ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2018Marburger Bund: Mehr Zeit für die Patienten

POLITIK

Marburger Bund: Mehr Zeit für die Patienten

Dtsch Arztebl 2018; 115(46): A-2100 / B-1742 / C-1720

Osterloh, Falk

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Der Marburger Bund hat sich als schlagkräftige Ärztegewerkschaft einen Namen gemacht. Auf seiner Haupt­ver­samm­lung diskutierte der Verband in diesem Jahr über die künftige Ausrichtung seiner Tarifpolitik. Im Mittelpunkt standen dabei die ärztlichen Arbeitsbedingungen.

Fotos: Jürgen Gebhardt
Fotos: Jürgen Gebhardt

Der Arbeitsalltag von Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus hat sich in den vergangenen Jahren, unter anderem infolge der Ausgestaltung des DRG-Systems, stark verändert. Auf der 134. Haupt­ver­samm­lung des Marburger Bundes (MB) am 9. und 10. November in Berlin wurde deutlich, wie sehr Ärzte darunter leiden. In einer emotional und engagiert geführten Debatte diskutierten die Delegierten des Verbandes darüber, welche Auswirkungen diese Situation auf die künftige Tarifpolitik des MB haben sollte. Dabei herrschte Einigkeit darüber, dass Verbesserungen der ärztlichen Arbeitsbedingungen hohe Priorität haben müssen.

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Grundlage der Diskussion war ein tarifpolitisches Konzept, das die Kleine Tarifkommission des MB unter Leitung des 2. Vorsitzenden des Verbandes, Dr. med. Andreas Botzlar, erarbeitet hat. Darin geht es unter anderem darum, die Arbeitszeiterfassung zu automatisieren, die Dienstpläne verlässlicher zu gestalten und die Arbeitszeit der Ärzte besser zu regeln. Bei dem Konzept handelt es sich um ein Thesenpapier und nicht um einen Forderungskatalog des Verbands.

„Dreh- und Angelpunkt des Konzeptes ist eine automatisierte Zeiterfassung mit von uns lizenzierten Systemen“, erklärte Botzlar. „Wenn wir keine Kontrolle darüber haben, dass sich die Wirklichkeit in der Dokumentation abbildet, bleibt alles andere Makulatur. Und das muss die Zeit zwischen dem Kommen und dem Gehen sein, nichts anderes.“

Arbeitszeit klar erfassen

Viele Delegierte begrüßten diesen Ansatz. „Ich halte eine automatisierte Zeiterfassung für dringend erforderlich“, sagte Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Reinbold vom Landesverband Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz. „Denn Politik und Verwaltung überfrachten uns heute mit Tätigkeiten, die uns die Zeit für die Patientenversorgung nehmen.“ Welche Arbeit die Ärzte leisteten, müsse deshalb klar und manipulationsfrei erfasst werden.

Adalbert Büttner aus demselben Landesverband berichtete von Fällen, bei denen sich Ärztinnen und Ärzte ausloggten, um dann hinterher trotzdem weiterzuarbeiten, weil sie Druck von höherer Stelle bekämen.

In einem weiteren Punkt sieht das Thesenpapier vor, dass die Arbeitgeber die Dienstpläne verlässlicher gestalten müssen. „Die Ärzte müssen den Dienstplan rechtzeitig kennen“, forderte Botzlar. „Meist gibt es den Dienstplan aber nicht rechtzeitig.“ Konkret soll die Personalbesetzung bis sieben Wochen vor Beginn des zu beplanenden Zeitraums bekannt sein. Bis sechs Wochen vor diesem Zeitraum muss der Dienstplan zur Genehmigung vorliegen. Liegt zum Beispiel bis fünf Wochen vor diesem Zeitraum kein Dienstplan vor, soll der Arbeitgeber Zuschläge zahlen müssen.

Zudem beinhaltet das Papier eine klarere Arbeitszeitregelung. Demnach soll die maximale Vollarbeitszeit weiter begrenzt werden. Die regelmäßige Kernarbeitszeit soll werktags zwischen 7 bis 17 Uhr liegen. An einzelnen Tagen dürften darüber hinaus Arbeitszeiten von zehn und maximal zwölf Stunden im Schichtdienst gelten, so Botzlar. Entscheidend sei es, die Gesamtarbeitslast der Ärzte zu reduzieren.

Zwei freie Wochenenden

In diesem Zusammenhang sieht das Konzept zwei freie Wochenenden pro Monat vor, also „ein zusammenhängendes Zeitfenster von Freitag, 18 Uhr, bis Montag, 6 Uhr“, sagte Botzlar. „Denn sonst ist das kein Wochenende.“ Wer länger arbeite, mache Überstunden, die auch bezahlt werden müssten. Zudem soll es Obergrenzen für den Bereitschaftsdienst geben, für die keine Opt-out-Möglichkeit eingeräumt wird. In diesem Zusammenhang bedürfe es auch einer Mindestpersonalausstattung im ärztlichen Dienst, so Botzlar.

Während der Debatte machten viele Ärzte deutlich, dass sie unter den aktuellen Arbeitsbedingungen in den Kliniken nicht mehr arbeiten könnten oder wollten. „Die Arbeit ist immer dichter geworden“, sagte Dr. med. Ursula von Gierke vom Landesverband Bayern. „Ich weiß von vielen Kollegen, die sagen, sie könnten die Arbeit in dieser Intensität nicht mehr leisten.“

„In meinem Team ist nur noch eine Ärztin, die zu 100 Prozent arbeitet“, sagte Dr. med. Julia Grauer aus dem Landesverband Baden-Württemberg. „Die anderen haben gesagt: ‚Wir schaffen es nicht mehr‘ und haben ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert.“ Denn ansonsten hätten sie keine Zeit mehr für die Weiterbildung und für ein Privatleben. Ein Problem sei dabei, dass nach wie vor viele unbezahlte Überstunden geleistet würden.

Nina Hector aus dem Landesverband Hamburg wies darauf hin, dass die aktuellen „desaströsen Arbeitsbedingungen“ nicht nur die Gesundheit der Ärzte gefährdeten, sondern auch die Gesundheit der Patienten. „Unser Problem ist das DRG-System“, sagte sie. „Und unsere Forderung ist: Wir brauchen mehr Zeit für unsere Patienten.“ Um diese zu erhalten, bedürfe es einer Mindestpersonalausstattung, mit der ein Dienstplanmodell auf den Weg gebracht werden könne, das ausreichend Zeit für eine gute Patientenversorgung vorsehe.

In einem Beschluss forderten die Delegierten des MB im Anschluss an die Diskussion, das DRG-System durch ein neues Vergütungssystem zu ersetzen, das die Kosten der aus ärztlicher Sicht notwendigen Versorgung der Patienten tatsächlich deckt. Die Öko­nomi­sierung der Gesundheitsversorgung, die in stationären Einrichtungen seit der Einführung des DRG-Systems im Jahr 2003 immer stärker fortschreite, gefährde die Gesundheit von Beschäftigten und Patienten. „Die produktivitätsorientierte Vergütung des DRG-Systems lässt keine Zeit für Patienten außerhalb der ärztlichen Kernleistung“, so die Delegierten.

Die Delegierten der Haupt­ver­samm­lung beteiligten sich engagiert an den Abstimmungen.
Die Delegierten der Haupt­ver­samm­lung beteiligten sich engagiert an den Abstimmungen.

Überlastung entgegenwirken

Das System habe nicht nur zu erhöhtem Arbeits- und Verwaltungsaufwand geführt, der nicht der Patientenversorgung diene und die Beschäftigten im Gesundheitswesen überlaste. Ärzte würden auch täglich aufgefordert, Bettenbelegung unter ökonomischen Gesichtspunkten zu steuern. Zeit für Zuwendungsmedizin gehe verloren. „Unsere Gesellschaft und die Arbeitgeber, aber auch wir Ärztinnen und Ärzte haben die Pflicht, der durch die fortschreitende Ökonomie bedingten Überlastung der Beschäftigten im Gesundheitswesen aktiv entgegenzuwirken, um den Ärzten wieder mehr Zeit am Patienten zu geben“, betonten die Delegierten.

Der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke, ging in seiner Rede unter anderem auf die Auswirkungen des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes (PpSG) ein, das zeitgleich mit der Haupt­ver­samm­lung im Deutschen Bundestag verabschiedet wurde und unter anderem die Herausnahme der Pflegepersonalkosten aus dem DRG-System vorsieht (siehe vorigen Artikel). Henke forderte, dass auch die Personalkosten für Ärzte und andere Berufsgruppen im Krankenhaus aus den Fallpauschalen herausgenommen werden müssten. Ohne Einbeziehung der anderen Berufsgruppen im Krankenhaus „drohen die Verwerfungen, die mit dem PpSG abgestellt werden sollen, in umso stärkerer Intensität auf die übrigen Gruppen von Krankenhausbeschäftigten zurückzuschlagen“. Die Grundausrichtung des Gesetzes, mehr Pflegepersonal im Krankenhaus zu befördern, sei richtig, so Henke. Doch die Diskussion dürfe nicht auf die Pflege begrenzt bleiben. Denn auch im ärztlichen Dienst gebe es in vielen Krankenhäusern eine völlig unzureichende Stellenbesetzung. Falk Osterloh

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