ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2018Pränataldiagnostik: Nicht nur Gewissen beruhigen
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In der Diskussion, ob die Kosten für pränatale Bluttests auf genetische Veränderungen des Feten von den Krankenkassen getragen werden sollen, erstaunt mich immer wieder das rückständige Behinderungsmodell, auf dessen Grundlage diese Debatte, auch im Pro- und Kontra-Beitrag des Ärzteblatts, geführt wird. ... Spätestens mit Einführung der „Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF) durch die WHO im Jahr 2001 sollte in der Ärzteschaft anerkannt sein, dass Behinderung ein bio-psycho-soziales Konstrukt ist, die Umfeldfaktoren in der Erlangung oder Beeinträchtigung von Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft daher mit berücksichtigt werden müssen. ...

Wenn also beklagt wird, dass ein positiver Befund in einem vorgeburtlichen Test überdurchschnittlich häufig zu einem Schwangerschaftsabbruch führt, so muss zwingend gefragt werden, welche gesellschaftlichen Faktoren zu dieser Entscheidung mit beitragen. Aktuell erleben Eltern von Kindern mit chronischen Erkrankungen nahezu regelhaft, dass sie für jede Unterstützung ihres Kindes kraftraubende und langwierige Kämpfe ausfechten müssen. Dies betrifft den medizinischen Sektor mit Zugang zu Therapien, Hilfsmitteln, Leistungen der Pflegeversicherung etc. ebenso wie den pädagogischen Bereich mit der Aufnahme in geeignete Schulen, wie den sozialen Bereich mit häufig fehlender Barrierefreiheit des öffentlichen Raumes bis hin zu fehlenden Unterstützungsmöglichkeiten der Familien bei der 24 Std./7 Tage pro Woche andauernden Betreuung ihrer Kinder. Erwachsene Menschen mit Behinderung erleben ähnliche Einschränkungen ihres Alltags im beruflichen, gesundheitlichen und privaten Bereich. ...

Wenn also in berechtigter Weise gefordert wird, dass Menschen mit einer Behinderung zu einer Gesellschaft dazu gehören müssen, so ist diese Gesellschaft und vor allem „der Gesetzgeber“, also unsere gewählten Abgeordneten des Bundestages wie Frau Rüffer, gefordert, diesen Menschen die erforderlichen Grundlagen für eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Im anderen Fall bedeutet diese Forderung, dass im konkreten Fall des diskutierten Pränataltests Menschen mit Downsyndrom lediglich die Aufgabe zur Beruhigung unseres sozialen Gewissens zukommt. ...

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Dr. med. Michael Wagner, 26203 Wardenburg

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