ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2018Öko­nomi­sierung: Gewinn abgeschöpft
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Es fehlt ein wesentlicher historischer Fakt, der den „deutschen Sonderweg der nicht-gewinnorientierten öffentlichen und kirchlichen Unternehmen“ im Gesundheitswesen erklärt.

Vor mehr als 100 Jahren wurde nämlich das Gesundheitswesen in Deutschland zum staatlichen Interesse erklärt und die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung und die gesetzliche Rentenversicherung noch zu Kaiserzeiten aus der Taufe gehoben und zur Pflichtversicherung gemäß eines Einkommens aus Arbeitstätigkeit erklärt.

Die Motivation war zwar nicht am persönlichen Wohlergehen der Untertanen orientiert, sondern am optimalen Vorhandensein der persönlichen Arbeitskraft (denn nur wer gesund ist, kann auch gut arbeiten!), aber um dieses funktionierende System wurde Deutschland weltweit beneidet. In den übrigen Ländern der Erde ist Gesundheit meistens eine Frage des persönlichen Einkommens oder der Möglichkeit, sich (oder die Familie) im Krankheitsfall verschulden zu können.

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Die bisherige Öko­nomi­sierung durch Privatisierung dieser ehemals staatlichen Gesundheitsfürsorge ignoriert, dass die Finanzierung über die gesetzlichen Krankenkassen von der Bevölkerung immer noch im Rahmen eines Solidaritätsprinzipes funktionieren soll, das heißt, wer gesund ist und deswegen das Gesundheitssystem nicht in Anspruch nehmen muss, finanziert mit seinen Beiträgen die Gesundheitsversorgung derjenigen, die krank sind, ohne dass die sich eine Behandlung nur gemäß ihres persönlichen Einkommens leisten können.

Der Grundgedanke der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung ist also, dass das Geld der Beiträge auch für die Behandlung der Kranken ausgegeben wird und nicht, wie zunehmend in der heutigen Zeit, die Einkünfte eines privaten Krankenhauses die Eigentümer dieses Krankenhauses mit Gewinnabschöpfung in teilweise 2-stelliger Höhe alimentieren.

Dies führt dazu, dass im Rahmen einer Privatisierung zur „Kostensenkung“

regelmäßig Pflegekräfte entlassen, „unrentable“ Abteilungen geschlossen werden (und damit auch Weiterbildungsmöglichkeiten für den Ärztenachwuchs für diese Fächer, zum Beispiel Kinderheilkunde wegfallen), und im Fall der Fälle auch schon mal den Patienten eine teurere (operative) Therapie empfohlen wird, statt konservativ über einen längeren Zeitraum mit einem ähnlich guten Langzeitergebnis (Bandscheibenvorfälle ohne neurologische Ausfälle und Arthroskopien bei radiologisch sichtbarer Gonarthrose 4. Grades nur als Beispiele) zu behandeln. Das Outsourcing von Reinigungspersonal und Verpflegung trägt im Einzelfall auch nicht zur Verbesserung der Hygiene und der Ernährung der Patienten bei, ist aber billiger.

Eine Nachsteuerung der Einkünfte der Krankenhäuser durch Herausnahme der Pflegekosten aus den DRGs mit Festlegung von Personaluntergrenzen für die einzelnen Abteilungen ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Edith Kühnert, Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin, 26419 Schortens

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