ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Geriatrisches Rehabilitationsmodell: Synergieeffekte in Bruchhausen-Vilsen

POLITIK: Aktuell

Geriatrisches Rehabilitationsmodell: Synergieeffekte in Bruchhausen-Vilsen

Mertens, Stephan

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LNSLNSLNSLNS Wegen des immer stärker wachsenden Anteils der älteren Bevölkerung und der gleichzeitig knapper werdenden Mittel der Krankenkassen werden alternative Modelle der Altersversorgung verstärkt diskutiert und getestet. Ein solches geriatrisches Modellprojekt ist in Bruchhausen-Vilsen, einem Luftkurort vor den Toren Bremens, bereits vor vier Jahren entstanden (Deutsches Ärzteblatt, Heft 43/1993). Die bisherigen positiven Erfahrungen ermutigen die beteiligten Ärzte, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen


Die Zielgruppe des "Kur-Centrums-Zentrum für Geriatrische Rehabilitation und Pflege", so der Name des Rehabilitationszentrums, sind Patienten mit neurologischen und neurodegenerativen Erkrankungen sowie Senioren nach endoprothetischen Operationen und Frakturen. Die Patienten kommen aus einem ungefähr 35 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet und werden fast ausschließlich von Krankenhäusern zugewiesen, die dadurch deutlich verringerte Liegezeiten haben.


Verzahnung erforderlich
Die leitende Idee bei der Initiierung des Projektes war die Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung, wodurch sich die am Projekt Beteiligten eine flexiblere und damit effizientere und kostengünstigere Versorgung der älteren Patienten versprechen, wie die in Bruchhausen-Vilsen engagierten Ärzte Dr. Thomas Stamm und Jörg Wittenhaus ausführten. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurde ein breites Versorgungsspektrum geschaffen, das im Laufe der letzten drei Jahre weiter ausgebaut wurde. Das Kernstück der Einrichtung bilden eine internistisch-rheumatologische und zwei neurologisch-geriatrische Stationen, die von 30 Betten im Jahr 1993 auf mittlerweile 50 Betten erweitert wurden. Hinzu kommen eine Wohnstation für Betreutes Wohnen, eine Sonderstation zur Schwerstpflege und die Möglichkeit der Urlaubs- und Kurzzeitpflege. Durch dieses differenzierte Angebot können die Patienten ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend versorgt werden. Hierdurch kann die Aufenthaltsdauer in einer pflegeintensiven und damit teuren Station eines Krankenhauses minimiert werden, was sich positiv auf das Budget der Einrichtung wie auch auf die psychische Verfassung des Patienten auswirken sollte.
Die personelle Organisation des Hauses setzt bewußt eine enge Kooperation der Beschäftigten voraus: Alle Stationen sind mit je einem Hausarzt und einem Gebietsarzt (Neurologe, Internist oder Psychiater) besetzt. Die Ärzte, die abwechselnd im Haus präsent sind, versorgen die Patienten gemeinsam, wobei jeder seinen Schwerpunkt vertritt. Ferner halten ein Neurologe und ein Psychiater regelmäßige Sprechstunden ab. Bei Bedarf können konsiliarisch ein Gynäkologe, ein HNO-Arzt sowie Haut- und Augenärzte hinzugezogen werden.

Effiziente Kommunikation
Die Mediziner werden durch ein Team von Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten unterstützt. Durch das zahlreiche und heterogen zusammengesetzte Personal ist eine effiziente Kommunikation erforderlich. Hierzu wird das "Optiplan-System" verwendet, das neben der Pflegedokumentation auch den Therapieverlauf festhält. Ferner verwenden die Ärzte bei der Aufnahme standardisierte Anamnesebögen, was die Transparenz zusätzlich erhöht und den Kolleginnen und Kollegen einen schnellen Zugriff auf benötigte Daten erlaubt. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit können die Patienten optimal betreut werden. Darüber hinaus bietet die Diskussion mit Vertretern anderer Fachrichtungen die Chance zur praxisnahen Fortbildung in der Geriatrie. Aufgrund dieser positiven Bilanz könnte sich das Konzept von Bruchhausen-Vilsen auch für andere ähnlich strukturierte, ländliche Gebiete als Alternative zur herkömmlichen Versorgung alter Menschen eignen.


Vertrag mit den Krankenkassen Ermöglicht wurde dieses Projekt durch einen Vertrag zwischen verschiedenen Krankenkassen und dem Zentrum für Geriatrische Rehabilitation und Pflege. Auf dieser Grundlage können die Patienten aus den benachbarten Krankenhäusern aufgenommen und geeignete Therapien verschrieben werden. Hierbei gelten die Regeln der vertragsärztlichen Versorgung, wodurch Wissenschaftlichkeit, Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit gewährleistet sind. Durch den überdurchschnittlich hohen Anteil an geriatrischen Patienten und den damit zwangsläufig einhergehenden höheren Kosten besteht bei den behandelnden Hausärzten jedoch erhebliche Unsicherheit bezüglich der Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Dies sollte im Interesse aller Beteiligten schnell und dauerhaft geklärt werden, um eine restriktive Verordnungsweise zu vermeiden. Weiterhin ist kritisch anzumerken, daß durch die notwendigen Bereitschaftsdienste und die intensive Pflege der teilweise multimorbiden Patienten ein für die involvierten Ärzte wesentlich größerer Zeitaufwand verbunden ist, der, so der Wunsch der Betroffenen, auch finanziell honoriert werden sollte. Dr. Stephan Mertens

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