ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Dr. med. Astrid Offer, Notärztin und FIFA-Venue Medical Officer: „Meine Leidenschaft ist die Vielfalt“

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Dr. med. Astrid Offer, Notärztin und FIFA-Venue Medical Officer: „Meine Leidenschaft ist die Vielfalt“

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2168 / B-1793 / C-1770

Korzilius, Heike

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Astrid Offer ist es gelungen, ihre Begeisterung für den Sport mit dem Arztberuf zu kombinieren. Als Medical Officer der FIFA sorgt sie bei Weltmeisterschaften im Frauenfußball dafür, dass im Ernstfall alles reibungslos funktioniert.

Im Dienst für den Weltfußball: Der Einsatz bei der U20-Weltmeisterschaft im Frauenfußball im Sommer in Frankreich war Astrid Offers achter für die FIFA. Auch bei der Frauenfußball-WM im nächsten Jahr wird die Fachärztin für Allgemeinmedizin dabei sein. Fotos: Dr. Astrid Offer mit freundlicher Genehmigung der FIFA
Im Dienst für den Weltfußball: Der Einsatz bei der U20-Weltmeisterschaft im Frauenfußball im Sommer in Frankreich war Astrid Offers achter für die FIFA. Auch bei der Frauenfußball-WM im nächsten Jahr wird die Fachärztin für Allgemeinmedizin dabei sein. Fotos: Dr. Astrid Offer mit freundlicher Genehmigung der FIFA

Es ist ein warmer Tag im Frühherbst, von denen es in diesem Jahr so viele gab. Dr. med. Astrid Offer hat als Treffpunkt den Stadtgarten in der Kölner Innenstadt vorgeschlagen. Auf der Terrasse des Cafés sucht sich ihre Begleiterin, Labradorhündin Faye, sogleich ein sonniges Plätzchen. Offer hat Zeit mitgebracht, denn sie muss erst am Abend ihren Dienst als festangestellte Notärztin der Stadt Düsseldorf in einer Feuerwache antreten.

Die Notfallmedizin ist ein berufliches Standbein der vielseitig interessierten und engagierten 52-Jährigen. Offer steht bei dem Treffen in Köln noch ganz unter dem Eindruck der U20-Weltmeisterschaft im Frauenfußball, die im August in Frankreich stattfand. Drei Wochen lang hat sie in der Bretagne, in Concarneau und Vannes, als Venue Medical Officer des Weltfußballverbandes FIFA dafür gesorgt, dass an diesen Spielorten im medizinischen Ernstfall alles reibungslos funktionieren würde. Es war ihr achter Einsatz für die FIFA, und für die Frauenfußball-WM im nächsten Jahr, erneut in Frankreich, ist Offer bereits angefragt. „Ich finde die Arbeit in den internationalen Teams großartig“, sagt die fußballbegeisterte Ärztin. Da komme alles zusammen: Sport, Medizin, Organisation, die Zusammenarbeit mit dem Medienbereich.

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Offer ist als Venue Medical Officer dafür verantwortlich, dass die medizinische Infrastruktur am Spielort den Vorgaben der FIFA entspricht. Gibt es im Stadion ein Behandlungszimmer samt Defibrillator, Beatmungsgerät und Intubationsmöglichkeit? Stehen während des Spiels genügend Ärzte, Rettungskräfte und -fahrzeuge bereit? Ist am Spielfeldrand alles vorhanden, um Verletzte zu versorgen: Schleifkorb, Spineboard, Stiffneck, Defibrillator? Steht die Rettungskette für Spielerinnen und Zuschauer, vom VIP bis zum Kleinkind?

Auch bei den Abläufen bleibt nichts dem Zufall überlassen. Beim Abtransport von Verletzten muss jeder Schritt, jeder Handgriff sitzen und wird entsprechend geschult: aufs Feld laufen, den Patienten fachgerecht auf das Spineboard betten und zügig, mit den Füßen voran, vom Feld tragen. „Das muss alles professionell, schnell und ohne großes Aufsehen vor sich gehen“, betont Offer. Trainiert werden dabei auch die Laufwege, „damit nicht ständig jemand durchs Kamerabild läuft“.

Die Medical Officers müssen auch dafür sorgen, dass die Vernetzung mit Ärzten und Krankenhäusern am Austragungsort funktioniert. Sie selbst dürfen im Ausland oft nur Erste Hilfe leisten. „Wir haben immer einen ärztlichen Kollegen vor Ort, der bereits im Vorfeld geklärt hat, wer mit welchem Problem wo behandelt wird“, erklärt Offer. Es müsse ja immer schnell gehen. „Wenn ein Teamarzt für eine Spielerin ein MRT anordnet, kann er darauf nicht drei Tage warten. Er braucht das am besten sofort“, sagt sie. Denn für den Austausch und die Nachnominierung von Spielerinnen gelten Fristen. So etwas könne turnierentscheidend sein.

Großes Thema im Leistungssport und eine der Hauptaufgaben der Medical Officer sind die Dopingkontrollen. Der Fußball hat in Sachen Doping sicher für weniger Schlagzeilen gesorgt als die Leichtathletik oder der Radsport. Aber auch im Rahmen einer U20-WM werden regelmäßig Kontrollen angeordnet. Offer ist Expertin auf diesem Gebiet. Sie hat über das Thema promoviert und bereits als junge Assistenzärztin in Anti-Doping-Projekten mitgearbeitet.

Zu ihren WM-Pflichten gehört es, die Spielerinnen vor dem Spiel über ihre Rechte und Pflichten sowie den Ablauf der Dopingkontrollen zu informieren. „In der Regel werden in der 75. Minute zwei Spielerinnen je Mannschaft ausgelost, die eine Urinprobe abgeben müssen“, erklärt Offer. Auch dabei ist der Ablauf streng geregelt: Freiwillige Helfer nehmen die betroffenen Spielerinnen gleich am Spielfeldrand in Empfang und überwachen deren Weg bis zum Dopingkontrollraum, wo sie ihre Probe unter Aufsicht einer Dopingkontrolleurin abgeben müssen. Per Kurier wird die Urinprobe anschließend an ein akkreditiertes Labor geschickt. Sämtliche Übergaben werden protokolliert.

Jeder Handgriff muss sitzen: Vor dem Spiel üben die Medical Teams unter Aufsicht von Astrid Offer die fachgerechte Versorgung und den Abtransport von Verletzten.
Jeder Handgriff muss sitzen: Vor dem Spiel üben die Medical Teams unter Aufsicht von Astrid Offer die fachgerechte Versorgung und den Abtransport von Verletzten.

Doping mit Erkältungsmitteln

Sicher, sagt Offer, es gab einen Fall von systematischem Doping, von dem eine ganze Mannschaft betroffen war. Viele Dopingfälle gehen jedoch nach ihrer Erfahrung auf Unwissenheit, Unerfahrenheit und Sorglosigkeit zurück. „Zig Dopingfälle gab es wegen eines Erkältungsmittels“, sagt die Ärztin. Deshalb sei es wichtig, die Sportler umfassend zu informieren. Smartphone-Apps wie die der Nationalen Anti Doping Agentur hätten hier im Vergleich zu früher den Zugang zu relevanten Informationen erheblich erleichtert. Fällt während des Turniers eine Dopingprobe positiv aus, ist zuweilen der Venue Medical Offer der Überbringer der schlechten Nachricht. „Es ist sehr berührend, wenn man dabei den Eindruck gewinnt, dass hier durch Unwissenheit ein Dopingfall entstanden ist“, erinnert sich Offer an eine Begebenheit während eines Frauenfußball-Turniers. Dafür müsse eine junge Sportlerin dann die Verantwortung übernehmen und werde möglicherweise für zwei Jahre gesperrt.

Wie groß ist die Bereitschaft unter Sportlern, der eigenen Leistungsfähigkeit bewusst nachzuhelfen? Am Anfang ihrer Karriere liege das den meisten völlig fern, meint Offer: „Die lieben ihren Sport und haben erste Erfolge.“ Komme dann aber ein Zeitpunkt, an dem Konkurrenten an ihnen vorbeizögen, bei denen der Verdacht bestehe, dass sie „etwas nehmen“, stünden die Sportler „auf der Kippe“. „Dann braucht man ein Umfeld, das einen darin bestärkt, den Erfolg aus eigener Kraft zu schaffen oder sich eben mit den hinteren Plätzen zufriedenzugeben“, sagt Offer. „Das ist auch eine Charakterfrage.“ Deutschland zeige großes Engagement im Anti-Doping-Kampf. „Trotzdem sind wir vermutlich keine dopingfreie Zone“, meint die Ärztin.

Wenn man sie darauf anspricht, dass ihr Auftraggeber, die FIFA, regelmäßig von Korruptionsskandalen erschüttert wird, wirkt Offer nachdenklich. Sie selbst habe dazu eine klare Haltung. „Ich kann aber nur in meinem Wirkungskreis aktiv gegen Korruption arbeiten“, sagt die Ärztin. Man dürfe darüber zudem nicht die Idee vergessen, die hinter dem Weltverband stehe. „Ich finde es faszinierend, dass man versucht, die Welt über den Sport zu einen, gemeinsame Standards zu erarbeiten und gemeinsam Turniere zu veranstalten.“ Die TV-Bilder vom Spiel seien immer gleich, egal ob in Frankreich oder in Papua-Neuguinea.

Fußball, Handball, Volleyball, Tennis – der Sport spielt in Offers Leben seit jeher eine große Rolle. Seit sie die 40 überschritten hat, spielt sie Golf. „Ich habe mir einen Club gesucht, in dem ich den Hund mit auf die Runde nehmen kann“, sagt sie. Zur Medizin kam die Wahlkölnerin auf Umwegen: „Nach dem Abitur hatte ich drei Berufsbilder: Lehrerin, Journalistin, Ärztin.“

Das tun, was man gerne macht

Angefangen hat sie mit einem Lehramtsstudium: Sport und Mathematik. Doch nach der Zwischenprüfung ist ihr klar, dass das Lehrerdasein nichts für sie ist. Sie wechselt an die Sporthochschule in Köln, wo der renommierte Sportmediziner Wildor Hollmann ihr Interesse an der Medizin weckt. Er setzte sich auch dafür ein, dass sie nach dem Abschluss des Diplom-Sportstudiums einen der begehrten Zweitstudienplätze in Medizin bekommt. Das Studium finanziert sie sich unter anderem mit Fußballreportagen für den WDR. Heute ist Offer als festangestellte Notärztin sowie als selbstständige Betriebsärztin und Psychotherapeutin in einer Privatpraxis tätig. „Meine Leidenschaft ist die Vielfalt“, sagt sie. „Mich interessieren die verschiedenen Facetten der Menschen. Man muss das tun, was man gerne macht. Denn nur darin ist man wirklich gut.“ Das sei im Leben genauso wie im Leistungssport. Heike Korzilius

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