ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Digitalisierung: Rationeller Einsatz

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Digitalisierung: Rationeller Einsatz

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2145 / B-1775 / C-1753

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschland ist erfolgsgewohnt. Das Label „made in Germany“ ist international geachtet und steht für hohe Qualität. Typisch deutsch sind aber auch Eigenheiten wie unsere „german Angst“. Auf der Suche nach Konzepten für einen eigenen Weg zur Digitalisierung kommen sich diese beiden Phänomene scheinbar in die Quere. Der Blick auf andere Industriegesellschaften reklamiert Nachholbedarf, geht aber auch mit der Sorge einher, dass einfache Rezepte auf dem Weg ins digitale Zeitalter mit großen Opfern für Datenschutz und Selbstbestimmungsrechte verbunden sein können.

Dass Ärzte und Patienten die Möglichkeiten digitaler Technologien nutzen können, scheint aktuell wieder auf gutem Weg, ist aber längst nicht konsentiert. Projekte wie elektronische Gesundheitskarte und Patientenakte, aber auch eine zweckgebundene Nutzung von Daten unter Beachtung der Persönlichkeitsrechte gestalten sich schwierig. Fernbehandlungskonzepte werden durchdacht, können aber nicht übers Knie gebrochen werden. All diese Mittel sind vor dem Hintergrund immer knapper werdender Kapazitäten – falls richtig gehandhabt – auch Ansätze zu einer Rationalisierung.

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Digitalisierung soll Ärztinnen und Ärzte in ihrer Arbeit entlasten. Datenbanken und Algorithmen sollen idealerweise Ärzten mehr Zeit für andere Tätigkeiten verschaffen. Voraussetzung ist, dass die getroffenen Maßnahmen die Vertrauensbasis zwischen Patient und Arzt nicht infrage stellen, dass über allen Maßnahmen das Selbstbestimmungsrecht der Patienten steht, ihr Recht auf die eigenen, persönlichen Daten gewährleistet bleibt. So die Idealvorstellung der Befürworter.

Ähnliches gilt für die Möglichkeit der Fernbehandlung. Nachvollziehbar ist: Sie kann zusätzlichen Komfort für Patienten schaffen. Sie bietet die Möglichkeit, Menschen in strukturschwachen, unterversorgten Regionen auch auf Entfernung eine Versorgung zu ermöglichen. Aber: Dem Arzt selbst obliegen trotzdem Anamnese, Diagnose und Therapie. Im Zweifel kann er aus der Ferne nicht ergebnisorientiert behandeln, muss den Patienten trotzdem in die Praxis bitten. Eine Entlastung im Sinne von Zeitgewinn für den Arzt bedeutet das nicht zwangsläufig. In der Diagnose werden Datenbanken und klug erstellte Algorithmen künftig die Qualität ärztlicher Arbeit steigern können, bisherige Vorstellungen lassen das zumindest vermuten. Entscheiden und verantworten muss trotzdem ein Arzt – und zwar mit einem Kenntnisstand, der ärztliche Kunstfertigkeit ermöglicht. Ersetzen kann der Algorithmus den Arzt nicht. Das, was die Maschine oder Datenbank tun kann, ist allein Daten bereitzustellen und zu kombinieren. Immerhin: Der Anfang ist gemacht.

Also doch „made in Germany“ und „german Angst“? Am Beispiel des Gesundheitswesens lässt sich gut aufzeigen, dass Angst längst durch gesunde Skepsis ersetzt ist. So hat sie in den letzten Jahren dazu beitragen können, dass überlegte Schritte erfolgt sind. Und zumindest herrscht Übereinkunft, dass ein durchdigitalisiertes Gesundheitssystem gemeinsame Standards braucht, um in der Fläche wirken zu können. Hier hat gerade die Ärzteschaft in jüngerer Zeit Weichen gestellt und Wege aufgezeigt, die verhindern können, dass digitale Inselwelten mit verschiedenen Lösungen das System zergliedern. Klar ist aber auch: Moderne medizinische Versorgung braucht diese Weichenstellungen, nicht erst morgen, sondern jetzt.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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