ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Von schräg unten: Präzision

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Präzision

Dtsch Arztebl 2018; 115(47): [52]

Böhmeke, Thomas

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Medizin, insbesondere Kardiologie, so pflege ich meinen Fachangestelltinnen zuzurufen, ist ganz einfach: Maximale Präzision! Schon die kleinste Ungereimtheit ist der Weckruf zu unerbittlicher Recherche und penibelstem Abgleich aller verfügbarer Informationen! Der Konjunktiv ist der natürliche Feind wahrer Erkenntnis! Nur der nackte Fakt, die pure Präzision geleitet uns auf dem steinigen Weg zur Heilung!

Besagte Angestelltinnen stürzen dann stets aus dem Raum, völlig beseelt davon, sich im Geiste des Gesprochenen ins Getriebe stürzen zu dürfen. So interpretiere ich jedenfalls dieses Fluchtverhalten, es könnte noch andere Deutungen geben, aber das sei an dieser Stelle nicht vertieft.

Mangels ergebenem Publikum bin ich nun gezwungen, mich meinen Schutzbefohlenen zuzuwenden, meine erste Patientin zu empfangen. Was kann ich für Sie tun? „Also, Herr Doktor, ich soll mal mein Herz nachgucken lassen, weil ich hatte vor einigen Jahren Kammerflimmern!“ Oh! Da hatte sie aber Glück gehabt, dass sie so erfolgreich reanimiert worden ist! „Was reden Sie denn da? Ich bin nicht reanimiert worden!“ Äh, das ist jetzt schwierig nachzuvollziehen, sie hatte Kammerflimmern, ist nicht reanimiert worden und sitzt jetzt wohlbehalten und fröhlich vor mir? Wie kann das sein?!

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„Also Sie sind ja ein Scherzkeks. Warum wollen Sie mich denn reanimieren?“ Naja, bei Kammerflimmern ist das schon die Methode der Wahl, sonst droht der Tod. Wenn sie nicht reanimiert worden ist, war es vielleicht gar kein Kammerflimmern, könnte es sich eventuell um Vorhofflimmern gehandelt haben? „Kammerflimmern, Vorhofflimmern, was macht das denn für einen Unterschied?“ Vom Wortlaut her vielleicht nur einen Kleinen, medizinisch aber einen überaus Erheblichen.

„Ist das so wichtig?“ Ja. Wir wollen sie schließlich bestmöglichst behandeln, und dafür brauche ich genaueste Informationen. „Soso.“ Maximale Präzision ist die unabdingbare Voraussetzung für eine glasklare Diagnose und zielgenaue Therapie! „Was wollen Sie mir damit sagen?“ Anders ausgedrückt: Eine unpräzise Angabe ist Ausgangspunkt für unglückliche Irrwege! „Ich verstehʼ Sie immer noch nicht!“

Also gut, ich versuchʼs mal mit einem Beispiel: Die örtliche Bank wird ausgeraubt und die Polizei gibt bekannt, dass der gesuchte Räuber ein Mann ist. Sie sagt nicht, ob er ein oder drei Meter groß ist, neun oder neunzig Jahre alt, grüner oder blauer Hautfarbe, sie sagt einfach nur: ein Mann. Eine äußerst unpräzise Angabe. Sie, versorgt mit dieser ungenauen Information, treten hinaus in Ihren Garten und sehen nebenan ihren fröhlichen Nachbarn, neben dem Sie bisher in Eintracht gelebt haben, seine Rosen pflegen. Sie stürzen zum Telefon, rufen die 110 an: Ich habʼ ihn, den Räuber, den Mann, es ist der Nachbar! Minuten später wird der fassungslose arme Mann unter Einsatz vielerlei Blaulichts seiner vorläufigen Freiheit beraubt.

Können Sie davon ausgehen, dass sich, wenn Tage später alles geklärt und der Nachbar wieder zu Hause ist, das nachbarschaftliche Verhältnis weiterhin völlig harmonisch gestaltet? „Wahrscheinlich nicht.“ Genau. Und jetzt frage ich Sie: Woran hatʼs gehangen? „Na, ganz klar: am Nachbarn!“ Ich gebʼs auf.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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