ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Traumatisierung und sexuelle Gewalt: Sehnsuchtsräume der Zugehörigkeit

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Traumatisierung und sexuelle Gewalt: Sehnsuchtsräume der Zugehörigkeit

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 514

Klaus, Gabi

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Max Mehrick nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine erschütternde Innenwelt. Von Anbeginn seines Lebens abgelehnt, beschreibt er die scheinbare Zwangsläufigkeit des immer wieder Zurück-gewiesen- werdens. Früh abgegeben in Kinderheim und Waisenhaus und schließlich gestrandet an einer Vorzeigeschule, kommt zu all den Erschütterungen, die Gewalt und Misshandlung bereits verursachten, noch langjähriger sexueller Missbrauch. Immer größer wird die Sicherheit, dass all dies ja nur eine Folge seines So-Seins sein kann, dass die anderen ja gar nicht anders können, als abzulehnen und zurückzuweisen. Schließlich versucht er den Schmerz fehlender erlebter Zugehörigkeit in Alkohol zu ertränken.

Max Mehrick gelingt sehr plastisch vor Augen zu führen, wie jeder Respekt vor dem eigenen Selbst zerbricht und aus dem vielfach abgelehnten Kind ein Mann heranwächst, der zutiefst überzeugt ist von seiner eigenen Wertlosigkeit. „Das eigene Dasein verliert an Wert und wird nur noch geschätzt, weil die Angst ihren großen Bruder holt – die Angst vor dem Tod.“ Der Autor beschreibt mit eindringlichen Worten die Sehnsucht danach, von jemandem angenommen zu werden, eingeladen zu werden in die Welt der anderen Menschen. Er nutzt vielfältige Sprachbilder, Texte, Gedichte und Zeichnungen, um die zerbrochene Innenwelt fassbar und fühlbar zu machen, die sich in- folge der vielfältigen Erschütterungen entwickelt hat. „Ich rede davon, dass mir das Leben genommen wurde – das Leben, welches ich hätte führen können.“

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Das Buch lädt nicht nur zum kognitiven Verstehen, sondern zum Nachempfinden und zum Nachfühlen ein. Für Betroffene der Themen Bindungstraumatisierung und Sexuelle- Gewalt-Betroffene gibt es eine Triggerwarnung zu Anfang des Buches, denn es bedarf einiger Stabilität, damit nicht eigene Themen unvermittelt aufbrechen. „Ich habe bisher kein anderes Buch gelesen, in dem mich die Erfahrungen eines misshandelten und missbrauchten Jungen so erschüttert haben. Sie haben mich zu Tränen gerührt und unsagbar wütend gemacht.“ (Aus dem Geleitwort)

Am Ende beginnt Mehrick einen Weg aus der Vereinsamung und Isolation zu suchen und erste Schritte in ein lebenswerteres Leben zu gehen. So ist sein Buch nicht zuletzt auch eine Ermutigung, trotz aller Hoffnungslosigkeit die Hoffnung nie ganz aufzugeben. Ein einfühlsames und empfehlenswertes Buch. Nicht nur für Psychotherapeuten. Gabi Klaus

Max Mehrick: Der lange Weg zurück – Das verlorene Leben. Asanger-Verlag, Kröning 2018, 206 Seiten, kartoniert, 24,50 Euro

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