ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018E-Mental-Health: Auf dem Prüfstand

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E-Mental-Health: Auf dem Prüfstand

Gießelmann, Kathrin

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Das Angebot internet- und mobilbasierter Interventionen (IMI) für psychische Störungen nimmt stetig zu. Sie eignen sich für Betroffene mit dem Wunsch nach Selbstmanagement. Zwei Fachgesellschaften haben jetzt Qualitätskriterien entwickelt.

Für internetbasierte Selbstmanagementinterventionen bei psychischen Störungen hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) erstmals Qualitätskriterien publiziert (1). Die Autoren plädieren dafür, einen Basiskatalog für alle medizinischen Fachgebiete daraus abzuleiten. Dieser könnte in einem fächerübergreifenden Qualitätssiegel münden, so die Hoffnung.

Internet- und mobilbasierte Interventionen (IMI) unterscheiden sich deutlich von einer Onlinepsychotherapie. Sie vermitteln psychotherapeutische Kenntnisse und Fertigkeiten, führen aber keine Psychotherapie über die Ferne aus, wie es etwa Interapy oder MindDoc anbieten. Beispiele für IMIs sind etwa Moodgym, deprexis oder der DepressionsCoach.

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Damit ein Qualitätssiegel vergeben werden kann, schlägt die Arbeitsgruppe eine Reihe von K.-o.-Kriterien vor. Voraussetzung soll beispielsweise sein, dass die Intervention auf einer evidenzbasierten psychotherapeutischen Methode beruht. Bei einer begleiteten Intervention muss die Art der Begleitung (schriftlich oder per Video) beschrieben werden. Die Qualifikation des Begleiters muss transparent sein. „In der Regel sollte es sich dabei um approbierte Psychotherapeuten oder Fachärzte für Psychiatrie beziehungsweise Psychosomatik und Psychotherapie handeln“, sagt die Leiterin der Arbeitsgruppe, Dr. med. Iris Hauth, Past President der DGPPN. Ausnahmen der Regel werden in der Publikation nicht benannt.

Eine klare Vorstellung haben die Autoren bei der Wirksamkeit der Intervention. Ein Siegel soll nur vergeben werden, wenn als Beleg mindestens eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) publiziert wurde. Ferner muss die Patientensicherheit gewährleistet sein. Bei Anzeichen von Notfällen, wie etwa Suizidgefahr, muss das Onlineangebot die Anzeichen erkennen und sofort Hilfeangebote aufzeigen. Auch den Erfolg der Behandlung erfasst die Onlineintervention und dokumentiert diesen für die Nutzer.

Als K.-o.-Kriterium bewerten die Autoren zudem den Datenschutz, der durch ein Datenschutzzertifikat nachgewiesen werden muss. Der Austausch von Daten darf nur verschlüsselt stattfinden nach den Richtlinien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). „Ein Abo der Intervention halten wir nur dann für zulässig, wenn es innerhalb von maximal drei Monaten kündbar ist“, ergänzt der Psychiater Dr. med. Jan Philipp Klein von der Universität Lübeck. Er hat die Kriterien zusammen mit der Arbeitsgruppe verfasst.

Bei der Erstellung der Qualitätskriterien haben sich die Forscher unter anderem mit den (noch nicht publizierten) Bewertungskriterien für digitale Gesundheitshelfer der Deutschen Hochdruckliga (DHL) befasst. „Dabei haben wir festgestellt, dass sich viele Kriterien fächerübergreifend übertragen lassen, aber auch einige, die spezifisch für die Fachgebiete sind“, sagt Prof. Dr. phil. Christine Knaevelsrud von der Freien Universität Berlin, die die Arbeitsgruppe ebenfalls geleitet hat.

Ein übergeordneter Basiskatalog an Kriterien, unabhängig von den Fachrichtungen, wären daher durchaus denkbar. „Dieser könnte auch in ein fächerübergreifendes Qualitätssiegel münden, welches bei Bedarf von jeder Fachgesellschaft durch spezifische Anforderungen ergänzt wird“, so Knaevelsrud.

Es gab bereits vorher Qualitätskriterien, allerdings waren diese nicht auf Interventionen für psychische Störungen zugeschnitten. Am ehesten vergleichbar seien sie mit dem Gütesiegel des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), die jedoch in keiner Fachzeitschrift publiziert wurden. „Unsere Kriterien gehen allerdings etwas weiter als die des BDP. Denn der Berufsverband fordert für das Siegel nicht eindeutig, dass die Interventionen auf evidenzbasierten psychotherapeutischen Verfahren basieren und mindestens eine randomisierte kontrollierte Studie vorliegt“, so die Autoren.

Die Arbeitsgruppe der DGPs und der DGPPN verfolgt mit dem Qualitätssiegel das Ziel, dass die Anwendungen in die Regelversorgung kommen. Die Prüfung könnten Fachgesellschaften durchführen. Infrage kämen aber auch der Gemeinsame Bundesausschuss oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Kathrin Gießelmann

1.
Klein JP, Knaevelsrud C, Bohus M. et al.: Internetbasierte Selbstmanagementinterventionen. Qualitätskriterien für ihren Einsatz in Prävention und Behandlung psychischer Störungen. Nervenarzt 2018; https://doi.org/10.1007/s00115–018–0591–4.
1.Klein JP, Knaevelsrud C, Bohus M. et al.: Internetbasierte Selbstmanagementinterventionen. Qualitätskriterien für ihren Einsatz in Prävention und Behandlung psychischer Störungen. Nervenarzt 2018; https://doi.org/10.1007/s00115–018–0591–4.

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