ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Primär progrediente Multiple Sklerose: Weitreichende Therapieeffekte

PHARMA

Primär progrediente Multiple Sklerose: Weitreichende Therapieeffekte

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2187

Warpakowski, Andrea

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Von einer Therapie mit verlaufsmodifizierenden Medikamenten waren Patienten mit primärer progredienter Multiplen Sklerose (PPMS) bislang ausgeschlossen. Für die Behandlung dieser Form der MS ist mit Ocrelizumab erstmals eine krankheitsmodifizierende Therapieoption zugelassen.

Anfang des Jahres erhielt der gegen B-Zellen gerichtete monoklonale Antikörper Ocrelizumab (Ocrevus®) sowohl für die Therapie der frühen primär progredienten als auch der aktiven schubförmigen Multiplen Sklerose (MS) die Zulassung in Europa. Mit diesem neuen Behandlungsansatz – der selektiven Bindung an CD20-positive B-Zellen – könnten weitreichende immunmodulierende Effekte erzielt werden, die den Verlauf der MS günstig beeinflussen, betonte Prof. Ralf Gold, Bochum. Wichtige Funktionen des Immunsystems wie B-Zell-Regeneration und immunologisches Langzeitgedächtnis seien nicht beeinträchtigt.

Der humanisierte Antikörper Ocrelizumab bindet gezielt am Oberflächenprotein CD20 auf B-Zellen, die im Zusammenspiel mit aktivierten T-Zellen im Entzündungsgeschehen der MS eine zentrale Rolle spielen. Sowohl bei der frühen primär progredienten MS (PPMS) als auch der schubförmigen MS (RMS) laufen die degenerativen und immunvermittelten Mechanismen der Krankheitsprogression von Beginn an ab.

Anzeige

Mit Ocrelizumab könne nun erstmals auch die PPMS mit einer krankheitsmodifizierenden Therapie behandelt werden, so Gold. Ocrelizumab (600 mg) wird alle 6 Monate intravenös verabreicht. Die Anwendung dauert rund 6 Stunden. In den Monaten zwischen den Infusionen ist kein therapiebezogenes Monitoring notwendig.

Weniger Hirnvolumenverlust

Die europäische Zulassung von Ocrelizumab basiere auf 3 Phase-III-Studien, an denen insgesamt 2 388 erwachsene MS-Patienten teilnahmen, berichtete Prof. Volker Limroth, Köln. In der Studie ORATORIO erhielten 772 Patienten mit einer PPMS 2 Jahre lang im Verhältnis 2:1 Ocrelizumab 600 mg i.v. alle 6 Monate oder Placebo (1).

Der Antikörper verringerte im Vergleich zu Placebo signifikant das Risiko einer bestätigten Behinderungsprogression („confirmed disability progression“, CDP) nach 12 Wochen (primärer Endpunkt) um 24 % (p = 0,032) und nach 24 Wochen um 25 % (p = 0,037). Das Volumen der im T2-gewichteten MRT hypertensiven Läsionen sank bis Woche 120 um 3,4 %, während es unter Placebo um 7,4 % zunahm (p < 0,0001). Auch der Verlust des Hirnvolumens war geringer (Reduktion vs. Placebo 17,5 %; p = 0,0206).

Unter dem Antikörper verbesserten sich auch die Gehfähigkeit und die Feinmotorik im Vergleich zu Placebo. Limroth verwies auf die sich anschließende offene Extensionsstudie, in der 94 % der Ocrelizumab-Patienten und 96 % der Placebo-Patienten für weitere 4 Jahre mit dem Antikörper behandelt wurden: Der signifikante und klinisch relevante Vorteil hinsichtlich der CDP hielt im Verlauf an (2).

In den beiden Studien OPERA I (n = 821) und OPERA II (n = 835) wurde die Wirksamkeit und Sicherheit von Ocrelizumab 600 mg i.v. alle 6 Monate gegenüber Interferon beta-1a 44 mg subkutan 3-mal in der Woche bei Patienten mit einer RMS verglichen (3). Im primären Endpunkt – adjustierte jährliche Schubrate über 96 Wochen (ARR) – war Ocrelizumab signifikant überlegen: In OPERA I senkte der Antikörper die ARR um 46 % und in OPERA II um 47 % im Vergleich zum Beta-Interferon (jeweils p < 0,001). Das Risiko einer CDP war in beiden Studien mit dem Antikörper um jeweils 40 % geringer, die Anzahl der im T1-gewichteten MRT neuen Gadolinium-anreichernden Läsionen war um 94 % beziehungsweise 95 % verringert, ebenso die Anzahl der neuen T2-Läsionen um 77 % beziehungsweise 88 %.

Auch in der offenen Extensionsstudie von OPERA I und II seien die MRT-Parameter mit der Weiterbehandlung mit Ocrelizumab anhaltend wirksam gewesen beziehungsweise die Umstellung von Beta-Interferon auf Ocrelizumab habe die gleiche Wirksamkeit gezeigt wie in den beiden vorangegangenen kontrollierten Studien (4), sagte Limroth.

Günstiges Nutzen-Risiko-Profil

Erfreulich sei, dass Ocrelizumab in den 3 Studien vergleichbar verträglich war wie Placebo beziehungsweise Beta-Interfron, bis auf etwas mehr leichte und mittelschwere Infektionen der oberen Atemwege und Infusionsreaktionen. Im Verlauf der Behandlung hätten jedoch immer weniger Patienten Infusionsreaktionen entwickelt: Trat bei der ersten Infusion bei knapp 30 % der Patienten eine Reaktion auf, berichteten ab der 3. Dosis nur noch 10 % der Patienten über leichte bis mittelschwere Infusionsreaktionen. Andrea Warpakowski

Quelle: Pressekonferenz: „Ocrevus® – Durchbruch in der Multiple-Sklerose-Therapie“ am in Frankfurt. Veranstalter: Roche Pharma

1.
Montalban X, et al.: N Engl J Med 2017; 376: 209–20 CrossRef MEDLINE
2.
Wolinsky JS et al. ECRIMN 2017; P1234.
3.
Hauser SL, et al.: N Engl J Med 2017; 376: 221–34 CrossRef MEDLINE
4.
Naismith RT et al. AAN 2017; S31.004.
1.Montalban X, et al.: N Engl J Med 2017; 376: 209–20 CrossRef MEDLINE
2. Wolinsky JS et al. ECRIMN 2017; P1234.
3. Hauser SL, et al.: N Engl J Med 2017; 376: 221–34 CrossRef MEDLINE
4. Naismith RT et al. AAN 2017; S31.004.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema