ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2018Andrew Ure (1778–1857): Ein echter Frankenstein

KULTUR

Andrew Ure (1778–1857): Ein echter Frankenstein

PP 17, Ausgabe November 2018, Seite 519

M.A, Sandra Krämer

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Grenzüberschreitungen zwischen Wissenschaft und Schöpfung faszinierten vor 200 Jahren Wissenschaftler und Künstler gleichermaßen. Ein davon inspirierter Literaturklassiker und innerviertes Medizininstrumentarium agieren bis heute als „Schocker“.

„Lebenstätigkeit wiederherstellen“: Mit seinen Experimenten an dem hingerichteten Mörder Matthew Clydesdale schockierte Andrew Ure im November 1818 seine Zuschauer. Fotos: picture alliance
„Lebenstätigkeit wiederherstellen“: Mit seinen Experimenten an dem hingerichteten Mörder Matthew Clydesdale schockierte Andrew Ure im November 1818 seine Zuschauer. Fotos: picture alliance

So vieles ist schon errungen worden, (…) – ich aber will noch mehr, noch weit mehr, (…) der Welt das tiefste Geheimnis der Schöpfung offenbaren!“ Jenem „einen Ziele mit Leib und Seele verschrieben“ ist ein von unstillbarem Wissensdurst getriebener Chemiestudent an der Universität Ingolstadt, welche im Begriff steht, zur führenden Wissenschaftsmacht Deutschlands aufzusteigen. Mittels Studium der veralteten Alchemisten Agrippas, Magnus’ und Paracelsus’, verknüpft mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart, versucht er das Geheimnis, „die Ursache aller Zeugung und allen Lebens“, zu entdecken, welches ihn bemächtigt, „dem toten Stoffe Leben einzuhauchen“.

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In seiner Dachkammer trägt der gebürtige Genfer „aus den Beinhäusern Knochen zusammen“, besorgt sich alles Weitere im Sezierraum und Schlachthaus und baut „das Instrumentarium des Lebens rings um (s)ich auf, um dem reglosen Körper, welcher da zu (s)einen Füßen lag, den Leben spendenden Funken einzuhauchen“. In einer düsteren Novembernacht begibt sich Viktor Frankenstein „an die Erschaffung eines Wesens aus totem Lehm“.

Mary Shelleys „Frankenstein“

Mary Shelley: Mit „Frankenstein“, dem die „Erschaffung eines Wesens aus totem Lehm“ gelang, schuf die Schriftstellerin einen Grusel- Klassiker.
Mary Shelley: Mit „Frankenstein“, dem die „Erschaffung eines Wesens aus totem Lehm“ gelang, schuf die Schriftstellerin einen Grusel- Klassiker.

„… die Kerze war schon zu einem Stümpfchen heruntergebrannt, als ich in dem Geflacker der schon erlöschenden Flamme das ausdruckslose gelbliche Auge der Kreatur sich auftun sah. Ein schwerer Atemzug hob ihre Brust …“ Die neunzehnjährige Schriftstellerin Mary Shelley befindet sich zum Zeitpunkt ihrer Phantasmagorie am Genfer See inmitten einer illustren Gesellschaft – ihr künftiger Ehemann Percy Shelley, der Dichter Georg Gordon Byron mit der nach einer kurzen Liason von ihm schwangeren Claire Clairmont und seinem Leibarzt. Gemeinsam „schart“ man sich an jenem Juliabend in der luxuriösen Villa Diodati „um das im Kamin lodernde Holzfeuer“; die Gespräche kreisen um Naturphilosophie und Wissenschaft und „hin und wieder delektieren“ sie sich „an deutschen Gespenstergeschichten“.

Draußen bestimmen sturmgepeitschtes nasskaltes Wetter sowie Gewitter, „gewaltig und schrecklich“, die Szenerie. Es ist das Jahr ohne Sommer: „eighteen-hundred-and-froze-to-death“. Im April 1815 war auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausgebrochen und hatte gigantische Mengen an Staubteilchen in die Atmosphäre geschleudert. Die Sonne verdunkelte sich, auf der Erde wurde es kalt.

Die düstere Atmosphäre in der Villa, genährt durch Spekulationen über den „Ursprung des Lebens“, lässt schon bald die Grenze zwischen Okkultismus und Naturwissenschaft verwischen. Die Vorstellung, „eine Leiche wieder zum Leben (zu) erwecken, was ja auf galvanischem Wege bereits geschehen ist“, verursacht in den drei Literaten das „vergnügliche Begehren, Ähnliches hervorzubringen“. Während ihre Mitstreiter die durch zeitgenössische Experimente inspirierten Visionen jedoch bald wieder vergessen, treibt Mary Shelley (1797– 1851) das Verlangen, „die Bestandteile einer Kreatur zusammenzufügen und ihr lebendigen Odem einzuhauchen“ regelrecht um. Am 1. Januar 1818 erscheint im Londoner Verlagshaus Lackington & Co. mit einer Auflage von 500 Druckexemplaren ein anonymes Werk, das Jahre später zum Bestseller avancieren wird: „Frankenstein oder der moderne Prometheus“.

Andrew Ures „Clydesdale“

Andrew Ure: Der experimentierfreudige Chemiker war vom reanimierenden Potenzial „der galvanischen Elektrizität“ überzeugt.
Andrew Ure: Der experimentierfreudige Chemiker war vom reanimierenden Potenzial „der galvanischen Elektrizität“ überzeugt.

„Wir sind beinahe willens uns vorzustellen, dass es die Wahrscheinlichkeit gibt, Leben wiederherzustellen.“ Von dem reanimierenden Potenzial „der galvanischen Elektrizität“ überzeugt ist Andrew Ure, ein experimentierfreudiger Chemieprofessor der Andersonschen Universität Glasgow, an die er 1804 berufen wurde. Sein Interesse wird bestärkt durch die Forschungen des Zeitgenossen Wilson Philip zu den Auswirkungen der Elektrizität auf die Physiologie. Mittels Versuchen an Kaninchen bewies der Physiker, dass nach Zerschneidung des achten Nervenpaares die normalen Körperfunktionen wieder in Gang gesetzt werden, wenn man die beschädigte Reizleiter dem Einfluss der Voltaischen Säule aussetzt. Seither ist Ure bestrebt, die galvanischen Experimente dahingehend zu erweitern, dass anstelle der Stimulierung lediglich eines einzelnen Muskels, ein toter Körper vollständig wieder zum Leben erweckt werde, um „der Wissenschaft zu Ehre und Nutzen (zu) gereichen“.

Am 4. November 1818 ist es dann soweit. Unter den Augen von Wissenschaftlern und Schaulustigen im Anatomischen Theater Glasgow begibt sich Andrew Ure daran, „durch Elektrifizierung (…) die Lebenstätigkeit“ des hingerichteten Mörders Matthew Clydesdale „wieder her(zu)stellen“. An dem auf dem Seziertisch liegenden Leichnam der zuvor „1 Stunde am Galgen gehangen“ hatte, legt er zunächst das Rückenmark und anschließend die zu erregenden Nerven frei. Seine „kleinere Voltaische Batterie, aus 270 vierzolligen Doppelplatten bestehend (mit verdünnter Salpeter-Schwefelsäure geladen), nebst Verbindungsdrähten und zugespitzten Metallstäbchen“ hat Ure bereits in den Hörsaal bringen lassen. Zunächst kontaktiert er das Metallstäbchen, welches mit einem Ende der Batterie in Verbindung steht, mit dem Rückenmark und das zweite mit dem Nervus ischiadicus, woraufhin „sogleich je- der Muskel des Körpers (…) von konvulsivischen Bewegungen ergriffen“ wird. Mit „einer Lebendigkeit gleich einem Violinspieler“ setzten sich Clydesdales Finger bei dem Versuch, die elektrische Kraft vom Rückenmark an den Nervus ulnaris zu leiten, „in Bewegung“, und als das Stäbchen an den Schnitt auf der Zeigefingerspitze geführt wird, schien es, als würde der Leichnam „auf verschiedene Zuschauer deuten“. Dem nicht genug, spiegeln sich „Wut, Schrecken, Verzweiflung, Angst und ein fürchterliches Lächeln auf dem Antlitze des Mörders“ wieder, sobald man die „elektrische Entladung“ auf den Nervus supraorbitalis konzentriert.

Überzeugt, der hingerichtete Mörder „sei wieder ins Leben zurückgekehrt“, verlassen mehrere Zuschauer fluchtartig den Saal, „ein Mann sank in Ohnmacht“. Mit der inszenatorischen Effektivität der „physikalischen Apparatur“, der sich bereits Mary Shelley bewusst war, geht im Rahmen der Glasgower Versuchsreihe auch eine wissenschaftliche einher. Ausgehend von der Erkenntnis Philips’ über die Bedeutung „des Zwerchfells und der Lunge zur Wiederherstellung der aufgehobenen Tätigkeit des Herzens“, fokussiert Ure den Nerv, der mit der Cardia „durch das 8te Nervenpaar in Verbindung steht“. Zur Verstärkung der Wirkungsintensität komplettiert er zusätzlich den Stromkreis, indem er „das Ende der Drähte um die obersten Platten im letzten Troge des einen Pols herumschlingt, während der andere Draht fortwährend in der letzten Zelle des entgegengesetzten Poles eingetaucht bleibt“. Die Resonanz: „Ein volles, ja sehr angestrengtes Atmen trat sogleich ein, die Brust hob sich und sank wieder.“

Ure beschreibt die Defibrillation

Die direkte Stimulation des Nervus phrenicus, um den Herzschlag zu beeinflussen, könne bei „Fällen von Erstickung“ Anwendung finden, „wo das Leben entschwunden zu sein scheint, aber keine organische Verletzung vorhanden ist“. Mit seinen Ausführungen vor der Glasgower Literary Society beschreibt Andrew Ure am 10. Dezember 1818 jene medizintechnische Behandlungsmethode, die Jahre später einmal Leben retten wird – Defibrillation. Sandra Krämer M.A.

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

1.
Shelley M: Frankenstein oder der moderne Prometheus. London 1818 (inklusive der von der Autorin 1817 bzw. 1831 [Neuauflage] verfassten Vorworte).
2.
Ure A: An account of some experiments made on the body of a criminal immediately after execution, with physiological and practical observations. In: Journal of Science and the Arts 6, 1819; 283–94.
3.
Ure A: Handwörterbuch der practischen Chemie, angewendet auf die anderen Zweige der Naturkunde wie auf Künste und Gewerbe. Nach der neuesten Ausgabe des Originals (mit Berücksichtigung der französischen Bearbeitung von Rissault) aus dem Englischen übersetzt. Nebst Zusätzen und Anmerkungen. Weimar 1825; 524–30.
1.Shelley M: Frankenstein oder der moderne Prometheus. London 1818 (inklusive der von der Autorin 1817 bzw. 1831 [Neuauflage] verfassten Vorworte).
2.Ure A: An account of some experiments made on the body of a criminal immediately after execution, with physiological and practical observations. In: Journal of Science and the Arts 6, 1819; 283–94.
3.Ure A: Handwörterbuch der practischen Chemie, angewendet auf die anderen Zweige der Naturkunde wie auf Künste und Gewerbe. Nach der neuesten Ausgabe des Originals (mit Berücksichtigung der französischen Bearbeitung von Rissault) aus dem Englischen übersetzt. Nebst Zusätzen und Anmerkungen. Weimar 1825; 524–30.

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