ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2018Kindergesundheit: Aufmerksamkeit schaffen

SEITE EINS

Kindergesundheit: Aufmerksamkeit schaffen

Dtsch Arztebl 2018; 115(46): A-2089

Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Am 20. November ist der Internationale Tag der Kinderrechte. Sie wurden 1989 an diesem Datum weltweit in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben. Diese Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes greift daher exemplarisch drei Themen auf: Warum Kinderrechte in das Grundgesetz gehören (Seite 2110), warum die Versorgung mit kindgerechten Medizinprodukten unzureichend ist (Seite 2122) und wie sich misshandlungsbedingte von unfallbedingten Frakturen bei Kindern unterscheiden lassen (Seite 769).

Dass Kindergesundheit und Kinderrechte zu pflegen sind, ist unbestritten. Aber muss man das im reichen Deutschland noch betonen? In den Medien findet das Thema durchaus statt: Fälle von Kindesmissbrauch verbunden mit Vorwürfen von Behördenversagen sind die traurigen Höhepunkte der Berichterstattung. Die Kindergesundheit wird zumeist anhand von Einzelbeispielen aufgegriffen. Mal geistern Schlagzeilen über die hohe Säuglingssterblichkeit im Berliner Stadtteil Neukölln durch die Zeitungen, mal diskutiert man über das Rauchen im Auto im Beisein von Kindern. Auch die Forderung, Zucker in Lebensmitteln, die für Kinder angepriesen werden, zu reduzieren oder die Kritik an mangelnder Forschung für kindgerechte Arzneimittel- und Medizinprodukte werden genannt. Berichte über fehlende Ressourcen in deutschen Kinderkliniken muss man schon gezielter suchen.

Anzeige

Trotz dieses breiten Themenspektrums gewinnt man den Eindruck, dass es zumeist das Engagement einzelner Initiativen ist, das Aufmerksamkeit für die Kindergesundheit schafft. Diese Aufmerksamkeit ist oft nicht von langer Dauer und mündet seltener in grundsätzlichen Überlegungen mit entsprechenden politischen Entscheidungen. Letztere zielen in erster Linie auf das gesamte Versorgungsspektrum ab, was nachvollziehbar, aber manchmal zu kurz gedacht ist. Beispiel Fallpauschalen (DRG): Sie wurden eingeführt, um Liegezeiten und Ausgaben zu reduzieren. Das gelang zwar, aber auf Kosten von Fehlanreizen zur Mengenausweitung und der damit verbundenen Industrialisierung der Patientenversorgung. Für Kinderstationen und Kinderkrankenhäuser war die Einführung der DRG noch einschneidender, denn das Fallpauschalensystem bildet die Kinderversorgung nur unzureichend ab, da sie nur wenige eigene DRGs hat. Dass ein schlichtes Röntgenbild bei einem Säugling aber wesentlich zeitaufwendiger ist als bei einem Erwachsenen, versteht auch der medizinische Laie. Die Personalkosten in Kinderkrankenhäusern sind daher um circa 30 Prozent höher als in der Erwachsenenmedizin und durch die Festpreise der DRG nicht gedeckt (siehe www.aerzteblatt.de/18382). Unweigerlich kommt es zu einer Unterfinanzierung und im schlimmsten Fall zu einem Existenzrisiko für die Kinderkliniken. Mancher Krankenhausträger überlegt sich gut, ob er eine Kinderstation anbietet, die höchstwahrscheinlich verlustträchtig ist. Diese verhängnisvolle Kettenreaktion bedroht die Versorgung von Kindern. Das Bemühen um die Kindergesundheit muss aber schon viel eher beginnen. Beispiel Ernährung: Lebensmittel, die für Kinder angepriesen werden, haben viel zu hohe Zucker- und Fettanteile. Man kann nur warnen, denn die adipösen Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen.

Ja! Man muss auch im reichen Deutschland kontinuierlich Aufmerksamkeit für die Kindergesundheit schaffen. Antoine de Saint-Exupéry sagte: „Kinder müssen mit Erwachsenen sehr viel Nachsicht haben.“ Er hat recht.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige