ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Telemedizin: E-Rezept soll zügig kommen

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Telemedizin: E-Rezept soll zügig kommen

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2155 / B-1781 / C-1759

Krüger-Brand, Heike E.

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Schon 2020 soll die elektronische Verordnung von Arzneimitteln möglich werden. Ärzte, Apotheker und Krankenkassen sollen die notwendigen Rahmenbedingungen dafür festlegen.

Foto: sebra/stock.adobe.com
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Rezepte auf Papier könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Mit der zügigen Einführung des elektronischen Rezepts (E-Rezept) will Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) vor allem die Telemedizin voranbringen. Eine Grundlage hierzu legt der Referentenentwurf für ein „Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“ (GSAV, siehe auch den folgenden Artikel) mit einer entsprechenden Gesetzesänderung im § 86 neu Sozialgesetzbuch V, die spätestens im Jahr 2020 greifen soll. „Erst das elektronische Rezept macht Telemedizin zu einem Erfolgsprojekt“, begründete Spahn den Vorstoß. Deswegen schaffe er nun den Rahmen, damit Patienten künftig auch dann Medikamente verschrieben werden könnten, wenn sie nur eine Videosprechstunde besuchten.

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Gesetzliche Anpassungen

Damit will Spahn die Selbstverwaltung verpflichten, die entsprechenden Rahmenbedingungen und technischen Details für das E-Rezept zu vereinbaren. Dies umfasst Anpassungen im Rahmenvertrag zwischen GKV-Spitzenverband und Apothekerverband, in den Bundesmantelverträgen und in der Arzneimittelabrechnungsverordnung. Dafür sollen Ärzte, Apotheker und Krankenkassen sieben Monate Zeit erhalten, nachdem das GSAV voraussichtlich im Frühjahr 2020 in Kraft getreten ist. Zudem soll das Abgabeverbot verschreibungspflichtiger Arzneimittel durch Apotheken bei einer ausschließlichen telemedizinischen Behandlung aufgehoben werden
(§ 48 Arzneimittelgesetz).

Zwar hatte der Deutsche Ärztetag im Mai dieses Jahres mit der Änderung der (Muster-)Berufsordnung eine Lockerung des Verbots der ausschließlichen Fernbehandlung beschlossen. Dennoch ist derzeit die Ausstellung einer ärztlichen Verordnung für Medikamente nach einer telemedizinischen Behandlung nicht möglich. In der Praxis ist das umständlich und unwirtschaftlich: Der Arzt kann zwar online aus der Ferne beraten und befunden, für ein Rezept muss der Patient hingegen einen anderen Arzt aufsuchen.

Indessen gibt es bereits Projekte, die diesen Mangel beheben und das E-Rezept im Rahmen der Online-Videosprechstunde erproben wollen. So plant etwa die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg im Rahmen des Modellprojekts „DocDirekt“ ab Frühjahr 2019 auch die elektronische Verordnung von Arzneimitteln für gesetzlich Versicherte. Dabei ist vorgesehen, dass Ärzte über definierte Schnittstellen verschlüsselte Rezepte auf einem Rezeptspeicher ablegen. Patienten können frei entscheiden, in welcher Apotheke sie das Rezept einlösen wollen.

Aus Sicht des BMG sind solche Projekte sinnvoll, auch wenn die gematik – Gesellschaft für Anwendungen der Gesundheitskarte die notwendigen Spezifikationen und Zulassungsverfahren für die flächendeckende Einführung des E-Rezepts in der Tele­ma­tik­infra­struk­tur noch nicht festgelegt hat. Die Projekte könnten wichtige Impulse für die künftigen Festlegungen der gematik liefern. Auch könne das E-Rezept zur Fälschungssicherheit und zur Patientensicherheit beitragen. Das E-Rezept soll dabei zunächst nur für Arzneimittel gelten. E-Verordnungen von Hilfsmitteln und für Betäubungsmittel sollen später folgen.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sieht die Pläne als konsequente Weiterentwicklung der Telemedizin nach der berufsrechtlichen Liberalisierung des Fernbehandlungsverbotes. „Es ist nur folgerichtig, dass jetzt auch der Gesetzgeber tätig wird und die ärztliche Verschreibung von Arzneimitteln im Rahmen einer ausschließlichen Fernbehandlung mit einer Änderung des § 48 des AMG ermöglicht“, kommentierte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery die Pläne des BMG. Wichtig sei, dass Ärzte auch hierbei ihrer Sorgfaltspflicht nachkämen und „in jedem Einzelfall prüfen, ob die Arzneimittelverschreibung aus der Ferne medizinisch vertretbar ist“.

Unterstützung und Kritik

Unterstützung für seine Initiative erhielt Spahn auch vom Koalitionspartner. Eine Einführung des digitalen Rezeptes bis 2020 sei „realistisch“ und müsse gelingen, denn digitale Rezepte werden die medizinische Versorgung verbessern und könnten die Kosten senken, so der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. med. Karl Lauterbach.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) begrüßte das Vorhaben ebenfalls. „Für uns ist das E-Rezept nur die letzte digitale Meile, die noch zu überbrücken ist“, sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt.

Kritik kam hingegen von den Grünen, die eine Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitswesen vermissen. So sei die elektronische Fernverschreibung, die der Minister jetzt zulassen wolle, erst 2016 auch mit seiner Hilfe verboten worden. Ähnlich verhalte es sich mit den Versandapotheken. Mit einem E-Rezept „wird das von der Koalition nach wie vor angestrebte Verbot des Versandhandels immer absurder“, so Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik bei den Grünen. Heike E. Krüger-Brand

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 23. November 2018, 09:43

Illusionär verkennendes Statement

Mit seinem Statement. „Rezepte auf Papier könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Mit der zügigen Einführung des elektronischen Rezepts (E-Rezept) will Bun¬des¬ge¬sund¬heits¬mi¬nis-ter Jens Spahn (CDU) vor allem die Telemedizin voranbringen“ belegt nicht nur der Fachminister, sondern auch die GKV-Funktionärsriege völlige Ahnungslosigkeit.

Jede/r, der/die schon einmal auch nur einen Tag den Mitarbeitern/-innen einer Vertragsarztpraxis über die Schulter geschaut hat, müsste wissen, dass unseren Patientinnen und Patienten das rote „Kassenarzt“-Rezept nur für kurze Zeit zur Verfügung steht: Denn spätestens beim Verlassen der Apotheke gehört das rote GKV-Rezept als Muster 16 „der Vergangenheit an“, weil die Apotheke es ersatzlos einbehält.

Das ist der entscheidende Grund, dass zusätzlich Medikationspläne erstellt werden müssen, dass Patienten oft gar nicht mehr wissen, bei welchen Ärzten sie welche Medikamente gegen welche Krankheiten auch immer bekommen haben oder schon gar nicht memorieren können, in welchen Apotheken wofür oder wogegen sie verschiedene, rezeptfrei verkäufliche Präparate (OTC) bekommen haben.

Elektronische Rezepte (E-Rezept) werden daran insbesondere für unsere älteren, EDV-fernen, teilhabe- und kommunikations-eingeschränkten Patientinnen und Patienten keine Verbesserungen bringen können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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