ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Otto F. Kernberg: Der Unentwegte

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Otto F. Kernberg: Der Unentwegte

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 509

Dammann, Gerhard

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Der Psychoanalytiker und Psychiater feierte vor Kurzem seinen 90. Geburtstag. Die aktuelle Narzissmus-Debatte wäre nicht vorstellbar ohne das Lebenswerk des österreichisch-chilenisch-amerikanischen Experten.

Otto F. Kernberg hat mit seiner offenen, neugierigen und tabufreien Art, die er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat, ganze Generationen von Psychotherapeuten angezogen. Foto: corn
Otto F. Kernberg hat mit seiner offenen, neugierigen und tabufreien Art, die er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat, ganze Generationen von Psychotherapeuten angezogen. Foto: corn

Das Thema Narzissmus ist heute wieder in aller Munde. Dabei geht es um die Frage, ob es narzisstische „toxische“ Führungspersonen gibt, die für ein Versagen der Politik teils mitverantwortlich gemacht werden können, oder ob auch bestimmte Minoritäten aus einer narzisstischen Dynamik heraus erhöhte Kränkbarkeit und Aggressionsneigung zeigen. Die aktuelle Narzissmus-Debatte wäre so nicht vorstellbar ohne das Lebenswerk des österreichisch-chilenisch-amerikanischen Psychiaters und Psychoanalytikers Otto F. Kernberg. In den 70er-Jahren lieferten sich die beiden aus Wien stammenden Psychoanalytiker Heinz Kohut (damals Chicago) und Otto F. Kernberg (New York) eine teils erbittert ausgetragene theoretische und klinische Diskussion über die Ursachen und die Behandlung der narzisstischen Störungen.

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Entwertung zur Stabilisierung

Kohut, der Begründer der sogenannten Selbstpsychologie, sah im Narzissmus im Wesentlichen eine Fixierung auf eine kindliche narzisstische Phase, in der normale Bedürfnisse nach Anerkennung frustriert wurden und so die Aufgabe der Therapeuten in einer nachträglichen spiegelnden Nachbemutterung liegen sollte. Kernberg dagegen postulierte eine eigenständige narzisstische Entwicklung mit stärkerer intrapsychischer Aggression und einer Entwertung von anderen, um sich so zu stabilisieren. Kernberg forderte von den Therapeuten, dieses pathologische Selbst und seine Abwehrfunktionen stärker zu deuten. Gerade in Deutschland hat Kernbergs schnelle und tief deutende konfrontative Behandlungstechnik auch manche Skepsis hervorgerufen. Sieht man ihn direkt mit Patienten arbeiten, spürt man dagegen, wie diese „Wurzelbehandlungen“ von einem sehr wertschätzenden, ja liebevollen Kontakt getragen werden. Heute vermag man beide Aspekte – die Inferioritäts-Grandiositäts-Thematik Kohuts und die gestörten und ausbeuterischen Beziehungen im Narzissmus Kernbergs – als gleichermaßen relevant zu betrachten. Supportive und konfrontative Elemente dürfen in der Behandlung nicht verabsolutiert werden.

Otto F. Kernbergs Leben ist markiert durch die Brüche des 20. Jahrhunderts und wurde durch diese sublimiert bereichert. Als Kind jüdischer Eltern – sein Onkel war der bedeutende Psychiater und Entdecker der vor der Neuroleptika-Ära angewandten Insulinschocktherapie Manfred Sakel – musste er mit zehn Jahren nach Chile emigrieren.

In Santiago de Chile durchlief er gleichzeitig eine psychiatrische und psychoanalytische Ausbildung. Sein Lehrer war der sehr eigenständige Denker Ignacio Matte Blanco. Die damalige Fachliteratur war stark von der klassischen deutschen Psychopathologie geprägt. Im Jahr 1959 kam er mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung an das Johns Hopkins Hospital nach Baltimore und emigrierte 1961 ganz in die USA. Zusammen mit seiner ersten, 2006 verstorbenen Ehefrau Paulina Fischer Kernberg, einer renommierten Kinderpsychiaterin, arbeitete er zunächst am berühmten Menninger Hospital in Topeka, Kansas, wo er die Anfänge der noch jungen Psychotherapieforschung kennenlernte. Seitdem ist er in New York, wo er Professor für Psychiatrie an der Cornell Universität und Ausbildungsanalytiker am ‚Center for Psychoanalytic Training and Research‘ der Columbia Universität wurde.

Objektbeziehungstheorie

Kernbergs Hauptarbeitsgebiet ist die Diagnostik und Therapie von schweren Persönlichkeitsstörungen. Er hat hier nicht nur für den Narzissmus, sondern auch für die Borderline-Störung, die Perversionen und das antisoziale Spektrum Maßgebliches geleistet. Gestützt hat er sich dabei theoretisch auf die von ihm mitentwickelte amerikanische Objektbeziehungstheorie. Objektbeziehungen meint die Entwicklung von inneren Repräsentanzen in der frühen Kindheit, die gleichzeitig mit anderen Repräsentanzen, etwa konflikthaft, in Beziehung treten können. Die amerikanische Variante der Objektpsychologie hat dabei sehr geschickt und pragmatisch Elemente der britischen Objektbeziehungstheorie (besonders Fairbairn) und der Theorien von Edith Jacobson und Margaret S. Mahler mit Ich-psychologischen und an Melanie Klein (etwa Herbert Rosenfeld) ausgerichteten Theorieaspekten amalgamiert.

Neben den Persönlichkeitsstörungen galt und gilt Kernbergs besonderes Interesse den Liebesbeziehungen und den destruktiven Prozessen in Gruppen und in der Gesellschaft. Für jeden unvergesslich, der ihn gehört hat, kann er plastisch das emotionale wie sexuelle Liebesleben und dessen Abgründe bei den verschiedenen Persönlichkeitsakzentuierungen skizzieren.

Psychiater und Analytiker

Kernberg ist, was ihm auf beiden Seiten eine große Gegnerschaft eingebracht hat, immer gleichzeitig Psychiater und Psychoanalytiker. Vielen Psychiatern sind die Psychoanalyse und ihre Lehre von den unbewussten Triebdynamiken heute eher fremd geworden. Ein später Triumph ist wohl, dass das aktuellste psychiatrische Klassifikationssystem, das DSM-5 der amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung, den Ansatz Kernbergs, die Persönlichkeitsstörungen neben den beschreibenden Zügen mit verschiedenen Funktionsniveaus in Verbindung zu bringen, neu aufgenommen hat. Den Psychoanalytikern wiederum war sein scharfer, von der Psychiatrie geprägter diagnostischer Blick dafür immer etwas suspekt. So war es wohl für Kernberg in seiner karrierereichen Biografie die schwierigste Herausforderung, das Präsidium der 1910 von Freud gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) zu erlangen und diese Gruppe von 1997 bis 2001 zu leiten. In dieser Zeit versuchte Kernberg, die IPV für die Forschung zu öffnen, formulierte seine psychoanalytische Behandlungstechnik, die übertragungsfokussierte Psychotherapie, als Manual um und kritisierte pointiert und mit dem ihm eigenen Schalk Aspekte von Sterilität, Abhängigkeit und Autoritarismus in der psychoanalytischen Institutsausbildung.

Kernberg schreibt weiterhin unermüdlich. Besonders aber reist er, der am 10. September seinen 90. Geburtstag feiern konnte, unentwegt nach Südamerika, Asien oder Europa, um auf der ganzen Welt zu lehren und zu supervidieren. Gerhard Dammann

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