird, sowie eine Liste mit Kandidaten aus dem hausärztlichen Bereich. Die Listenkandidatinnen – es sind zu 80 Prozent Ärztinnen – sind größtenteils unter 40 Jahren. In den anderen drei Bezirken der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg gibt es auch einige junge Listen, allerdings mit weniger Kandidatinnen und Kandidaten. Die Bezirksärztekammer Nordbaden schickt 26 Vertreter in die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Lan­des­ärz­te­kam­mer.

Die kontinuierliche Arbeit vor Ort zahlt sich offenbar aus, auch wenn es in Nordbaden strukturelle Vorteile durch die großen Unistädte Heidelberg und Mannheim gibt. Gründe lassen sich aber auch an anderen Stellen finden: Die Themen, die alle Jüngeren betreffen, ziehen viele auch noch nichtinteressierte Ärztinnen und Ärzte zu einer Veranstaltung der Kammer, wie auch bei den vergangenen drei Ärztetagen geschehen. Werden die jungen Engagierten in die inhaltliche Arbeit zum Beispiel bei der Weiterbildung einbezogen, entsteht das Gefühl der Wertschätzung. Und: Ehrenamtliches Engagement hängt immer von den anderen handelnden Personen ab – und in Nordbaden arbeiten einige als Ärzte, die sich schon zu ihren Studienzeiten in den studentischen Gremien engagiert haben, und nun trotz der Weiterbildungszeit engagiert bleiben und damit wiederum andere motivieren.

Rebecca Beerheide,

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Rückblick: Ärztetag 2018

<b>Berufszufriedenheit</b> junger Ärztinnen und Ärzte Start

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Berufszufriedenheit junger Ärztinnen und Ärzte


<b>Ellen Lundershausen</b> zur Berufs­zufrieden­heit junger Mediziner Start

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Ellen Lundershausen zur Berufs­zufrieden­heit junger Mediziner


<b>Streitgespräch zur Berufs­zufriedenheit</b> junger Mediziner Start

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Streitgespräch zur Berufs­zufriedenheit junger Mediziner


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