ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2018Nachwuchsärzte: Getrieben im Alltag

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Nachwuchsärzte: Getrieben im Alltag

Dtsch Arztebl 2018; 115(45): A-2044 / B-1702 / C-1684

Richter-Kuhlmann, Eva

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Bürokratie und ökonomische Restriktionen im Krankenhaus frustrieren viele junge engagierte Ärzte beim Start in den Beruf. Eine Folge sind Burn-out-Symptome.

Foto: gpointstudio/iStockphoto
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Sie sind weder faul noch unengagiert und auch nicht die „Generation Spaß“: Junge Ärztinnen und Ärzte starten allerdings häufig mit idealistischen Vorstellungen in den Beruf, die sich dann in der Praxis nicht erfüllen und zu beruflicher Unzufriedenheit führen. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie Meinungsäußerungen und Zuschriften Medizinstudierender und junger Ärzte zeigen. Diese waren für das Deutsche Ärzteblatt Anlass, den sowohl von Tatendrang als auch von Überlastung geprägten Arbeitsalltag von Nachwuchsärzten näher zu beleuchten.

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Bereits deutlich brach sich die Ambivalenz von Engagement und Überforderung beim öffentlichen „Dialog mit jungen Ärztinnen und Ärzten“ im Vorfeld des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt Bann: „Nach dem langen Studium ist man einfach zu wenig Arzt“, brachte es dort Katharina Thiede, Ärztin in Weiterbildung Allgemeinmedizin in Berlin und Mitglied der Fraktion Gesundheit der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Berlin, auf den Punkt. Zunehmende ökonomische Restriktionen und bürokratische Vorgaben ließen zu wenig Zeit für die Versorgung der Patienten, also die für Aufgabe, für die man Medizin studiert habe. „Man ist Teil der Drehtür. Das macht unzufrieden“, beklagte Thiede und verwies auf die zunehmende Arbeitsverdichtung, der frühere Ärztegenerationen nicht in diesem Maße ausgesetzt waren.

Nicht die „Generation Spaß“

Nach Ansicht vieler junger Ärzte hat dies bedenkliche Auswirkungen auf die Patientenversorgung und den Arztberuf: „Wir sind sind nicht die ,Generation Spaß‘, betonen sie. Aber mit einem hauptsächlich von Gewinnmaximierung getriebenen Gesundheitswesen identifiziere man sich auch nicht, erklärte Dr. med. Leonor Heinz, Ärztin in Weiterbildung Allgemeinmedizin in Berlin und Sprecherin des Forums Weiterbildung im Deutschen Hausärzteverband. Neben einer zunehmenden Öko­nomi­sierung beklagen viele junge Ärzte zudem eine immer noch unstrukturierte Weiterbildung, starre Hierarchien sowie eine mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Diese Faktoren, die Engagement und Tatendrang ausbremsen, führen – kombiniert mit langen Arbeitszeiten – zu psychischen und physischen Belastungen junger Ärzte, die teilweise bis zum Burn-out führen. Auf einen zunehmend erhöhten Druck auf junge Ärztinnen und Ärzte durch Arbeitsverdichtung und Personalmangel hatte Anfang Juni bereits eine von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege initiierte Befragung hingewiesen. An der Studie, die vom Kompetenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen am Universitätsklinikum Hamburg in Kooperation mit verschiedenen Berufsverbänden initiiert worden war, nahmen neben 200 Pflegekräften etwa 800 junge Ärzte teil. Dabei zeigte sich: Nur eine Minderheit hatte den Eindruck, für Leistungen und Einsatz ausreichend Anerkennung zu bekommen. Viele fühlten sich hingegen schon in jungen Jahren ausgebrannt und Burn-out-gefährdet.

Auch im ambulanten Bereich spiegelt sich diese Entwicklung wider: Der im Oktober von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und NAV-Virchowbund vorgestellte Ärztemonitor 2018 offenbart neben einer hohen Berufszufriedenheit der niedergelassenen Ärzte (mehr als 80 Prozent) auch eine hohe Zahl von Ärzten, die sich durch ihre Arbeit ausgebrannt fühlen. So stimmten acht Prozent „voll und ganz“ zu, sie seien ausgebrannt, 25 Prozent stimmten „eher“ zu.

Die stetige Überlastung von Ärzten bis hin zum Burn-out ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Der Präsident des Weltärztebundes, Dr. Leonid Eidelman, warnte bei seiner Antrittsrede Anfang Oktober auf der Generalversammlung des Weltärztebundes in Reykjavik, Island, gar vor einer weltweiten „Burn-out-Pandemie unter Ärzten“. Fast die Hälfte der zehn Millionen Ärzte weltweit zeige Symptome eines Burn-outs, einschließlich emotionaler Erschöpfung, zwischenmenschlicher Entfremdung und einem geringen Gefühl der persönlichen Leistung, sagte er. „Burn-out von Ärzten ist ein Symptom für ein größeres Problem – ein Gesundheitssystem, das Ärzte zunehmend überlastet und ihre gesundheitlichen Bedürfnisse unterbewertet.“ Ärzte seien mit einem unglaublichen Arbeitsaufwand konfrontiert, hinzu kämen ein steigender Verwaltungsaufwand, steigende Betriebskosten, neue Technologien und eine immer größere Patientennachfrage. Es sei wichtig, die sich verändernden Arbeitsbedingungen zu erfassen und „einen anspruchsvollen, wissenschaftlichen und innovativen Blick in die Zukunft zu werfen“.

Burn-out von Ärzten weltweit

Einige Studien tun dies bereits: Eine engere Betreuung und striktere Arbeitszeitregeln, um Burn-out, starken Alkoholkonsum und andere ungesunde Verhaltensweisen abzuwenden, fordert beispielsweise der niederländische Chirurg Niek van Dijk vom Academic Medical Center, Amsterdam, in einem Leitartikel im Journal of Joint Disorders & Orthopaedic Sports Medicine (1). Dem Beitrag zufolge hat die Hälfte aller Chirurgen über 50 Jahren gesundheitliche Probleme. Unter diesen leiden jedoch nicht nur die betroffenen Ärzte selbst, sondern auch deren Patienten. Nach einer Metaanalyse in JAMA Internal Medicine (2) sinkt unter einem Burn-out nicht nur die Professionalität des Arztes, sondern auch die Zufriedenheit und Sicherheit seiner Patienten. Vor allem fehlende Empathie, emotionale Erschöpfung und reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit des Arztes wirken sich der Studie zufolge negativ aus.

Dass gesunde Ärzte ihren Patienten am besten dienen können, betonen auch die Autoren um Colin West von der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, im Journal der American Medical Association (3). Burn-out-Symptome sowie relativ hohe Depressionsraten unter Ärzten seien mit suboptimaler Patientenversorgung, vermindertem Zugang zur Versorgung und erhöhten Gesundheitskosten verbunden.

Auch junge Ärztinnen und Ärzte sind bereits von Burn-out-Symptomen betroffen: So berichtet das Journal der American Medical Association (4) über eine landesweite Umfrage im amerikanischen Ärzteblatt, der zufolge fast jeder zweite Resident (Arzt in Weiterbildung) über Burn-out-Symptome klagt. Die Studie zeigt, dass viele angehende Ärzte zu Beginn ihrer Karriere desillusioniert sind und sich ausgebrannt fühlen.

Deutsche Nachwuchsärzte haben oftmals nicht gerade einen optimalen Start in das ärztliche Berufsleben. Bereits bei Medizinstudierenden im Praktischen Jahr (PJ) führen lange Arbeitszeiten, unzureichende Anleitung und mangelnde Anerkennung dazu, dass sie sich lediglich als „Lückenbüßer“ fühlen, die im Krankenhaus das fehlende Personal ersetzen müssen. Dies geht aus einer Mitte Juni vorgestellten Onlineumfrage des Marburger Bundes hervor. Darin berichteten die Nachwuchsärzte über hohe Wochenarbeitszeiten, die dem Ausbildungscharakter des PJs widersprechen. Bedenklich ist nach Ansicht des Marburger Bundes zudem, dass ein Großteil der PJler (74 Prozent) ärztliche Kernleistungen ohne Anleitung und Aufsicht von ärztlichen Betreuern übernehmen muss – ein eklatanter Stressfaktor.

Bereits Studierende betroffen

Einfach machen wolle es sich der Nachwuchs nicht, stellte Victor Banas, Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im MB, im Sommer klar. „Die Studierenden im PJ fühlen sich den Patienten und ihren ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auf Station verpflichtet. Deshalb bleiben sie häufig länger und helfen aus, wo sie können“, erklärte er. Neben der praktischen Ausbildung müsse aber genügend Zeit zur Vorbereitung auf das Examen zur Verfügung stehen sowie auch Zeiten für Erholung und Urlaub. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Was muss sich ändern?

Foto: :privat
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Noch nie gab es eine gut ausgebildete Medizinergeneration mit so viel internationaler Erfahrung. Wir wollen mit viel Engagement für unsere Patienten da sein: kompetent, empathisch, acht Stunden am Tag zu 100 Prozent. Das Arbeitsumfeld muss jedoch menschlicher werden: Es ist ein falscher und schädlicher Anspruch, 60 Stunden die Woche arbeiten zu wollen oder zu müssen. Davon profitieren weder Krankenhaus noch Patienten und schon gar nicht die Ärzte – von Flexibilität bei den Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit und einer verlässlichen Personaldecke jedoch alle. Tim Vogel, Medizinstudent, derzeit im PJ

Foto: privat
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In vielen Kliniken besteht leider nicht genug Zeit, um eine strukturierte Weiterbildung zu ermöglichen. Dabei beziehen junge Ärzte ihre Motivation vielfach aus der Förderung durch ihre Ausbilder. Gerade in der Chirurgie sind Weiterbildungsbeauftragte wertvoll, die das Füllen des OP-Katalogs trotz Zeitdrucks ermöglichen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine zusätzliche Herausforderung. Ihr Gelingen wirkt sich jedoch sicherlich langfristig positiv sowohl auf die Arbeitszufriedenheit wie auch auf die geistige und körperliche Gesundheit aus.

Dr. med. Lisa Rosch, Ärztin in Weiterbildung, Chirurgie

Foto: privat
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Die meisten Nachwuchsärzte sind bei Berufsstart motiviert und kaum zu bremsen. Jedoch können die wenigsten dabei ihre individuelle Resilienz wirklich einschätzen. Wichtig ist deshalb ein ständiges Hinterfragen der ärztlichen Tätigkeit und des Ausmaßes an persönlicher Belastung, die damit einhergeht. Dominieren Gefühle der Überforderung und Überlastung, sollte dies mit dem Vorgesetzten kommuniziert werden können. Die Doktrin, unbezahlte Überstunden seien speziell bei Berufsanfängern gerechtfertigt, ist überholt und schlichtweg nicht fair.

Fabio Comes, Arzt in Weiterbildung, Orthopädie/Unfallchirurgie

1.
Journal of Joint Disorders & Orthopaedic Sports Medicine; doi: 10.1136/jisakos-2018–00023 CrossRef
2.
JAMA Internal Medicine 2018; doi: 10.1001/jamainternmed.2018.371 CrossRef
3.
JAMA 2018; doi: 10.1001/jama.2018.133 CrossRef
4.
JAMA 2018; 320: 1114–30
1.Journal of Joint Disorders & Orthopaedic Sports Medicine; doi: 10.1136/jisakos-2018–00023 CrossRef
2.JAMA Internal Medicine 2018; doi: 10.1001/jamainternmed.2018.371 CrossRef
3.JAMA 2018; doi: 10.1001/jama.2018.133 CrossRef
4.JAMA 2018; 320: 1114–30

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Avatar #755128
Grischa
am Sonntag, 11. November 2018, 17:24

Mit dem PJ fängts an...

Es ist fast schon lächerlich, dass man als PJ Student teilweise in den Kliniken die Aufgaben der meist zurecht überforderten Ärzte übernehmen muss. Diese unterbesetzten Ärzte müssen den PJlern wohl oder übel vertrauen denn sonst würde aus einer 60 Std Woche schon schnell eine 70 Std oder mehr Woche ergeben.
Die PJler sind eigentlich dazu da um bestimmte Themen abzuarbeiten und ablaufe zu lernen meist sind diese aber mit den Aufgaben des hektischen abtippen und Blutentnahmen beschäftigt sodass das Studium komplett auf der Strecke bleibt.
Das Beste ist dann, dass das PJ meist garnicht bezahlt wird und man schon froh sein muss dass man ein schlechtes kleines Mittagessen bekommt.
Die PJler müssen dabei täglich 8-9 Std pro Tag antanzen....
Einfach Nur LÄCHERLICH !

Wenn alle PJler auch nur einen Tag mal im kollektiv streiken würden, dann würde sich vielleicht mal was verändern.. aber sie sind nicht organisiert und datiert wird es vermutlich immer diese Deppen vom Dienst geben.
Arm.
Avatar #749369
Ambush
am Sonntag, 11. November 2018, 14:57

Die Zustände sind asozial

Die Zustände in den Kliniken sind asozial - und waren es in Wahrheit schon immer. Das hat nur nie jemand in Frage gestellt. Und früher gabs halt auch kein Internet, da wurde vieles eben unter den Teppich gekehrt bzw. es gab eben Denk- und Redeverbote und es wurde geschwiegen und "tapfer" und "pflichtbewusst" alles hin genommen. Die Zeiten sind vorbei - und das ist gut so. Das mit der Generation Spaß , die gibt es sehr wohl und immer mehr. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, wer dazu gehört, ist noch kein Hedonist und der ist sehr wohl dazu in der Lage, für andere zurückzustecken, er oder sie ist sich zunächst einmal der Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst. Und diese Entwicklung, die wird von unsympathischen Preußischen Militärärzten in ihrer Tragweite unterschätzt. Schauen wir doch mal, wie es in 20% Jahren aussieht - das System wird sich entweder ändern oder es wird komplett zusammenbrechen.

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