ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Beckenbodenschäden: Menschliche Medizin
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Prinzipiell verstehe ich ihr Ansinnen, nach einer besseren und umfangreicheren Aufklärung, auch über die Risiken einer vaginalen Geburt. Als Pädiater müsste ich ergänzen, dass auch über die kindlichen Risiken durch Sectio viel zu wenig und wenn üblicherweise nur durch Gynäkologen oder Hebammen aufgeklärt wird. Rechtlich ist dies natürlich nicht korrekt, da gefordert wird, dass der aufklärende Arzt selber mit dem Thema vertraut ist. Die wenigsten Geburtshelfer oder Hebammen haben jedoch eine ausreichende Erfahrung in diesen Themen (Folgen der Sectio für die respiratorische Anpassung nach Geburt, das Mikrobiom des Kindes).

Was wir uns hier allerdings aus meiner Sicht fragen müssen, ist, wie viel Aufklärung unseren Patienten eigentlich gut tut. Ich würde mir zu diesem Thema auch dringend eine Diskussion mit den Juristen und Psychologen wünschen. Ist es nicht eigentlich so, dass der juristisch geforderte aufgeklärte Patient, der aufgrund des Umfangreichen vermittelten Wissens selbstständig in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen, eine Hybris ist?

Ich arbeite nicht an einer Universität, sondern als Pädiater im ländlichen Bereich in der Praxis. Die meisten Menschen, mit denen ich arbeite, verstehen weder, was relative Risiken sind, noch haben sie eine Vorstellung von Wahrscheinlichkeiten. Manche sind beseelt von dem Gedanken: wenn etwas schiefgehen kann, wird es bei mir eintreten. Andere sind durch die medizinischen Details der Aufklärung verängstigt. Eine Aufklärung in einfacher Sprache, mit deutlicher Reduktion der Inhalte ist zwar verständlich, wird den Sachverhalten aber meist nicht gerecht.

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Um Himmelswillen, was tun wir da eigentlich? Am Ende zücken wir ein juristisch wasserdichtes, vorformuliertes Aufklärungsblatt, nach dessen Lesen der Patient meist auch nicht weiss, was das alles bedeuten soll. Selbst wenn er/sie verstanden hat, welche Komplikationen eintreten können und wie wahrscheinlich dies ist, ist den wenigsten Patienten, ja selbst den wenigsten Ärzten in fachfremden Disziplinen klar, was die eine oder andere Komplikation für ihr Leben bedeutet.

Es wird auch Zeit zu diskutieren, wie weit wir zum Beispiel mit unserer Aufklärung psychisch traumatisieren dürfen, auch wenn keiner bisher den Schaden von Beipackzetteln für die Gesundheit der Patienten erfasst.

Ich denke, dass wir endlich eine breite Diskusion über all dies brauchen, nicht weil ich den paternalistisch über den Patienten entscheidenden Arzt wieder herbeisehne, sondern weil ich eine menschliche statt einer juristischen Medizin will.

Michael Wilms, 06502 Thale

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