ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2018eHealth: Helsinki stellt die Weichen für eine digitale Zukunft

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eHealth: Helsinki stellt die Weichen für eine digitale Zukunft

Dtsch Arztebl 2018; 115(46): A-2106 / B-1747 / C-1725

Schmitt-Sausen, Nora

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Vor allem die Bürger von Finnlands Hauptstadt profitieren von den Möglichkeiten der Digitalisierung. Ortsbesuch in Helsinki. 2. Teil: Innovation in der Versorgung.

Foto: karis48/iStockphoto
Foto: karis48/iStockphoto

Der Arbeitsplatz einer Krankenschwester kann in Finnland heute so aussehen: Schreibtisch, mehrere Bildschirme, Headset, Webkamera auf dem Monitor. Zwölf solcher Digital-Arbeitsplätze finden sich in Helsinkis erstem „Virtuell Nursing Center“. Mit mobilen Trennwänden gegen das Treiben um sie herum abgeschirmt, leisten die Mitarbeiter hier bereits seit 2014, was in vielen anderen Ländern noch Zukunft ist: Sie betreuen die Senioren der Stadt per virtuellem Hausbesuch.

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Mehrmals am Tag schaltet sich eine – voll ausgebildete – Krankenschwester vom Schreibtisch aus auf den Bildschirm, der in der Wohnung des Seniors platziert ist. Stets zu fest verabredeten Zeiten. Die Krankenschwester überprüft via Kamera etwa, ob Medikamente richtig eingenommen werden, gegessen wird oder fragt schlicht nach, ob alles in Ordnung ist.

Der „digitale Check-in“, wie sie es in Helsinki nennen, dauert durchschnittlich 3,5 Minuten. Bis zu 50 solcher Videoanrufe erledigt eine Krankenschwester am Tag. Mehr als 22 000 virtuelle Kontakte kommen so monatlich zustande. Zehn Prozent der noch zuhause lebenden Senioren der Stadt Helsinki werden auf diese Weise betreut.

Neben solchen Einzelkontakten gibt es Gruppensitzungen. Alleinlebende Senioren bekommen via webbasierter Lösung Leben ins Wohnzimmer. Die Senioren essen – vor der Kamera – gemeinsam Mittag, machen Rehabilitation oder Gedächtnistraining und plaudern miteinander. Auch leichte Bewegungsübungen werden via Gruppensitzung gemacht. Und das alles unter Supervision und Anleitung einer Krankenschwester vom Bildschirm in Helsinki Stadt aus.

Digitaler Check-in richtet sich an eigenständige Senioren

Nicht jeder ist für die virtuelle Versorgung geeignet. Eine gewisse Fähigkeit zur Eigenständigkeit wird vorausgesetzt. Auch werden keinerlei ärztliche oder pflegerische Tätigkeiten via Webcam überwacht. „Unser Angebot richtet sich an Menschen, die keine körperliche Unterstützung benötigen“, sagt Hanna Hamalainan, Projektmanagerin im staatlichen Gesundheits- und Sozialdienst.

Koordiniert wird das virtuelle Serviceangebot vom mobilen Pflegedienst. Dieser entscheidet darüber, wer für die webbasierte Betreuung infrage kommt. Und natürlich: Eine Bereitschaft, sich der digitalen Technologie zu öffnen, müssen die Senioren mitbringen. In Helsinki scheint dies gegeben: Das Durchschnittsalter der aus der Ferne betreuten Senioren beträgt 85 Jahre.

Kritik, die gibt es. Natürlich. Ein Kernvorwurf: Es drohe soziale Verarmung. Doch diese kontert Hamalainan souverän. „Wir kümmern uns um unsere alte Bevölkerung“, sagt sie. Und betont: Eine menschliche Note sei auch bei virtuellen Kontakten gegeben.

Das digitale Betreuungsangebot hätte sogar positive Effekte. „Senioren, die ihr Essen verweigert haben, depressiv und vereinsamt waren, essen in den Gruppen nun wieder. Und interagieren mit den anderen. Damit haben wir nicht gerechnet.“ Und sie betont: „Es geht bei allen Angeboten darum, dass sich der Zustand nicht verschlechtert“, sagt Hamalainan.

Wie andere Nationen auch, kämpft Finnland mit dem demografischen Wandel, leidet an knappen Ressourcen in der Pflege, muss durch die teils dünne Besiedelung große Distanzen in der Versorgung überbrücken und hat einen hohen Kostendruck im Gesundheitswesen. Das Land versucht, seine Senioren traditionell auch im Alter zu Hause zu betreuen – und die Finnen wollen dies auch. Das digitale Betreuungsangebot ist ein weiterer Baustein in diesem System. „Das eigene Zuhause ist der beste Raum für die Versorgung“, sagt Hamalainan.

Mit Blick auf Kosteneinsparungen scheint das Projekt ein Erfolg, sagen zumindest die offiziellen Zahlen: Ein Pflegebesuch vor Ort werde mit 45 Euro notiert. Der virtuelle Check-in koste gerade einmal fünf Euro. Die finnische Regierung glaubt an Sinn und Dauer des Angebots: Virtuelle Versorgung ist im Land offizieller Bestandteil der Ausbildung zur Krankenschwester geworden.

Nicht nur für Helsinkis Senioren ebnet die finnische Regierung Wege für eine zukunftstaugliche Versorgung. Der digitale Geist hat auch in der Pädiatrie Einzug gehalten. Auf dem Gelände der Universitätsklinik in der Mitte der Stadt steht das neue Kinderkrankenhaus. Seine bunte Fassade macht es in einer ansonsten eher tristen Umgebung zu einer besonderen Erscheinung. Auch das Innenleben der Klinik hat es in sich – und das nicht nur wegen des kinderfreundlichen Designs. Denn: Das Versorgungskonzept wurde digital gedacht.

Bei der Ankunft in der verglasten Lobby erwarten die kleinen Patienten und ihre Familien ab Herbst dieses Jahres Self-Check-in-Kioske, wie man sie inzwischen auch schon von manchen Flughäfen kennt. Dort hinterlassen die Familien im Computer alle Informationen, die für ihren Aufenthalt nötig sind.

Ein besonderer Clou: Die Kinder können sich bei der Anmeldung Avatare aussuchen, virtuelle Begleiter. Es sind Tiere, Comicfiguren oder Superhelden. Die Avatare werden während des gesamten Klinikaufenthalts das Alter Ego der Kinder sein. Über ein Band am Handgelenk wird getrackt, wo sich der kleine Patient gerade im Haus aufhält: Der Avatar erscheint – je nachdem – auf den Monitoren der Stationsschwestern, auf dem Bildschirm eines Warteraums oder der Anzeigetafel vorm Behandlungszimmer.

Dies ist mehr als eine schöne Bespaßung für die Kinder. Die Figuren sollen Kindern, Eltern und Pflegekräften Orientierung geben. Und beruhigen – etwa nach einer OP, wenn den wartenden Eltern angezeigt werden kann, dass sich ein Kind im Aufwachraum befindet. Ein positiver Nebeneffekt, der selbst von den vorausschauenden Finnen anfangs gar nicht mitgedacht wurde: Die Avatare lösen jedes Datenschutzproblem, das durch die neue europäische Verordnung entstanden ist. Auf sämtlichen Monitoren tauchen lediglich Avatar und Zimmernummer auf, keine Namen oder Geburtsdaten.

Auch die Zimmer des Kinderkrankenhauses – alles Einzelzimmer – sind digital geprägt. Über jedem Bett hängt eine Kamera, die passenden Monitore dazu stehen im Schwesternzimmer, das auf jeder Station hinter dem Empfangsthresen integriert ist. Das Krankenhauspersonal kann so alle Patienten einer Station im Blick haben – die einzige Option, um bei unverändertem Personalschlüssel das Modell der Einzelzimmer ermöglichen zu können, wie es von den Verantwortlichen heißt.

Im Patientenzimmer erlauben riesige Flatscreens den Kindern und ihren Familien ein stetes Unterhaltungsprogramm. Ein digital gesteuerter Lichtdimmer, den die Kinder selbst bedienen können, kann auf einen Blick Auskunft über den Gemütszustand der kleinen Patienten geben.

Keine Frage: In Helsinki geht man mit der Zeit.

Roboter unterstützen in der Primärversorgung

Das zeigt sich auch in der Primärversorgung. Und zwar für jedermann. Beim Besuch des neuen Gesundheitszentrums im Stadtteil Kalasatama, das eine breite Palette von Gesundheits- und Sozialleistungen unter einem Dach vereint, verläuft die Anmeldung ebenfalls in Eigenregie an Computern – und wenn es dabei hakt, rollt Pepper heran, der erste und einzige Gesundheitsroboter in Finnland.

Pepper gibt Anweisungen, wie die Selbst-Check-ins zu bedienen sind, weist den Weg in Warteräume und holt sich Feedback von den Besuchern ein. Ab und an soll er für die Wartenden auch eine kleine Showeinlage geben – und fängt zu tanzen an.

Kurzum: Der Roboter sorgt nicht nur für gute Laune. Er hilft Finnlands Bürgern, sich durch das Angebot des Gesundheitszentrums zu navigieren. Und das umfasst eine ganze Menge: Es reicht von ärztlicher Versorgung über therapeutische Angebote bis hin zum Angebot verschiedener Sozialleistungen. 1 000 bis 1 500 Vor-Ort-Kontakte gibt es hier täglich.

Pepper ist Teil der Digitalstrategie der Stadt Helsinki. Und ein weiteres Pilotprojekt. Die Verantwortlichen wollen vor allem testen, wie die Interaktion zwischen Menschen und Hilfsroboter im Gesundheits- und Sozialsektor funktioniert. Denn, wie auch anderswo, sehen die Finnen das Potenzial der Robotik vor allem im Gesundheitssektor.

Die neuen digitalen Möglichkeiten zu etablieren, wo es geht, passt zu der pragmatischen Nation. Denn das Selbstbild verrät, worauf die Skandinavier abzielen. „Unser Ziel ist es, sicherzustellen, dass Sozial- und Gesundheitsdienste einfach und bequem zu nutzen sind. Wir ermutigen die Bewohner der Stadt, Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen und ihre Gesundheit sowie für die ihrer Angehörigen zu übernehmen. Wir bieten Hilfe bei Bedarf.“

Heißt übersetzt: Die Finnen wollen die knappen Ressourcen in den Sektoren Gesundheit, Pflege und Soziales künftig stärker für diejenigen einsetzen, die dringend Hilfe benötigen. Virtual Nursing, Pepper und Co helfen ihnen, diese Vision in die Tat umsetzen zu können. Nora Schmitt-Sausen

Virtuell Nursing Center

Das Virtuell Nursing Center ist organisatorisch an das Servicecenter der Stadt Helsinki angebunden. Neben dem digitalen Check-in per Webkamera werden von hier aus auch allerhand andere Serviceleistungen für Senioren angeboten. Es werden Essenslieferungen organisiert, eine Rund-um-die-Uhr-Ansprechbarkeit gesichert, Notrufe laufen hier auf. 250.000 Kontakte gibt es im Monat. 1 500 städtische Angestellte sorgen dafür, dass alles klappt.

aerzteblatt.de

► www.aerzteblatt.de/181802




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