ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Musik und Psychoanalyse: Bewusster Umgang mit der Pause

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Musik und Psychoanalyse: Bewusster Umgang mit der Pause

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 515

Ringwelski, Beate

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Die Vorträge auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse und Musik im Jahre 2016 sind in diesem Bändchen zusammengefasst. Sie standen unter der Überschrift „Pause“. Pausen sind meist willkommen – als Atempause für die Bläser, als Unterbrechung einer anstrengenden Tätigkeit, zwischen Vorträgen, nach einer Therapieeinheit. Oder sie sind beängstigend – während eines Gesprächs, in einer Beziehung. Was war davor? Was kommt nach der Pause? Jedenfalls ist die Pause ein formales Element, das in jedem Musikstück und auch in jeder Therapiesitzung auftaucht und diese strukturiert.

Erstaunlich ist, wie sich die Autoren von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten dem Thema nähern. Pause ist nach Jekat und Schlüter zunächst einmal Abwesenheit, Trennung. In dieser Zeit kann jedoch das „Davor“ weiterwirken. Oft entsteht dabei etwas Neues, wie es im therapeutischen Gespräch erwünscht ist. In Hinblick darauf, was nach der Pause kommen wird, entsteht eine Erwartung, die freudig oder auch ängstlich gefärbt sein kann. Auch wenn ein Musikstück oder eine Therapiestunde zu Ende ist, arbeitet das Gehörte und Erlebte noch weiter. Im Fallbeispiel einer psychotischen Patientin schildert der Musiktherapeut De Backer (in Zusammenarbeit mit Van Camp, Foubert und Jekat), wie gemeinsames musikalisches Improvisieren allmählich zu gegenseitigem Reagieren führt. Nach einer Zeit der Stille werden eine gemeinsame Pulsierung und schließlich eine Phrasierung möglich. Die Analytikerin Eveline List geht zunächst der Erregungsverarbeitung akustischer Reize nach. Eine Pause in einem Musikstück ist demnach gefüllt aus Nachklang und Erwartung. Das gilt ebenso für therapeutische Gespräche. Sie unterscheidet dabei Pausen des Verarbeitens, des Widerstands, der „Sattheit“, der Verwirrtheit, der Ängstlichkeit, der Befriedigung, der Erleichterung. Pausen können auch bewusst vermieden werden oder Ansätze zu nicht ausgeführter Rede sein. Der Musikwissenschaftler Hartmut Krones erläutert, wie Komponisten Pausen einsetzen, um den jeweiligen Inhalt besonders intensiv zu vermitteln. So machen sie zum Beispiel Verstummen, Tod, Atemlosigkeit, Seufzer, innere Unruhe oder Erschrecken hörbar. Freude und Staunen drückt Beethoven im „Fidelio“ durch „stockender Atem“ aus. Die Notenbeispiele machen es dem Leser leicht, die verschiedenen Möglichkeiten nachzuvollziehen. Detailliert geht der Analytiker Sebastian Leikert der Stille als „Verhältnis zum abwesenden Objekt“ nach. Dabei geht er vom „Fort-da“-Spiel bei Freud aus. Unter Berücksichtigung des Zeitgeistes von Goethe und Schubert kommt er zu einer überraschenden Interpretation des „Erlkönig“, die zum Nachdenken anregt. Maria Becker ist Musik- und Psychotherapeutin und beschreibt ihre Arbeit mit einer körperlich und geistig schwer behinderten jungen Frau. Diese unterbrach ein Miteinander oft plötzlich, was die Therapeutin anfangs irritierte, bis ihr Parallelen zu Pausen in der Musik auffielen. Die Fallvignette erlaubt einen tiefen Einblick in musiktherapeutisches Vorgehen. In Pause und Nachklang erkennt Lisa Sumpfögger, die vom Musiktheater und Tanz kommt, eine raumschaffende Kraft. Wenn Parsifal bei Wagner zur Gralsburg schreitet, wird die musikalisch fortlaufende Zeit durch einen gehenden Menschen verbildlicht. Ihre Ausführungen eröffnen eine neue Sicht auf die Verbindung von Zeit und Raum in der Musik.

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Die Ausführungen aller Autoren zeugen von hoher Sachkenntnis. Es lohnt sich besonders für Musiker, Psycho- und Musiktherapeuten, aber auch interessierte Laien, ihren Gedankengängen zu folgen und mit Pausen in Zukunft bewusster umzugehen. Beate Ringwelski

Friederike Jekat, Sabine Schlüter, Johanna Sommer-Frenzel (Hrsg.): Dazwischen – Die Pause in Musik und Psychoanalyse. Jahrbuch für Psychoanalyse und Musik, Band 2. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018, 136 Seiten, kartoniert, 22,90 Euro

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