ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Jugendliche: Zusammenhang zwischen ADHS und Medienkonsum

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Jugendliche: Zusammenhang zwischen ADHS und Medienkonsum

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 510

Meyer, Rüdiger

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Fördert die intensive Nutzung digitaler Medien durch Jugendliche die Entwicklung einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)? Eine Längsschnittstudie im amerikanischen Ärzteblatt liefert hierfür die bisher stärksten Indizien, ohne allerdings eine Kausalität beweisen zu können. Digitale Medien haben zweifellos ein hohes Ablenkungspotenzial. Jugendliche könnten besonders anfällig sein, da sie auf der Suche nach einer sozialen Identität sind und damit offener als andere Menschen für neue Kontakte. Dies führt im Extremfall dazu, dass Teenager in den Messengerdiensten mit Dutzenden anderer Personen gleichzeitig kommunizieren. Darüber könnte die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren, verloren gehen.

Die digitalen Medien stehen deshalb im Verdacht, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu fördern. In den letzten Jahren sind zahlreiche Studien zu dieser Frage durchgeführt worden. Bei den meisten handelte es sich jedoch nur um Querschnittstudien, die die Mediennutzung von ADHS-Patienten und anderen Jugendlichen verglichen. Eine Ursache-Wirkung-Beziehung lässt sich damit nicht herstellen. Überzeugender sind in dieser Hinsicht Längsschnittstudien, die eine Gruppe gesunder Jugendlicher über eine längere Zeit begleiten und den Medienkonsum zu Beginn der Studie mit späteren Neuerkrankungen in Beziehung setzt. Die Ergebnisse einer solchen Studie stellen jetzt Forscher der Keck School of Medicine in Los Angeles vor.

An der „Happiness & Health Study“ hatten sich zehn Schulen in Los Angeles und Umgebung beteiligt. Über zwei Jahre füllten die Schüler der 10. und später 11. Klasse ausführliche Fragebögen zu ihren Freizeitgewohnheiten aus. Unter anderem wurden sie auch zur Nutzung von insgesamt 14 digitalen Medien befragt. Es gab auch einen Fragebogen zu jeweils neun Symptomen der Unaufmerksamkeit und der Hyperaktivität/Impulsivität. Das Team um Adam Leventhal setzte nun die Nutzung der digitalen Medien bei den 2 587 Teilnehmern, die zu Beginn der Studie noch unauffällig waren, mit dem späteren Neuauftreten von ADHS-Symptomen in Beziehung.

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Die Ergebnisse sind eindeutig: Während von den 495 Kindern, die die sozialen Medien nur selten nutzten, 4,6 % ADHS-Symptome entwickelten, waren es bei den 114 Kindern, die sieben Medien intensiv nutzten, 9,5 %. Von den 51 Kindern, die alle Plattformen intensiv nutzten, zeigten sogar 10,5 % neue ADHS-Symptome. Dennoch sind die Ergebnisse kein Beweis, dass die intensive Nutzung der digitalen Medien für die ADHS-Symptome verantwortlich ist. Auch in einer Langzeitstudie lässt sich nicht ausschließen, dass die ADHS am Anfang steht und die intensivere Nutzung der digitalen Medien die Folge der Erkrankung ist. Ein zentrales Kennzeichen der ADHS ist die Suche nach Ablenkungen, die sich durch die digitalen Medien leicht bedienen lässt (reverse Kausalität). Mediennutzung und ADHS könnten auch gemeinsame Wurzeln haben. So ist denkbar, dass Eltern, die selbst an ADHS leiden und die Störung auf ihre Kinder vererbt haben, in der Erziehung laxer sind, während Eltern ohne ADHS strengere häusliche Regeln für die Nutzung digitaler Medien ausgeben. Ein Beweis ließe sich nur durch eine randomisierte kontrollierte Studie erbringen, in der einer Gruppe von zufällig ausgewählten Jugendlichen die freie Nutzung der digitalen Medien erlaubt würde, während dies einer zweiten Gruppe verboten würde. Eine solche Interventionsstudie wird es jedoch kaum geben. rme

Chaelin K, Junhan C, Stone MD, et al: Association of Digital Media Use With Subsequent Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Among Adolescents. JAMA. 2018; 320 (3): 255–63. doi:10.1001/jama.2018.8931

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