ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Psychoanalyse und Universität: Zukunftsperspektiven gesucht

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Psychoanalyse und Universität: Zukunftsperspektiven gesucht

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 514

Buchholz, Michael B.

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Psychoanalyse kann an Universitäten gelehrt werden. Die Berliner International Psychoanalytic University (IPU) sowie Berichte aus der englischsprachigen Welt, aus Österreich und Frankreich zeigen es. Michael Schröter markiert mit dem Zitat Freuds, der Analytiker könne die Universität „ohne Schaden entbehren“ die Ambivalenz. Marks Solms klärt das Verhältnis zu den Neurowissenschaften. Bewusstsein sei vor allem Fühlen, Unbewusstes habe kognitive Fähigkeiten. Das war auch Freuds Position, dass Träumen – Denken sei. Die Seele könne so in die Naturwissenschaft „eingeschlossen“ werden. Sie auch an mikroanalytisch arbeitende Interaktionsforschungen anzuschließen, könnte diese Einseitigkeit überwinden.

Leuzinger-Bohleber schreibt eine leicht vergoldete Version der Geschichte des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts als Forschungsinstitution. Einst im „Spannungsfeld“ zwischen Medizin und Kultur- und Geisteswissenschaften, emanzipierte sich die Psychoanalyse zur spezifischen „Wissenschaft des Unbewussten“. Dass es dazu vielbändige Werke gibt, erwähnt sie nicht. August Ruhs’ Beitrag über Frankreich, wo die Psychoanalyse eine kulturell einflussreichere Position hat, fragt, ob die Psychoanalyse mit der Universität eine „liaison dangereux“ eingegangen sei, die Liebe wird von der Universität wenig erwidert. Patrizia Giampieri-Deutsch tröstet, da es für diese Liebe in den USA der 1990er- Jahre eine breite Diskussion über Universitäten (im Plural) gab. Verschiedenen Arten von akademischen Begabungen – neben mathematisch-rationalen auch künstlerische, humanistische und integrative Formen – wurden hochrangige Bildungsstätten zur Verfügung gestellt und Lehrformate entwickelt. In Deutschland glaubt man lieber an ein und nur ein Dogma für die Psychologie als Wissenschaft. Dominanz der nur-klinischen Orientierung zusammen mit akademischer Bindung an ein zu enges Verständnis von Empirie, hat die Verbindung hier eher getrübt. Die Psychoanalyse kann intellektuelle Bereicherungen, die Universitäten in fast jedem Bereich menschlicher Erkenntnis zur Verfügung stellen, ertragen; sie muss nicht auf Einzigartigkeit pochen. Das würde sie ja von vorneherein als „außer Konkurrenz“ definieren. Sie hat das – nicht nötig. Gertraud Diem-Wille zeigt am Beispiel von „infant observation“ und Pädagogik sehr schön, wie akademisches Lernen mit Persönlichkeitsentwicklung verbunden werden kann.

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Der Beitrag des Präsidenten der IPU, Martin Teising, zeigt deren vielfältige Verzweigungen. Die IPU ist international, viele Kurse wie auch das Promotionsprogramm finden in englischer Sprache statt. Im CHE-Ranking 2016–17 nahm der IPU-Master-Studiengang Psychologie bundesweit den ersten Platz ein. War die Verdrängung der Psychoanalyse aus öffentlichen Universitäten klug? Fritz Lackinger und Stefan Doering schließen zur Dynamik der Wissensgesellschaft auf, die nicht nur theoretisches Wissen brauche, sondern kritische Begleitung und reflektiertes Eingreifen in Feldern professioneller Praxis. Psychoanalyse der Zukunft heißt, Studierenden nicht nur einen warmen Platz hinter der Couch zu organisieren. Psychoanalytische Kompetenzen werden international gebraucht, etwa bei der Millionenzahl an Kindern, die von Ausbeutung, Missbrauch, Hunger und Bildungsvorenthaltung auf Pfade der Existenzsicherung durch Gewalt gedrängt werden. Hier ist der Platz weniger warm, dafür intensiv. Psychoanalyse und Universität – das braucht Zukunftsperspektiven. Die Zusammenstellung der Versuche in der Vergangenheit ist gelungen, die Zukunft will es erst noch werden. Michael B. Buchholz

Fritz Lackinger, Hemma Rössler-Schülein (Hrsg.): Psychoanalyse und Universität. Zur Verbindung von akademischer Lehre und analytischer Praxis. Psychosozial-Verlag, Gießen 2017, 210 Seiten, kartoniert, 22,90 Euro

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