ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Hartmannbund: Berufsstand wird sich wandeln

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Hartmannbund: Berufsstand wird sich wandeln

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): A-2158 / B-1784 / C-1762

Osterloh, Falk

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Auf der Haupt­ver­samm­lung des Hartmannbundes waren sich die Experten einig, dass digitale Systeme weiter an Bedeutung gewinnen würden. Den Arzt aber würden sie nicht ersetzen.

Klaus Reinhardt rief die Ärzte dazu auf, sich der Digitalisierung nicht zu verweigern. Foto: Fr. Kirchner
Klaus Reinhardt rief die Ärzte dazu auf, sich der Digitalisierung nicht zu verweigern. Foto: Fr. Kirchner

Die Rolle des Arztes wird sich im Rahmen der Digitalisierung des Gesundheitswesens wandeln. Das war der Tenor auf dem ersten Tag der Haupt­ver­samm­lung 2018 des Hartmannbundes in Berlin. „Die künstliche Intelligenz wird unseren Berufsstand massiv verändern“, prognostizierte der Vorsitzende des Verbandes, Dr. med. Klaus Reinhardt. „Die Ärzteschaft wird ihr Wissensmonopol verlieren.“ Er habe jedoch keine Angst, dass der Arzt deshalb überflüssig wird. Denn die individualisierte Anwendung des medizinischen Wissens werde beim Arzt verbleiben. „Der Arzt muss aber seine Kompetenz auch in Zeiten der Digitalisierung unter Beweis stellen und darf nicht sagen: Ich mache da nicht mit“, betonte Reinhardt.

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Der Wissenschaftsjournalist Boris Hänßler erklärte, dass es heute 325 000 Gesundheits- und Fitness-Apps auf dem Markt gebe. Die Patienten könnten jedoch nicht einschätzen, ob eine App gut sei oder nicht. Es gebe auch noch zu wenige Studien, die die Qualität von Apps untersuchen.

Hänßler forderte die Ärzteschaft vor diesem Hintergrund dazu auf, sich besser in den Prozess der Bewertung von Apps einzubringen. In Zukunft könnten „Ärzte bestimmte Apps empfehlen“, meinte er. „Sie können auf ihre Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit hinweisen.“

Reinhardt rief dazu auf, pragmatischer und entspannter mit dem Thema Digitalisierung umzugehen. „Wenn ich als Hausarzt zum Beispiel Hinweise auf Arzneimittelinteraktionen durch die moderne Technik erhalte, bin ich doch heilfroh, darauf zurückgreifen zu können“, sagte er. Es gehe ja nicht darum, dass diese Informationen vollständig oder zu 100 Prozent richtig sein müssen.

Ärzte sollen selbst bestimmen

Dr. med. Hans-Jürgen von Lücken vom Marienkrankenhaus Hamburg betonte: „Ärzte haben seit Jahrtausenden Instrumente benutzt, um ihre Patienten zu behandeln. Digitale Systeme sind solche Instrumente.“ Ärzte müssten keine Angst davor haben, durch sie ersetzt zu werden. „Stattdessen sollten wir uns für die Möglichkeiten der Digitalisierung öffnen“, sagte er. „Dann können wir die Instrumente, die wir benutzen, auch selbst mitbestimmen.“

Hänßler meinte, dass künstliche Intelligenz (KI) auch eine Möglichkeit für Ärzte sein könne, sich im Wettbewerb abzuheben. „Chronisch kranke Menschen werden künftig einen Bogen um Praxen machen, in denen diese Technik nicht eingesetzt wird“, meinte er. Auch Reinhardt glaubt, dass die Verwendung von KI-Systemen ein Qualitätsmerkmal für Ärzte werden könnte: „Es könnte passieren, dass unsere Patienten uns eines Tages fragen werden, weshalb wir die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz nicht genutzt haben, als wir sie hätten nutzen können.“

Auf ihrer Haupt­ver­samm­lung befassten sich die Delegierten des Hartmannbundes unter anderem auch mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das sich zurzeit im parlamentarischen Verfahren befindet. Sie kritisierten die geplanten kleinteiligen Vorgaben des Gesetzgebers, unter anderem die Erhöhung der Mindestsprechstundenzeiten von 20 auf 25 Stunden. Statt den Ärzten weitere Vorgaben zu machen, forderten sie Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) dazu auf, eine Deregulierungsinitiative im Gesundheitswesen unter Einbezug der Ärzteschaft zu beginnen.

Zudem sprachen sie sich dafür aus, eine Kontaktgebühr für Patienten einzuführen, die eine Krankenhausnotfallambulanz während der Praxisöffnungszeiten beziehungsweise parallel zum erreichbaren ärztlichen Bereitschaftsdienst aufsuchen. Denn nur durch eine Ambulanznotfallgebühr sei eine nachhaltige Steuerung möglich. Falk Osterloh

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