ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2018Palliativversorgung: Vatikan regt Initiative an

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Palliativversorgung: Vatikan regt Initiative an

Dtsch Arztebl 2018; 115(46): A-2114 / B-1752 / C-1730

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die katholische Kirche setzt sich für eine weltweite Stärkung der Palliativmedizin ein. Experten aus unterschiedlichen Ländern und Glaubensrichtungen haben unter ihrer Moderation jetzt ein White Paper zur Palliativversorgung veröffentlicht.

Die Palliativversorgung weltweit und religionsunabhängig zu unterstützen, ist ein Anliegen der Päpstlichen Akademie für das Leben. Foto: mauritiusimages
Die Palliativversorgung weltweit und religionsunabhängig zu unterstützen, ist ein Anliegen der Päpstlichen Akademie für das Leben. Foto: mauritiusimages

Die palliative Versorgung von Menschen wächst in den letzten Jahren auf globaler Ebene stetig. Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot noch deutlich. Auf diese Problematik weist die Päpstliche Akademie für das Leben des Vatikan mit einem White Paper zur Palliativversorgung hin. Es soll als nationale und regionale Checkliste dienen, um die Versorgung von Patienten und Familien mit Palliativversorgungsbedürfnissen zu ermitteln und umzusetzen.

Grundsätzlich ist der Bedarf groß: Weltweit bleiben jährlich im Bereich der Palliativversorgung die Bedürfnisse von etwa 27 Millionen Menschen unerfüllt, schätzt die Welt­gesund­heits­organi­sation. Studien belegen zudem einen weltweiten Mangel an Palliativversorgungsmöglichkeiten, der als eine wesentliche Ursache für das Defizit an Palliativversorgung angesehen wird. Gleichzeitig führt der weltweite Anstieg der Zahl der nicht übertragbaren Krankheiten und das Altern der Weltbevölkerung zu einem Anstieg des Bedarfs an Palliativversorgung auf globaler Ebene.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) erkannte in ihrem 13. Allgemeinen Arbeitsprogramm die „begrenzte Verfügbarkeit von Diensten im Bereich der Palliativversorgung in vielen Teilen der Welt und das große vermeidbare Leid für Millionen von Patienten und ihre Familien“ an und empfahl globale Förderungskampagnen zugunsten der Palliativversorgung.

Auch die katholische Kirche setzt sich für eine Stärkung der Palliativversorgung ein: In diesem Jahr verfassten 13 Palliativexperten aus acht Ländern, darunter Dr. med. Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung (Kurzinterview), ein White Paper zu diesem Thema. Die Experten, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören, hatten (PAV) eingeladen. Diese akademische Einrichtung des Vatikans, die sich mit Fragen der biomedizinischen Ethik beschäftigt, hatte 2017 zu dem internationalen Projekt namens „PAL-LIFE“ aufgerufen, in dessen Rahmen sie beraten will, wie die katholische Kirche die Entwicklung der Palliativversorgung auf globaler Ebene unterstützen kann. Papst Franziskus persönlich setzte sich für eine Stärkung der Palliativversorgung ein und wandte sich an die Experten: „Ich ermutige Fachleute und Studenten, sich auf diese Art von Pflege und Medizin zu spezialisieren, die nicht weniger wertvoll ist, nur weil sie nicht lebensrettend ist. Die Palliativversorgung leistet etwas gleich Wichtiges, denn sie bringt der Person Wertschätzung entgegen.“ Resultat dieses Prozesses ist das nun veröffentlichte
White Paper, das verwendet werden soll, um die Palliativversorgung bei und mit Regierungen, Gesundheitsorganisationen und Glaubensgemeinschaften zu fördern.

Grundrecht Palliativversorgung

Grundsätzlich betont die PAV mit dem Papier die gemeinsame Verantwortung von Gesundheitssystemen und Interessengruppen, den Zugang zu Schmerzmitteln und Palliativversorgung als Grundrecht der Person und der Familie anzuerkennen. Wesentliches Anliegen ist es dabei, Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern auch als physisches, emotionales, soziales und spirituelles Wohlbefinden zu erkennen. Diese könne beispielsweise durch Palliativmedikamente verbessert werden. Regierungen müssten dazu die Palliativversorgung in ihre Gesundheitsversorgungspläne integrieren und die Rahmenbedingungen optimieren, meinen die Experten.

Das White Paper richtet sich vor allem an politische Entscheidungsträger, Universitäten und Hochschulen, Krankenhäuser und Gesundheitszentren sowie deren Personal und an Berufsverbände in der Palliativversorgung. Gegenüber der Politik möchte der Vatikan betont wissen, das bei Patienten mit chronisch-progressiven Erkrankungen die Palliativversorgung erwiesenermaßen dazu beiträgt, einen Großteil des Leidens zu vermindern und dass dies zudem mit einer Verringerung der Gesamtkosten der Gesundheitsversorgung einhergeht. Kosteneinsparungen würden vor allem dadurch erzielt, dass unnötige krankheitsorientierte Untersuchungen und Behandlungen sowie Kranken­haus­auf­enthalte in Akutkrankenhäusern und Intensivstationen vermieden werden.

An die akademischen Einrichtungen appelliert das Papier, die Ausbildung im Bereich der Palliativversorgung zu gewährleisten. Nach Ansicht des Ausschusses der Vereinten Nationen für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte seien die Mitgliedstaaten sogar dazu verpflichtet, die Grundausbildung im Bereich der Palliativversorgung in alle medizinischen und pflegerischen Berufsausbildungen zu integrieren. Studien deuteten zudem darauf hin, dass eine frühzeitige und kontinuierliche Befassung von Studierenden mit der Palliativversorgung mit positiven Einstellungen und erhöhter Zufriedenheit verbunden ist und sowohl für die persönliche als auch für die berufliche Entwicklung förderlich.

Die WHO fordere nicht nur eine grundlegende Palliativausbildung für alle Berufsausbildungen im Gesundheitsbereich, sondern auch routinemäßige Fachschulungen im Bereich der Palliativversorgung, betonen die Experten. Diese müsse auf allen Ebenen der Versorgung hinweg integriert werden. Grundsätzlich bedauern sie, dass die Medizin sich immer stärker auf die Krankheit fokussiere und dabei den Menschen insgesamt vernachlässige und gesundheitsbedingtes Leiden oftmals ignoriere. „Die stetigen Versuche, Krankheit zu heilen, obwohl die Behandlung vollkommen sinnlos ist, verursachen, zusätzlich zu körperlichem, sozialem und psychischem Leiden, finanzielle Schieflagen und seelische Belastungen“, heißt es im White Paper.

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die Bereitstellung ganzheitlicher Dienstleistungen für Patienten erfordere multidisziplinäre Teams, konstatieren die Experten. Die Mitglieder der multidisziplinären Teams sollten bei ihrer Arbeit auf Richtlinien und Empfehlungen von Palliativverbänden und -gesellschaften zurückgreifen können. Gemeinsam mit Regierungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Spendern und Förderern müssten international Kapazitäten geschaffen werden, die es ermöglichen, diese Dienstleistungen zu erbringen und Forschungsnetzwerke aufzubauen. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Das White Paper im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4618
oder über QR-Code.

Foto: dpa
Foto: dpa

3 Fragen an . . .

Dr. med. Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung

Wie relevant ist das White Paper für Deutschland?

Das White Paper ist für Deutschland hochrelevant. Unsere Probleme sind nicht wie die in Schwellenländern, wo Palliative Care kaum verfügbar ist. Wir leiden unter Überversorgung und Futilität – oft bis zum letzten Lebenstag. Überversorgung raubt Menschen Lebensqualität und auch Lebenszeit. Das White Paper spricht alle gesellschaftlichen Gruppen an. Eine breite Aufklärung ist hierzulande notwendig, damit die Menschen wissen, was sie erbitten und fordern können.

 Kann das Papier über die Einrichtungen der katholischen Kirche hinaus wirken?

Ohne jede Frage. Bei den zwölf Experten unserer Gruppe sind wir Nicht-Katholiken keine Minderheit. Uns geht es darum, weltweit eine Haltungsänderung zu bewirken. Der Papst ist der wichtigste, globale „Influenzer“ und die katholische Kirche weltweit der wirkmächtigste Hebel.

 Viele Ärztinnen und Ärzte in Deutschland beschreiben die Palliativmedizin als Grauzone. Wie lässt sich mehr Klarheit schaffen?

Es gibt Standards. Wenn diese eingehalten werden, bin ich als Arzt in keiner Grauzone. Auch wenn uns das Lobbyisten in der Diskussion um das „Sterbehilfegesetz“ weiß machen wollten. Sogar Papst Franziskus betont: Lebensverkürzung und Palliativversorgung sind völlig verschiedene Dinge! Menschen in extremsten Leiden können wir lindernd beistehen, durch Fachwissen, die richtigen Dosierungen, vor allem aber mit umfassender Versorgung durch ein erfahrenes, echtes Team. Das geht bis hin zur palliativen Sedierung, die Experten vorbehalten bleibt.

Ärzteschaft und Vatikan: Übereinstimmende Positionen zum Lebensende

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Heilige Stuhl vertreten bei Fragen zum Lebensende weitgehend übereinstimmende Positionen. Dies zeigte sich im November vergangenen Jahres bei einem Symposium des Weltärztebundes im Vatikan, an dem auch Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery teilnahm. Er sehe gute Ansatzmöglichkeiten für „eine weitere vertiefte Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und katholischer Kirche“, sagte er im Anschluss.

Papst Franziskus hatte ausgeführt, dass es moralisch vertretbar sei, auf Therapien zu verzichten oder diese einzustellen, wenn sie in keinem Verhältnis zum erhofften Ergebnis stünden. Diese Haltung entspreche den Grundsätzen der BÄK zur ärztlichen Sterbebegleitung, betonte Montgomery. Insgesamt sei das Treffen „ein Beispiel für eine weltoffene und vorurteilsfreie Diskussion“ gewesen. Die Debatte habe die ganze Bandbreite der Sichtweisen gezeigt. Einigkeit bestehe, dass die Palliativmedizin weltweit gestärkt werden und allen Menschen zur Verfügung stehen müsse.

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