ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Von schräg unten: Engagement

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Engagement

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): [48]

Böhmeke, Thomas

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Es ist kurz nach sieben, ich sitze in der Sprechstunde und gucke mir im Planer an, wer heute alles auf mich zukommt. Oje, heute ist wieder ein schlimmer Tag, heute muss ich mich wieder verdoppeln, um diese gefühlte dreifache Anzahl an Patienten zufriedenzustellen, obwohl ich nur ein Drittel der Zeit für sie aufwenden kann. Etliche Patienten, die ich durchaus auch hätte stationär einweisen können, kommen zur Kontrolle.

Ob es meinem Patienten mit Herzschwäche, der gestern aufgrund zwei Litern Pleuraerguss kaum noch Luft gekriegt hat, besser geht? Ob ich es geschafft habe, das Anarchische des Vorhofflimmerns bei meiner Patientin zu zügeln? Ob es bei dem Patienten mit Unterschenkelvenenthrombose gelingt, diese vom Embolisieren abzuhalten? All diese Patienten muss ich bitten, häufiger bei mir vorbeizukommen, aber da die Fragestellung jeweils eine zirkumskripte ist, brauche ich nicht so viel Zeit.

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Ganz anders stellt es sich bei Patienten dar, die neu zu mir kommen. Hier gilt es nicht nur, die medizinische Vorgeschichte akribisch aufzuarbeiten, Krankenhaus- und Arztberichte penibel zu kontrollieren, bis hin zur Einsichtnahme in Röntgenaufnahmen und Herzkatheterfilme. Damit nicht genug, für eine erfolgreiche Behandlung ist auch ein Einblick in das soziale Umfeld erforderlich: Gibt es familiäre Unterstützung? Ist ein naher Verwandter gar Kollege, den ich kontaktieren sollte? Auch die Weltanschauung meiner Schutzbefohlenen muss beachtet werden: Gibt es eine Abneigung gegen die Schulmedizin, eine Pharmakophobie, gar eine Ärzteallergie? Erzeugen technische Untersuchungen Fliehkräfte oder sind Bilder aus dem Inneren des erkrankten Körpers gerne gesehen? Dies alles muss ich beachten, um meinen Patienten wirklich gerecht zu werden, auch wenn mir als Facharzt nur aufgetragen ist, mich auf mein Gebiet zu beschränken. Dem ist ganz und gar nicht so: Äußerst hilfreich sind gemeinsame Besprechungen mit den betreuenden Hausärzten, auch Rücksprache mit spezialisierten Kollegen. Bei schwierigen Fragestellungen muss ich auch fachgebietsfremde Literatur recherchieren, und kann von Glück sagen, wenn ich am Wochenende Gelegenheit hierfür finde. Von alldem bekommt der Patient kaum etwas mit, aber es muss sein. Nur so ist eine lange, fruchtbare Zusammenarbeit möglich, auch wenn sie anfangs unendlich viel Zeit und Mühe kostet.

Dies alles kommt jetzt auf mich zu, weil mir der nächste Patient unbekannt ist. Er bringt einen Stapel Arztberichte mit, die ich erst mal sorgfältig studiere. Aha, er kommt zur Kontrolle bei mittelgradiger Aortenstenose, und er ist diesbezüglich im Laufe der Jahre bereits bei fünf Kardiologen im Ruhrgebiet vorstellig geworden. Fünf Kardiologen, warum denn das? „Ach, ich hatte keine Lust, selbst die Termine bei meinem Kardiologen auszumachen, wenn das doch die Terminservicestelle für mich machen kann!“

Niemals, niemals wieder werde ich etwas gegen die Terminservicestelle sagen! Was hat mir das jetzt für Zeit gespart. Ich muss lediglich ein Echokardiogramm machen und brauche alles andere nicht zu beachten! Nix ist mit langer, fruchtbarer Zusammenarbeit, denn: Diesen Patienten werde ich dank Terminservicestelle mit Sicherheit nicht wieder sehen. Danke, liebe Terminservicestelle, danke, dass ich jetzt Zeit gewonnen habe, mich um meine eigenen Patienten zu kümmern, danke! Heute ist doch ein guter Tag.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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