ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Konfliktlösung: Mediation im Krankenhaus

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Konfliktlösung: Mediation im Krankenhaus

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): A-2084 / B-1730 / C-1708

Neander, Klaus-Dieter

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Werden Kliniken von Patienten verklagt, geht es nicht immer um Schadenersatzansprüche. Oftmals spielt das Gefühl, nicht ausreichend oder klar genug informiert worden zu sein und der Wunsch nach einer Entschuldigung ein bedeutende Rolle. Eine Mediation kann bei der Schlichtung helfen.

Foto: vm/istock
Foto: vm/istock

Patientinnen und Patienten, die mit ihrer Behandlung im Krankenhaus unzufrieden sind, beschreiten heute häufiger denn je die gerichtliche Auseinandersetzung mit dem aus ihrer Sicht Verantwortlichen. In der jährlich vom Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) erstellten Statistik werden die offiziell erfassten Behandlungsfehler dargestellt. So waren 2017 im Rahmen der stationären Versorgung von insgesamt 10 036 benannten Vorwürfen 22,6 Prozent nachweisliche Behandlungsfehler mit Schaden. Der MDK gab an, dass im Jahr 2015 14 800 Vorwürfe gegen Mediziner erhoben wurden, darunter 4 026 bestätigte Fälle. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

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Justiziable Auseinandersetzungen sind besonders dann schwierig, wenn zwischen den beiden Parteien ein gewisses Machtgefälle beziehungsweise ein Abhängigkeitsverhältnis besteht. Dies ist zwischen Behandler und Patient oft der Fall. Viele Geschädigte trauen sich nicht, eine Auseinandersetzung mit dem behandelnden Arzt beziehungsweise der behandelnden Klinik zu beginnen – sei es aus Scheu vor den Kosten oder aber, weil sie generell davon ausgehen, keinen Erfolg mit ihrem Anliegen zu haben.

Allparteiliche Unterstützung

In den Fällen, in denen es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommt, sind die Fronten oft verhärtet und mit hoher Emotionalität aufgeladen. Von Patienten werden sie oft als langwierig und undurchsichtig erlebt. Ärzte haben nicht selten Angst vor einem Autoritätsverlust oder sehen sich mit der Gefahr konfrontiert, fälschlich einer unsachgemäßen Behandlung bezichtigt zu werden.

Der Vorteil von Mediation ist, dass der Mediator allparteilich arbeitet. Er strukturiert das Gespräch, überlässt den eigentlichen Einigungsprozess aber den Parteien. Mediation ist insbesondere in solchen Fällen geeignet, in denen es nicht vorwiegend um Schadensersatzansprüche geht, sondern um Erklärungen und möglicherweise auch um eine Entschuldigung durch die behandelnden Ärzte. Denn gerade in Fällen, in denen Patienten ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, geht es in der Auseinandersetzung eher um Klarheit, die Anerkennung von Gefühlen und Bedürfnissen sowie eine Erklärung und oftmals auch eine Entschuldigung dafür, dass ihnen Informationen vorenthalten und/oder ihr Recht auf Selbstbestimmung verkürzt oder nicht beachtet wurde. Die Bereitschaft aufseiten des Arztes, sein Vorgehen zu erklären, Anteilnahme am Krankheitsverlauf zu nehmen und sich für einen möglichen Behandlungsfehler auch zu entschuldigen, können für eine gütliche Streitbeilegung bereits genügen.

Was im technisierten und spezialisierten Medizinbetrieb oft nicht möglich ist, kann die neutrale Vermittlerperson herstellen helfen. Sie strukturiert das Gespräch zwischen den Parteien dahingehend, dass Gefühle und Bedürfnisse Platz haben dürfen und zugelassen werden. Bereits das Ingangsetzen oder Wiederaufnehmen der Kommunikation kann ein entscheidender Schritt sein, den Konflikt zu überwinden.

Im Folgenden zeigt ein strittiger Fall, welche Ergebnisse durch die Unterstützung eines Mediators erzielt werden können. Ein 85-jähriger Patient hatte infolge einer Operation am Oberschenkel eine Pneumonie entwickelt, in deren Verlauf er fünf Tage durch eine Maskenbeatmung auf der Intensivstation behandelt wurde. Die Komplikation blieb ohne Folge und der Patient konnte weitgehend beschwerdefrei in die ambulante Reha-Behandlung entlassen werden. Der zentrale Vorwurf des Patienten, vorgetragen durch den ihn vertretenden Rechtsanwalt, lautete: Die Behandlung sei unsachgemäß und fehlerhaft gewesen und führte zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Er und seine Frau wären präoperativ nicht ausreichend über die möglichen Komplikationen informiert worden, sie hätte infolge dessen schlaflose Nächte durchlitten. Er forderte von der Klinik ein Schmerzensgeld in Höhe von 10 000 Euro.

Rechtsverfahren ausgesetzt

Die so beklagte Klinik, vertreten durch deren Rechtsanwalt, widersprach den Ausführung der Gegenseite hinsichtlich der Behauptung, der Patient sei nicht ausreichend aufgeklärt worden und legte das präoperative Aufklärungsprotokoll vor. Eine Schmerzensgeldzahlung wurde abgelehnt. Auf die psychosoziale Begründung des Schmerzensgeldes ging die Klinik nicht ein.

In einem ersten Informationsgespräch mit dem Mediator wurden die Beteiligten über die Freiwilligkeit der Teilnahme aufgeklärt und darauf hingewiesen, dass die Mediation das angestrebte juristische Verfahren nur aussetze. Im Falle einer Nichteinigung stünde beiden Parteien offen, das Verfahren über ihre Anwälte vor Gericht fortzuführen. Beide Parteien willigten in das Mediationsverfahren ein und verzichteten auf die Anwesenheit ihrer Anwälte.

Gütliche Streitbeilegung

Die Parteien erhielten im Rahmen der Mediation Raum, ihre Standpunkte darzulegen. Dabei wurde deutlich, dass für den Patienten der Stress seiner Ehefrau im Vordergrund der Beschwerde stand. Sowohl er als auch seine Frau erwarteten Verständnis und eine Entschuldigung. Die Klinikvertreter konnten zwar nachweisen, dass eine präoperative Aufklärung erfolgt war. Auf die psychosoziale Belastung gingen sie aber erst auf Nachfrage des Moderators ein. Auf die Schilderung der Angehörigen zeigten sowohl der Chefarzt als auch der Oberarzt sichtliche Betroffenheit. Es gelang ihnen, diese deutlich zu kommunizieren und sich bei der Ehefrau zu entschuldigen. Auch hinsichtlich der präoperativen Aufklärung entschuldigten sie sich ausdrücklich und ernsthaft. Sie versprachen, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die das Aufklärungsprotokoll überarbeiten würde. Sowohl der Patient als auch seine Frau wurden hierzu eingeladen, die Leitung der Gruppe wurde dem ehemaligen Patienten übertragen.

Insgesamt dauerte die Mediation 180 Minuten, aufgeteilt auf zwei Sitzungen. Die Gebühr für die Mediation wurde mit 10 Prozent des Streitwertes in Höhe von 10 000 Euro angesetzt; die Kosten würden normalerweise hälftig von beiden Seiten getragen; in diesem Fall hatte sich der Träger der Klinik entschieden, die Kosten als „Zeichen der Entschuldigung“ allein zu übernehmen. Klaus-Dieter Neander

Fachliche Expertise in der Mediation

Die Mediation ist eine außergerichtliche Form der Konfliktbearbeitung, bei der eine neutrale Vermittlungsperson – die Mediatorin oder der Mediator – die Parteien dabei unterstützt, eine Lösung zu entwickeln. Sie setzt voraus, dass alle Parteien freiwillig an ihr teilnehmen. Der Mediator gibt die Struktur und Regeln der Mediation vor und sorgt für deren Einhaltung. Für das Ergebnis sind die Parteien zuständig.

Die Mediation ist einer Klärung vor einer Gutachter- und Schlichtungsstelle bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer möglicherweise dann vorzuziehen, wenn es um emotionale und zwischenmenschliche Klärungen eines Vorfalls geht.

Da die Themen – gerade auch bei Auseinandersetzungen zwischen Klinik und Patient – häufig sehr speziell sind, fordern Medizinerinnen und Mediziner sowie viele Juristinnen und Juristen, dass entweder der Mediator selbst medizinische und/oder juristische Expertise aufweist oder aber, dass entsprechende Fachleute bei den Mediationen beratend hinzugezogen werden. Das können beispielsweise Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigungen oder Fachanwälte für Medizinrecht sein. Bei sehr speziellen Fragestellungen kann – wenn eine der beiden Parteien dies ausdrücklich wünscht – auch die Expertise von Fachleuten (Ärzte, Juristen) eingeholt werden, die dann beratend tätig sind. Die Leitung der Mediation obliegt dem zertifizierten Mediator.

Die Neuregelung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für zertifizierte Mediatoren legt sowohl inhaltliche als auch organisatorische Eckdaten der Ausbildung fest. So müssen Mediatoren mindestens 120 Präsenzstunden und die Supervision eines echten Mediationsfalles vorweisen. Darüber hinaus müssen sie sich regelmäßig fortbilden.

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