ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2018Autoimmunerkrankung: Verbindung zwischen Darmflora und Multipler Sklerose entdeckt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Autoimmunerkrankung: Verbindung zwischen Darmflora und Multipler Sklerose entdeckt

Dtsch Arztebl 2018; 115(46): A-2128 / B-1762 / C-1740

Meyer, Rüdiger

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Foto: Judith Glick/stock.adobe.com
Foto: Judith Glick/stock.adobe.com

Schweizer Forscher haben möglicherweise das lang gesuchte Autoantigen entdeckt, das der Auslöser für die Multiple Sklerose ist. Laut ihrem Bericht handelt es sich um Abschnitte auf dem Enzym GDP-L-Fucose-Synthase, das auch von Darmbakterien gebildet wird.

Die Multiple Sklerose (MS) gilt als Autoimmunerkrankung, bei der T-Zellen körpereigenes Gewebe angreifen. Die Angriffsziele der T-Zellen wurden deshalb in den Myelinscheiden vermutet. Es konnten jedoch niemals Bestandteile des Myelins gefunden werden, auf die die T-Zellen der Patienten reagieren. Das Schweizer Forscherteam hat die Suche deshalb auf andere Moleküle ausgeweitet. Hierfür wurden 200 Mischungen aus Milliarden kleiner Proteinfragmente gescannt. Als Sensor dienten die T-Zellen einer Patientin, die an MS gestorben war. Bei zwei Fragmenten schlugen die T-Zellen an. Beide Fragmente sind Bestandteile des Enzyms GDP-L-Fucose-Synthase, das im Gehirn an der Synthese von Fucose beteiligt ist. Als essenzielles Monosaccharid ist es an der Zell-Zell-Kommunikation beteiligt.

Der Angriff der T-Zellen auf die GDP-L-Fucose-Synthase könnte dazu führen, dass nicht mehr genügend Fucose gebildet wird. Dies könnte die Myelinscheiden dann zu einem sekundären Angriffsziel des Immunsystems machen (und erklären, warum auf normalen Myelinscheiden niemals Angriffspunkte für die T-Zellen gefunden wurden). Deshalb haben die Forscher die T-Zellen von 31 weiteren Patienten untersucht. Diese litten entweder an MS oder einem „klinisch isolierten Syndrom“, einer Frühform der MS. Die T-Zellen von 12 der 31 Patienten reagierten auf die GDP-L-Fucose-Synthase.

Interessanterweise kommt das Enzym GDP-L-Fucose-Synthase auch in einigen Darmbakterien vor. Die Forscher vermuten, dass die Autoimmunerkrankung nicht im Gehirn, sondern im Darm beginnt. Es sei denkbar, dass die Immunzellen zunächst im Darm aktiviert würden, dann ins Hirn wandern und dort eine Entzündungskaskade anstoßen, wenn sie der humanen Variante ihres Zielantigens begegneten.

Fazit: Die Studienergebnisse könnten für die klinische Medizin von Bedeutung sein: Zum einen könnte der Nachweis von T-Zellen, die auf die Antigene der GDP-L-Fucose-Synthase reagieren, die Frühdiagnose der MS erleichtern. Zum anderen könnten die Antigene die Grundlage für eine spezifische Immuntherapie bilden. Rüdiger Meyer

Planas R, Santos R, Tomas-Ojer P, et al.: GDP-l-fucose synthase is a CD4+ T cell–specific autoantigen in DRB3*02:02 patients with multiple sclerosis. Science Translational Medicine, 10 Oct 2018. doi: 10.1126/scitranslmed.aat4301

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