ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Impfschutz gegen Helicobacter pylori: Erste Vakzine im klinischen Test

POLITIK: Medizinreport

Impfschutz gegen Helicobacter pylori: Erste Vakzine im klinischen Test

Glomp, Ingrid

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LNSLNS Seit gut einem Jahrzehnt weiß man, daß die meisten Entzündungen und Geschwüre im Magen und im Zwölffingerdarm durch ein Bakterium ausgelöst werden: Helicobacter pylori. Sein Zielgewebe ist – wie der Name schon andeutet – die Magenschleimhaut nahe dem Pylorus. Der Erreger nistet sich als Dauergast in der Magenschleimhaut ein und ruft dort chronische Entzündungen hervor. So bereitet er den Boden für Magengeschwüre, sogenannte MALT-Lymphome und sogar für Karzinome. In den Industrieländern erkrankt etwa jeder fünfte Infizierte an einem Magen- oder Zwölffingerdarm-Geschwür. Auch jedes zweite Magenkarzinom, so schätzt man, geht auf das Konto von Helicobacter pylori.


Genetische Grundlagenforschung
Gegen das Bakterium und damit auch gegen die Magengeschwüre helfen Antibiotika – die allerdings auch die natürliche Darmflora angreifen. Besser wäre ein Impfstoff, der sowohl prophylaktisch als auch – bei einer schon bestehenden Infektion – therapeutisch wirkt. An der Entwicklung einer solchen Vakzine arbeiten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen gemeinsam mit Medizinern der Universitätsklinik Lausanne. Ein erster Impfstoffkandidat wird zur Zeit an Patienten mit HelicobacterInfektionen erprobt.
Die genetische Grundlagenforschung im Rahmen dieser Arbeiten erfolgte in der Abteilung Infektionsbiologie des Tübinger Max-Planck-Instituts: Ein Team um Priv.-Doz. Dr. Rainer Haas nahm die Eigenheiten und besonderen Lebensumstände von Helicobacter unter die Lupe, um so geeignete Ziele für die Immunabwehr und damit mögliche Komponenten für einen Impfstoff zu entdecken.


Angriffspunkt Urease
Ehe sich Helicobacter in der Schleimhaut festsetzen kann, muß der Keim einige Zeit im sauren Milieu des Magens überdauern. Das gelingt ihm, weil er auf seiner Oberfläche Urease-Moleküle trägt, Enzyme also, die den im Mageninhalt reichlich gebildeten Harnstoff in Ammonium und Wasserstoffkarbonat spalten. Dadurch wird die Magensäure in der näheren Umgebung des Bakteriums neutralisiert, und es schafft sich quasi eine eigene Mikro-Umwelt innerhalb des ansonsten tödlichen sauren Magenmilieus.
Um herauszufinden, ob sich die Urease als Angriffsziel für das Immunsystem eignet, isolierten die Forscher zunächst die Gene für die Enzymuntereinheiten Urease-A und Urease-B. Die Erbanlagen schleusten sie getrennt in Escherichia coli ein. Die Coli-Bakterien produzierten daraufhin große Mengen der Untereinheiten, die die Wissenschaftler jeweils unter Zugabe von Cholera-Toxin zu oralen Impfstoffen aufbereiteten und anschließend an Mäuse verabreichten. Am besten schützte die Urease- B. Sie bewahrte acht von zehn Versuchstieren vor einer Infektion. Auch bei bereits infizierten Mäusen war der Impfstoff wirksam: Bei der Hälfte der Tiere verschwand der Erreger, und die Schäden an der Magenschleimhaut heilten aus. Nachdem die Vakzine auch die Toxizitätsprüfung beim Menschen erfolgreich bestanden hat, wird sie jetzt an der Universitätsklinik in Lausanne bei Patienten mit Magengeschwüren getestet. Mit ersten Ergebnissen rechnet Haas Ende des Jahres.


Das Fernziel: ein Impfstoffgemisch
Unterdessen sucht man in den Tübinger Labors nach weiteren Angriffspunkten für die Immunabwehr in der Hoffnung, den Erreger künftig mittels eines "Impfcocktails" an mehreren Stellen und damit um so sicherer zu treffen. Mögliche Bestandteile einer solchen komplexen Vakzine sind die sogenannten Adhäsine: Proteine an der Oberfläche von Helicobacter pylori, mit deren Hilfe sich der Keim im Infektionsgebiet überhaupt erst festsetzen und auf Dauer halten kann. Diese "Ankermoleküle" ließen sich allerdings nicht so leicht fassen wie die Urease, da sie auf der Bakterienhülle ungleich dünner gesät sind.
Schließlich spürten die Wissenschaftler zwei Gene für sich ähnelnde Proteine auf, die beide für das Überleben von Helicobacter unerläßlich sind: Fehlt auch nur eines von ihnen, kann sich der Erreger nicht mehr an der Zellwand festsetzen. Jetzt versuchen die Tübinger Forscher herauszufinden, welche Teile der Proteine die Haftung an den Magenzellen vermitteln. Diese sollen dann als Antigene und potentielle Impfstoffe getestet werden. Dr. Ingrid Glomp

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