ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Gendermedizin: Paradigmenwechsel bei der Behandlung von Männern und Frauen notwendig

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Gendermedizin: Paradigmenwechsel bei der Behandlung von Männern und Frauen notwendig

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2189 / B-1804 / C-1782

Koch, Joachim

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Marek Glezerman hat bis zu seiner Emeritierung Geburtsheilkunde und Gynäkologie an der Universität Tel Aviv gelehrt und war bis 2017 Präsident der Internationalen Gesellschaft für Gendermedizin.

Mit diesem Buch macht er sich für einen Paradigmenwechsel in der Medizin stark, bei dem es um die Anerkennung physiologischer und pathophysiologischer Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Behandlung ihrer Körper geht, was er als das zentrale Ziel der Gendermedizin herausstellt. Heute wird auf nahezu allen medizinischen Gebieten noch vom Mann ausgegangen, medizinische Studien werden häufiger an Männern vorgenommen, die Ergebnisse aber auch zur Behandlung von Frauen verwendet. Das ist fatal, denn die gleichen Medikamente wirken bei Frauen und Männern unterschiedlich. Der Autor geht davon aus, dass es in Zukunft – was Medikamente betrifft – verschiedene Medikamente für Männer und Frauen geben wird, die sich nicht nur am Körpergewicht, sondern am Geschlecht orientieren.

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Der Autor sagt, dass er über jedes Organ und jedes Körpersystem wie auch über jedes Fach der Medizin eine Menge von Genderunterschieden darbieten könnte, in diesem Buch befasst er sich in ausführlichen Darstellungen mit dem Herzen und dem Verdauungssystem.

Zuerst erklärt er Grundlegendes und macht deutlich, dass Gendermedizin sowohl den soziokulturellen Genderaspekt als auch deren biologischen Anteil berücksichtigt. Die meisten Krankheiten beruhen nicht allein auf genetischen Faktoren, sondern auf einem Zusammenspiel von Genen und Umwelt. Die meisten Unterschiede zwischen den Geschlechtern haben sich im Verlauf der Jahrmillionen unserer Evolution herausgebildet und existieren bis heute, obwohl wir davon kaum noch profitieren.

Dem Autor gelingt mit diesem Buch eine umfassende Darstellung vieler Aspekte des Themas. Er berichtet in den einzelnen Kapiteln von vielen einzelnen interessanten Befunden. So gilt für den Bereich der Neurologie/Neuropsychologie, dass Männer in der Regel nur über ein Sprachzentrum verfügen, Frauen hingegen über zwei oder mehr, auch in der nicht-sprachdominanten Hemisphäre. Oder dass Lungenkrebs Frauen bei der selben Anzahl gerauchter Zigaretten zu 170 Prozent häufiger trifft als Männer. Frauen haben eine bessere Infektabwehr, sie neigen aber verstärkt zu Autoimmunkrankheiten. Männer zeigen andere Depressionssymptome als Frauen, deshalb kann ihre Form der Depression leichter übersehen werden.

Im Schlusskapitel zieht der Autor ein Fazit, fasst den heutigen Stand der gendermedizinischen Forschung zusammen, geht auf Blockaden des medizinischen Systems zur Veränderung ein und gibt Anregungen, wie die Gendermedizin gefördert werden kann. Joachim Koch

Marek Glezerman: Frauen sind anders krank. Männer auch – Warum wir eine geschlechtsspezifische Medizin brauchen. Mosaik Verlag, München 2018, 336 Seiten, gebunden, 20 Euro

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