ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Resilienz: Ein Konzept im Wandel

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Resilienz: Ein Konzept im Wandel

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 504

Sonnenmoser, Marion

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Das Thema Resilienz wurde in den letzten Jahren populärwissenschaftlich stark beansprucht, weshalb der Eindruck entstand, als könne jeder psychische Krisen überwinden, wenn er nur resilient genug ist. Diese Sicht negiert, dass Resilienz nicht bei jedem machbar ist. In jüngster Zeit gilt Resilienz als Ergebnis oder Produkt am Ende eines Anpassungsprozesses an Stressoren.

Aktuell gibt es zahlreiche Forschungsaktivitäten zum Thema Resilienz. Foto: suze/photocase
Aktuell gibt es zahlreiche Forschungsaktivitäten zum Thema Resilienz. Foto: suze/photocase

Seit den 90er-Jahren boomt „Resilienz“. Längst haben Ratgeberautoren, Coaches, Lebensberater, Testentwickler, Therapeuten und viele andere das Thema für sich entdeckt und vermarkten es auf unterschiedliche Weise. Die Begeisterung für die Resilienz entspringt der Vorstellung, dass innere Widerstandskraft erlernbar sei und gegen jede psychische Belastung immunisiere. Diesen Mythos mitbegründet haben zum Beispiel die Forschungsarbeiten der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Sie untersuchte in den 70er-Jahren Hunderte Kinder auf Hawaii, die teilweise unter schwierigen Umständen aufwachsen mussten. Trotz sozialer, finanzieller und anderer Nachteile entwickelte sich ein Drittel der Kinder positiv – sie waren „resilient“. Solche Erkenntnisse von Werner und anderen Resilienz-Pionieren wie etwa Ruth Smith, Norman Garmezy, Glen Elder oder Boris Cyrulnik versprachen große Fortschritte beim Kampf gegen Stress, Traumata und psychische Störungen.

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Resilienz galt als angeboren

Allerdings galt Resilienz lange als angeboren – man war resilient oder nicht. Das schränkte die Möglichkeiten, Resilienz in irgendeiner Weise anzuwenden, stark ein. Dann wandelte sich jedoch das Konzept und Resilienz wurde als erlern- und trainierbar betrachtet. In der Folge wurden zahlreiche sogenannte Resilienz-Trainings entwickelt, mit denen zum Beispiel Selbstvertrauen und Problemlösefähigkeiten gefördert werden. In jüngster Zeit gilt Resilienz als Ergebnis beziehungsweise Produkt am Ende eines Anpassungsprozesses an Stressoren. „Aktuell wird Resilienz als dynamischer und lebenslanger Prozess verstanden, der im Wechselspiel zwischen Person und Umwelt erfolgt und über verschiedene Lebensbereiche und -phasen variiert“, erläutern Angela Kunzler und Kollegen vom Deutschen Resilienz Zentrum in Mainz (www.drz-mainz.de).

Die Erfassung von Resilienz kann mit dem fortwährenden Wandel des Konzepts kaum Schritt halten. Es gibt zwar verschiedene „Resilienz-Skalen“, die Resilienz als Persönlichkeitseigenschaft und/oder Ressourcen zur Aufrechterhaltung beziehungsweise Rückgewinnung der psychischen Gesundheit erfassen, allerdings basieren sie auf unterschiedlichen und teilweise älteren Konzeptualisierungen und messen Resilienz nur zu einem einmaligen Zeitpunkt. Sie sind jedoch nicht dazu in der Lage, langfristige Verläufe und die Fähigkeit zur Erholung abzubilden. Was daher fehlt, sind Instrumente, die das Vorliegen eines bedeutsamen Stressors und seine erfolgreiche Bewältigung ermitteln. Kunzler und Kollegen schlagen für die ergebnisorientierte Resilienz-Messung den R-Score vor, der diese beiden Elemente berücksichtigt.

Die Wirksamkeit von Resilienz-Trainings zu beurteilen, stellt angesichts der Vielfalt und Menge eine Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass nach Angaben eines Teams aus Gesundheitspsychologen um Dirk Lehr von der Leuphana Universität Lüneburg bislang kein wissenschaftlicher Konsens über die Definition eines Resilienz-Trainings existiert. Eine Hilfestellung, um Interventionen zur Resilienz-Förderung zu bestimmen, bieten jedoch folgende Kriterien:

  • Resilienz-Trainings verfolgen das Ziel, die individuelle Resilienz im Kontext eines bedeutsamen Stressors zu fördern. Sie können auf einen kommenden Stressor (zum Beispiel militärischer Einsatz) vorbereiten, während eines Stressors (wie Prüfungszeit) erfolgen oder nach einer Stressorexposition (Naturkatastrophe) ansetzen.
  • Sie sind ressourcenorientiert und stärken einen oder mehrere veränderbare Resilienz-Faktoren (Problemlösekompetenz, Selbstwirksamkeit, Optimismus).
  • Ihre theoretische Fundierung ist heterogen und umfasst unter anderem Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie, achtsamkeitsbasierte sowie Akzeptanz- und Commitment-fördernde Verfahren und Kombinationen daraus.

Aus diesem Verständnis von Resilienz-Trainings ergibt sich zum Beispiel das Problem, dass die Abgrenzung mancher Resilienz-Trainings zu Stress- oder Achtsamkeits-Trainings unscharf ist. Außerdem sind die Trainingskonzepte und Effektstärken sehr heterogen.

Auch die Psychologen Sarah Forbes von der University of Waterloo (Kanada) und Deniz Fikretoglu vom Toronto Research Centre (Kanada) haben sich mit Resilienz-Trainings beschäftigt. Sie haben 92 wissenschaftliche Studien ausgewertet, in denen Resilienz-Trainings beschrieben wurden, und stellten fest, dass die Mehrzahl der Resilienz-Trainings nicht auf wissenschaftlichen Resilienz-Konzepten basierte, sondern mehr oder weniger ohne theoretische Fundierung auskam. Außerdem fanden sie heraus, dass es zwischen bereits bestehenden Trainings (wie Anti-Stress-Training) und vielen neu entwickelten Resilienz-Trainings inhaltlich kaum Unterschiede gab. Drei Viertel der Resilienz-Trainings waren für die Normalbevölkerung konzeptioniert, jedoch nicht für vulnerable Personen. In den meisten Trainings wurden Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt.

Altes nur neu verkauft

Zunächst fand Psychoedukation zu Stress, Angst und Depressionen statt. Dann wurden Coping-Techniken wie beispielsweise Entspannungsverfahren, Atemtechniken, positive Selbstgespräche, kognitive Restrukturierung, Zielsetzung und Emotionsregulation vermittelt. Stressreiche Situationen wurden nur in der Vorstellung bewältigt, echte Stressoren kamen hingegen nicht zum Einsatz. Die Trainings dauerten in der Regel einige Wochen, es gab jedoch keine Nachkontrolle oder Auffrischung. Sie waren genauso wirksam wie inhaltlich vergleichbare Interventionen.

Forbes und Fikretoglu sind der Meinung, dass in vielen Resilienz-Trainings Altes nur neu verkauft wird. Sie kritisieren, dass sich die meisten Trainings nicht an aktuellen Konzepten der Resilienz orientieren und dass keine Wiederholungen und Erfolgskontrollen vorgenommen werden, obwohl Resilienz Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Besonders kritisch sehen die Autoren jedoch, dass kein einziges der untersuchten Trainings mit realen Stressoren arbeitet und dass es kaum Resilienz-Trainings für Menschen gibt, die sie wirklich benötigen.

Es ist anzunehmen, dass nicht wissenschaftlich fundierte Trainings ähnliche Schwächen aufweisen. Sowohl für Wissenschaftler als auch für Laien ist es daher schwierig, seriöse und für ihren Bedarf zugeschnittene Trainings von weniger geeigneten zu unterscheiden und aus dem unübersichtlichen Angebot herauszufiltern.

Trotz solcher noch nicht befriedigend gelösten Aufgabenfelder gibt es zahlreiche Forschungsaktivitäten im Bereich der Resilienz. Aktuelle Forschungen beschäftigen sich unter anderem mit folgenden Themen:

  • Resilienz bei körperlichen, chronischen und letalen Krankheiten: Studien zum Umgang mit körperlichen Krankheiten legen nahe, dass Resilienz bei der Krankheitsbewältigung hilft und die psychische Belastung der Erkrankten und ihrer Angehörigen reduziert.
  • Langzeitstudien: Es gibt noch kaum Erkenntnisse über den Langzeitverlauf von Resilienz. Daher sind prospektive repräsentative Longitudinalstudien nötig, um Anpassungsprozesse auf neuronaler und kognitiver Ebene beobachten zu können und die Vorhersage von Resilienz zu verbessern.
  • Internetbasierte Resilienz-Förderung: Online-Resilienz-Trainings können dazu beitragen, verschiedene Resilienz-Faktoren unkompliziert und kostengünstig zu fördern. Allerdings steckt die internetbasierte Resilienz-Förderung noch in den Kinderschuhen.
  • Resilienz im Alter: Die Resilienz-Forschung und -Förderung hat sich lange Jahre auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene konzentriert, befasst sich jetzt aber allmählich auch mit Menschen im höheren Lebensalter. Ihnen kann Resilienz dabei helfen, eine hohe Lebensqualität und Zufriedenheit beizubehalten.
  • Hirnforschung: Das Forschungsinteresse richtet sich zunehmend auf die Rolle, die kognitive und neuronale Vorgänge sowie die Struktur und Funktionen des Gehirns für Resilienz spielen.
  • Psychotherapie: Strategien zur Förderung der Resilienz können begleitend eingesetzt werden und tragen zum Selbstmanagement und zur Förderung von Selbstheilungskräften bei. Viele Methoden von Resilienz-Trainings werden jedoch ohnehin in Psychotherapien angewendet.
  • Neue Bezüge: Resilienz wird nicht mehr nur im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit gesehen und erforscht, sondern auch mit Gruppen, Familien, Unternehmen, Teams, Vereinen, Organisationen, Subpopulationen und Gesellschaften.
  • Aktuelle Anwendung: Die Resilienz-Forschung öffnet sich häufig für aktuelle Themen. So hat zum Beispiel die Zunahme an Flüchtlingen in den westlichen Ländern in jüngerer Zeit dazu geführt, dass Resilienz-Trainings für Flüchtlinge entwickelt werden.

Dass das Thema Resilienz in den letzten Jahren populärwissenschaftlich so stark verbreitet und beansprucht wurde, vermittelt zuweilen den Eindruck, als könne jeder alle Krisen überwinden, wenn er nur resilient genug ist. Diese Sichtweise führt zu einer gewissen Selbstüberschätzung und negiert, dass es Situationen gibt, die ein Einzelner nicht bewältigen kann, und dass Resilienz nicht immer und bei jedem machbar ist. Sie propagiert Resilienz als Allheilmittel, mit dem es möglich sei, alles auszuhalten – unter Umständen auch Ungerechtigkeit und Missstände. Und sie fordert von jedem ein, resilient zu sein, da er ansonsten selbst schuld an seinen Problemen sei. Diese Gefahren, die mit einem falsch verstandenen Resilienz-Begriff verbunden sind, sind allgegenwärtig und sollten stets berücksichtigt werden. Marion Sonnenmoser

1.
Fellgiebel A: Resilienz gegenüber psychischen Störungen im Alter. Nervenarzt 2018; 89 (7): 773–8.
2.
Forbes S, Fikretoglu D: Building resilience: The conceptual basis and research evidence for resilience training programs. Review of General Psychology 2018, Advance online publication, http://dx.doi.org/10.1037/gpr0000152.
3.
Kunzler AM, Gilan DA, Kalisch R, Tüscher O, Lieb K: Aktuelle Konzepte der Resilienzforschung. Nervenarzt 2018; 89 (7): 747–53.
4.
Lehr D, Kunzler AM, Helmreich I, Behrendt D, Chmitorz A, Lieb K: Internetbasierte Resilienzförderung und Prävention psychischer Erkrankungen. Nervenarzt 2018; 89 (7): 766–72.
1.Fellgiebel A: Resilienz gegenüber psychischen Störungen im Alter. Nervenarzt 2018; 89 (7): 773–8.
2.Forbes S, Fikretoglu D: Building resilience: The conceptual basis and research evidence for resilience training programs. Review of General Psychology 2018, Advance online publication, http://dx.doi.org/10.1037/gpr0000152.
3.Kunzler AM, Gilan DA, Kalisch R, Tüscher O, Lieb K: Aktuelle Konzepte der Resilienzforschung. Nervenarzt 2018; 89 (7): 747–53.
4.Lehr D, Kunzler AM, Helmreich I, Behrendt D, Chmitorz A, Lieb K: Internetbasierte Resilienzförderung und Prävention psychischer Erkrankungen. Nervenarzt 2018; 89 (7): 766–72.

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