ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Aus- und Weiterbildung: Arzt, nicht „nur“ Mediziner

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Aus- und Weiterbildung: Arzt, nicht „nur“ Mediziner

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2172 / B-1795 / C-1773

Berberat, Pascal O.; Teufel, Daniel

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Die Medizinische Fakultät der TU München bietet seit zwei Jahren ein Programm zur „Kultivierung ärztlicher Professionalität“ an. Absolventinnen und Absolventen des Medizinstudiums sollen nicht „nur“ Mediziner, sondern Ärzte sein.

Foto: CandyBoxImages/iStock
Foto: CandyBoxImages/iStock

Fest steht: Der Arztberuf ist kein Ausbildungsberuf. Der Arztberuf verlangt ein Studium der Medizin. Wer aber das Medizinstudium erfolgreich absolviert hat, ist ganz genau genommen ersteinmal „nur“ Mediziner. Laut dem deutschen Arzt und Publizisten Erwin Liek (1878–1935) bedingt das eine nämlich keinesfalls das andere: „Das Staatsexamen, darüber müssen wir uns einmal klar sein, macht wohl den Mediziner, niemals aber den Arzt. Zum Arzt wird man geboren oder man ist es nie. Gütige Götter legen ihm Gaben in die Wiege, die nur geschenkt, niemals aber erworben werden können.“

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Empathie ist entscheidend

Zu diesen drastischen Aussagen kann man sich nicht neutral positionieren, zumindest nicht als Arzt oder Ärztin. Man muss ihnen entweder zustimmen oder widersprechen. Konfrontiert man Studierende und in der Lehre tätige Ärztinnen und Ärzte mit diesem Zitat, erfährt man, wie sie das Verhältnis zwischen Medizinstudium und Arztberuf verstehen. Die Gretchenfrage des Medizinstudiums ist dabei: Brauchen Ärzte mehr als medizinisches Wissen und Können – und wenn ja, was? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lässt sich entscheiden, ob es sich beim Arztsein um etwas Angeborenes oder etwas Erwerbbares handelt. Medizinstudierende der TU München wurden in Anlehnung an Liek gefragt, welche Gaben ihnen bereits in die Wiege gelegt wurden und welche Fähigkeiten sie sich noch erarbeiten müssten. Den Lehrenden wurde die Frage gestellt, für welche Vermittlung der genannten ärztlichen Notwendigkeiten sie sich zuständig fühlen und was nicht in ihrer Verantwortung liegt.

Aus allen Antworten auf die gestellte Gretchenfrage stach bei jeder bisher befragten Gruppe – erwartungsgemäß – ein Begriff deutlich heraus: Um nicht nur Mediziner, sondern auch Ärztin oder Arzt zu sein, brauche man vor allem Empathie. Eine Befragung unter Patienten in der Klinik oder auch unter Passanten auf der Straße würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zum gleichen Ergebnis führen. So einig man sich jedoch darin zu sein scheint, dass Empathie die ärztliche Quintessenz ist, so uneins und unklar sind die Vorstellungen, was unter dem Begriff Empathie im ärztlichen Kontext tatsächlich zu verstehen ist. Studierenden und Ärztinnen und Ärzten fehlt der nötige Fixpunkt, um zu ermessen, ob sie bereits über ausreichend Empathie verfügen und wie sie einem möglichen Defizit entgegensteuern können. Zugleich streiten sich die Lehrenden darüber, ob man Empathie im Medizinstudium überhaupt lehren kann oder ob es sich möglicherweise um etwas handelt, das durch Elternhaus und Erziehung gegeben werden muss und in späteren Jahren nicht mehr wesentlich beeinflusst werden kann.

Angesichts dieser Unklarheit erscheint es daher ebenso sinnvoll wie notwendig, Studierende sowie Ärztinnen und Ärzte auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller denkbaren Empathie-Konzepte aufmerksam zu machen: auf das Subjekt. Denn es braucht für jede Form der ärztlichen Empathie zuallererst die entsprechende Aktivierung eines ärztlichen Subjekts. Erst dann kann der berechtigten Forderung an die moderne Medizin, sie solle ihre Patienten nicht bloß als Objekte wahrnehmen, sondern als Subjekt anerkennen, angemessen nachgekommen werden. Denn nur ein Subjekt, das auf seine eigene Subjektivität aufmerksam geworden ist, kann ein anderes Subjekt anerkennen und mit diesem in eine empathische Beziehung treten.

Subjektivität im Studium

Auf den ersten Blick scheint durch diese Fixierung der Empathie am Subjekt nun jedoch nicht viel gewonnen. Tatsächlich ist „Subjekt“ eine Vokabel, die deutlich schneller ausgesprochen als erklärt ist. Allein das Besondere am Subjekt ist, dass bei der Beantwortung der Frage, was ein Subjekt ausmacht, Theorie und Praxis unmittelbar Hand in Hand gehen können. Denn dieser Frage kann jedes Subjekt – und damit auch jedes ärztliche Subjekt – an sich selbst nachgehen, indem es versucht zu begreifen, inwiefern und auf welche Art und Weise es selbst mehr ist als ein leb- und geistloses Objekt. Benötigt wird dazu nicht mehr als jene Fähigkeit zur subjektiven Selbsterfahrung, die jedem Subjekt als Gabe in die Wiege gelegt wurde. In diesem Sinne ist zumindest die notwendige Grundbedingung aller Empathie, die Auseinandersetzung mit der eigenen Subjektivität, sehr wohl lern- als auch lehrbar – und kann damit auch im Medizinstudium gefordert und gefördert werden.

Will man also Ärzte und nicht nur Mediziner aus dem Medizinstudium entlassen, muss man sicherstellen, dass in diesem Studium dem entscheidenden Zusammenhang zwischen Empathie und ärztlicher Subjektivität entsprechend Rechnung getragen wird. Das nimmt Raum und Zeit in Anspruch. Es verlangt zudem die Entwicklung und Etablierung dazu geeigneter Formate.

An der TU München wurde vor zwei Jahren das Programm LET ME (Lettered Medicine/Lettered Medical Education) ins Leben gerufen (Kasten). Im Zentrum dieses Programms stehen die Fragen des subjektiven Arztwerdens und Arztseins und die Überzeugung, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Subjektivität besonders durch Literatur und Kunst angeregt werden kann. Studierende sollen mit eigenen wie fremden Erwartungen und Enttäuschungen, Freuden und Leiden, Träumen und Ängsten, Glücksphasen und Zweifeln und Krisen in Berührung kommen und über sich und andere reflektieren.

Bis heute stehen einer solchen Etablierung von Subjektivität im Medizinstudium jedoch noch eine weitverbreitete Skepsis und Angst gegenüber. Diese gründen sich vor allem auf einem Trugschluss: Sich mit der eigenen Subjektivität auseinanderzusetzen heißt nicht, einen störenden Faktor heraufzubeschwören, sondern einen allgegenwärtigen Faktor wahr- und ernst zunehmen, der vom Menschsein und damit auch vom Arztsein nicht zu trennen ist.

Sich selbst wahrnehmen

Die Subjektivität ist für die ärztliche Profession im täglichen Tun und Wirken nicht zu vernachlässigen. Eine subjektive Selbstbeschäftigung von Ärztinnen und Ärzten kommt zudem nicht nur den Patienten zugute: Eine nicht wahr- und ernst genommene ärztliche Subjektivität ist sicher nicht der alleinige Auslöser für Burn-out, Depressionen und Zusammenbrüche von Ärzten. Aber zweifelsfrei ist er ein Nährboden dafür.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die eigentliche Gretchenfrage des Medizinstudiums auch anders formulieren: „Liebe Kolleginnen und Kollegen und liebe Studierende, nun sagt, wie habt ihr es mit der ärztlichen Subjektivität?“

Prof. Dr. med. Pascal O. Berberat,

Daniel Teufel, M.A.,

Medical Education Center der TU München

LET ME – kreative Kultivierung ärztlicher Professionalität

LET ME (Lettered Medicine) wurde zum Wintersemester 2016 an der TU München ins Leben gerufen. Ziel des Programms ist die Kultivierung ärztlicher Professionalität bei Nachwuchsärzten. Mithilfe von Literatur, Film, Kunst und Geisteswissenschaften fördert es ein differenziertes ärztliches (Selbst-)Bewusstsein und ein subjektives (Selbst-)Verständnis. Dabei unterstützt das Programm die Entwicklung einer professionellen Identität, die notwendig ist, um den Herausforderungen des ärztlichen Alltags auch menschlich gewachsen zu sein.

Konkret veranstaltet LET ME – sowohl im Rahmen des Medizinstudiums als auch der ärztlichen Weiter- und Fortbildung – verschiedene Workshops zu zentralen Fragen des Arztseins. Beispielsweise untersucht es anhand von Filmen sowie literarischen und sozialwissenschaftlichen Texten, welche Bedingungen an die Verkörperung der sozialen Rolle Arzt geknüpft sind und wie schwierig die Balance zwischen hohen fremden wie eigenen Erwartungen sein kann. Ein weiterer Workshop verbindet Impulse aus der Malerei, der Medizintheorie und der Medikamentenwerbung, um kritisch über Krankheitsbilder zu reflektieren. Ein anderer künstlerischer Workshop geht der Frage nach, ob und wie weit Ärzte das individuelle Leben und Leiden ihrer Patienten verstehen müssen, um angemessen auf sie einzugehen.

Die kreative und immer ergebnisoffene Auseinandersetzung mit den Themen schafft einen geschützten Raum für offene Fragen. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Teilnehmenden ihr ärztliches Selbstverständnis und ihre professionelle Identität nicht allein auf pauschalen Antworten und fremden Vorgaben, sondern maßgeblich auf ihrer eigene subjektive Selbstreflexion gründen.

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