ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Psychodynamische Psychotherapie: Überblick und Diskussionsgrundlage

BÜCHER

Psychodynamische Psychotherapie: Überblick und Diskussionsgrundlage

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 516

Golombek, Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Psychotherapie als Leistung der Krankenkassen bedarf des Nachweises evidenzbasiert zu sein – einer Forderung, der sich die Psychotherapieverfahren stellen müssen. Die Reihe „Psychodynamik Kompakt“ hat sich den Wirksamkeitsnachweisen von Psychodynamischer Psychotherapie (PDT) durch die Psychotherapieforschung mit dem anregenden Untertitel „Bambi ist gesund und munter“ (deren Bedeutung hier nicht verraten wird) angenommen.

Der Leser erhält einen Überblick über den Stand der Psychotherapieforschung, vor allem über deren methodische Probleme, die verständlich erläutert werden. Verdienstvoll ist, dass die Bedeutung von RCT-Studien (randomisiert-kontrollierte Studiendesigns) als „Goldstandard“ und naturalistische Studien gleichsam gewürdigt werden. Auf Mängel von Studien und Probleme der Replizierbarkeit psychologischer Forschung und darin liegende Risikofaktoren wird eingegangen und auf die Existenz des Dodo-Birds-Effekts verwiesen.

Anzeige

Die Autoren setzen sich mit den Zweifeln an der Wirksamkeit der Psychodynamischen Therapie auseinander, verfallen aber nicht der Versuchung, die therapeutischen Verfahren mit narzisstischer Gekränktheit gegeneinander auszuspielen. Vielmehr wird kritisch angemerkt, dass die Therapieeffekte über alle Methoden noch nicht zufriedenstellend sind. Hier stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein, was sich unter anderem über die insgesamt geringen Effektstärken als Maß erfolgreich durchgeführter Psychotherapien abbildet. Die Messbarkeit von Therapieverfahren hängt auch davon ab, wie ein gutes Therapieergebnis verstanden und operationalisiert wird. Patienten kommen wegen vielfältiger psychischer Symptome in die Behandlung, deren Veränderung sich abbilden lässt. Darunter liegende schwerwiegende seelische Gründe wie zum Beispiel Schuld- oder Schamgefühle lassen sich schwieriger messen, prägen aber oft den therapeutischen Prozess. Mut wird mit dem neuen Ansatz transdiagnostischer und/oder vereinheitlichter Therapiemanuale, die der PDT entgegenkommen würden, vermittelt. Allerdings wird der Ansatz nicht anschaulich genug dargestellt.

Wie im Buch ausgeführt, unterliegen psychodynamische Verfahren zuweilen dem Vorwurf unwissenschaftlichen Herangehens. Hier werden vor allem Studien zur Wirksamkeit störungsbezogen ausgerichteter psychodynamischer Therapien aufgeführt, aber auch Möglichkeiten benannt, spezifische Aspekte von PDT wie zum Beispiel Strukturniveau einzubinden. Offen bleiben weiterhin Fragen der Differentialindikation, der „Passung von Therapeut und Patient“, der Nichtansprechbarkeit der Patienten oder fehlenden Nachhaltigkeit.

Die Autoren lösen ihr Versprechen, einen Überblick und eine Diskussionsgrundlage zu geben. Sie könnten aber noch spezifischer auf einzelne Ansätze innerhalb der nicht weiter differenzierten psychodynamischen Psychotherapie eingehen und diskutieren, inwiefern evidenzbasierte Medizin dazu beitragen kann, auch analytisches Denken zu legitimieren. Jürgen Golombek

Christiane Steinert, Falk Leichsenring: Psychodynamische Psychotherapie in Zeiten evidenzbasierter Medizin. Bambi ist gesund und munter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, 83 Seiten, kartoniert, 10,00 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema