ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Prospektive Kohortenstudie: Erhöhen ACE-Hemmer das Lungenkrebsrisiko?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Prospektive Kohortenstudie: Erhöhen ACE-Hemmer das Lungenkrebsrisiko?

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): A-2074 / B-1725 / C-1703

Meyer, Rüdiger

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Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com
Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com

Britische Hausarztpatienten, denen dauerhaft ein ACE-Hemmer verordnet wurde, erkrankten in der Folge häufiger an Lungenkrebs. Nach den im britischen Ärzteblatt vorgestellten Ergebnissen einer prospektiven Kohortenstudie wäre das Risiko für den einzelnen Patienten gering. Wegen der häufigen Verordnung der Substanzgruppe könnten ACE-Hemmer jedoch die Gesamtzahl der Lungenkrebserkrankungen erhöhen.

Seit einiger Zeit gibt es Bedenken, dass ACE-Hemmer das Risiko von Lungenkrebs erhöhen könnten. Sie gründen sich auf den Wirkungsmechanismus. Die Ergebnisse bisheriger epidemiologischer Studien waren bisher allerdings inkonsistent. Ein Team um Laurent Azoulay von der McGill University in Montreal hat jetzt einen erneuten Versuch unternommen. Die Forscher analysierten die Daten der UK Clinical Practice Research Datalink (CPRD), die die elektronischen Krankenakten von britischen Hausarztpatienten verwaltet. In den Jahren 1995 bis 2015 wurde bei 992 061 Patienten mit der Behandlung einer Hypertonie begonnen. Bei insgesamt 335 135 Patienten gehörte ein ACE-Hemmer zu den neu eingesetzten Wirkstoffen.

In den folgenden median 6,4 Jahren erkrankten 7 952 Patienten an Lungenkrebs. Bei den Patienten, die ACE-Hemmer erhalten hatten, betrug die Inzidenz 1,6 pro 1 000 Personenjahre gegenüber 1,2 pro 1 000 Personenjahre bei den anderen Hochdruckpatienten (HR 1,14; 95-%-KI 1,01–1,29; statistisch signifikant). Die Behandlung erhöhte das Risiko damit relativ um 14 %, ein in epidemiologischen Studien relativ geringer Anstieg.

Das Risiko war allerdings dosisabhängig: Nach einer Einnahmedauer von mehr als 10 Jahren war es um 31 % erhöht (Hazard Ratio 1,31; 1,08–1,59). Wenn die erste Einnahme mehr als 10 Jahre zurücklag, war das Risiko um 29 % erhöht (Hazard Ratio 1,29; 1,10–1,51).

Fazit: Die Aussagekraft von Beobachtungsstudien ist beschränkt. Die Forscher konnten nicht alle möglichen anderen Einflussfaktoren wie sozioökonomische Unterschiede, Ernährung und eine familiäre Häufung ausschließen. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob weitere Studien die Ergebnisse bestätigen. Die Verordnung von ACE-Hemmern würde durch ein leicht erhöhtes Lungenkrebsrisiko nicht infrage gestellt. Der Nutzen der ACE-Hemmer ist durch zahlreiche randomisierte klinische Studien gut belegt. Rüdiger Meyer

Hicks B M, Filion K B, Yin H, et al.: Angiotensin converting enzyme inhibitors and risk of lung cancer: population based cohort study. BMJ 2018; 363: k4209.

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 29. November 2018, 21:08

Das ist keine prospektive Studie!

"Angiotensin converting enzyme inhibitors and risk of lung cancer: population based cohort study"
BMJ 2018; 363 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.k4209 (Published 24 October 2018)
Cite this as: BMJ 2018;363:k4209
von Blánaid M Hicks et al. behauptet an keiner Stelle, eine prospektive Studie zu sein.

Dennoch schreibt das Deutsche Ärzteblatt irreführend: "Nach den im britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 363: k4209) vorgestellten Ergebnissen einer prospektiven Kohortenstudie wäre das Risiko für den einzelnen Patienten gering."

In Wahrheit handelt es sich um eine Bevölkerungsbasierte Kohortenstudie im "follow-up"-Design:
"Design - Population based cohort study." Am Studiendesign - "Setting United Kingdom Clinical Practice Research Datalink - erkennt man sofort, worin der erkenntnistheoretische Fehler liegt.
Patienten/-innen, die regelmäßig ACE-Hemmer als Anti-Hypertonie-Medikamente einnehmen, suchen wesentlich häufiger Hausärzte auf, achten mehr auf allgemeine Krankheitssymptome und werden häufiger untersucht als jede andere Vergleichsgruppe. Dabei werden automatisch mehr Fälle von Lungenkrebs detektiert, als dies in der Vergleichsgruppe ohne ACE-Hemmer-Medikationen möglich wäre.

Entsprechend vorsichtig äußern sich die wissenschaftlichen Autoren:
"Conclusions - In this population based cohort study, the use of ACEIs was associated with an increased risk of lung cancer. The association was particularly elevated among people using ACEIs for more than five years. Additional studies, with long term follow-up, are needed to investigate the effects of these drugs on incidence of lung cancer."

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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