ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Sex und Drogen in der Bundeswehr: Mangelhafte Information zum Thema AIDS

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Sex und Drogen in der Bundeswehr: Mangelhafte Information zum Thema AIDS

Tank, Michael

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LNSLNS Das Sozialverhalten, die Suchtgewohnheiten und das Freizeitverhalten von Wehrpflichtigen wurden in zwei gleichen Befragungen in den Jahren 1989/90 und 1993/94 ermittelt. Die Ergebnisse dieser Befragungen, die im folgenden Artikel vorgestellt werden, verdeutlichen, daß die Informationen über AIDS und die Suchtprävention weiter verbessert werden müßten


Wehrpflichtige stammen aus allen sozialen Schichten und stellen einen bunten Querschnitt der Bevölkerung dar. Sie eignen sich daher für Befragungen allgemeiner Art als Kollektiv. Dieser Umstand wird von der Bundeswehr seit Jahren dazu genutzt, einen nicht unerheblichen Beitrag zur Gesundheitserziehung und auch speziell zur AIDS-Prävention zu leisten. Seit 1987 muß jeder Soldat einmal eine 90minütige Lektion zum Thema "AIDS" erhalten. Diese wird in der Regel durch den Truppenarzt während der Grundausbildung vorgenommen. Der Autor hat als Truppenarzt rund 150 solcher AIDS-Lektionen vor etwa 10 000 Luftwaffenrekruten gehalten. Dabei fiel auf, daß die persönlichen Erfahrungen und die Vorbildung der einzelnen Soldaten sehr unterschiedlich waren. Um die AIDS-Lektionen verständlicher gestalten zu können und Ansatzpunkte für eine gezielte AIDS-Prävention zu erhalten, wurden die Wehrpflichtigen befragt.
Inhalt der Befragung waren die persönlichen sexuellen Erfahrungen des einzelnen, seine Verhütungsmethoden, Vorbildung zum Thema "AIDS", sein Sucht- und sein Freizeitverhalten. Auf Fragen zum Alkoholkonsum wurde bewußt verzichtet. Die Teilnahme war freiwillig und anonym.
Aufgeschreckt durch ein Ergebnis dieser Studie, nämlich die hohe Zahl derer, die zugaben, Drogenerfahrungen zu haben, wurde dem Problem Drogenkonsum in einer weiteren Untersuchung nachgegangen. Dazu wurden am zweiten Tag des Wehrdienstes bei einem Bataillon von Rekruten der Luftwaffe einmalig und anonym durch ein ziviles Labor Drogen im Urin (Cannabis, Kokain, Amphetamine, Opiate) bestimmt. Am Ende der Grundausbildung wurden die Wehrpflichtigen anonym über die eigenen Drogenerfahrungen während der Grundausbildung befragt. Es wurden 1989/90 817 Fragebogen (65,3 Prozent) und 1993/94 1 492 Fragebogen (91,5 Prozent) auswertbar zurückgegeben. Das Durchschnittsalter beider befragter Gruppen betrug zum Zeitpunkt der Befragungen 20,9 (1989/90) beziehungsweise 20,8 (1993/94) Lebensjahre.
1989/90 wurden nur Rekruten aus den alten Bundesländern befragt, 1993/94 kamen 87,5 Prozent der Befragten aus den alten, 10,4 Prozent aus den neuen Bundesländern (2,1 Prozent keine Angabe).


Sexuelle Erfahrung
Zur persönlichen sexuellen Erfahrung wurde unter anderem gefragt, ob der Proband überhaupt jemals Geschlechtsverkehr (GV) hatte und ob homosexuelle Erfahrungen vorliegen. 1993/94 gaben 86,5 Prozent der Befragten an, "überhaupt jemals GV gehabt" zu haben (1989/90: 86,6 Prozent), 2,2 Prozent verfügten nach eigenen Angaben über homosexuelle Erfahrungen (1989/90: 1,5 Prozent).
Auf die Frage, ob sie schon einmal ein Kondom benützt oder zumindest ausprobiert hätten, antworteten 1989/90 77,1 Prozent und 1993/94 88,0 Prozent mit "Ja". Dabei ergab sich die aus den Grafiken hervorgehende Verteilung auf die unterschiedlichen Bildungsniveaus (Grafiken 1 und 2). Ungebrochen ist die Beliebtheit von Ovulationshemmern zur Kontrazeption. 1989/90 favorisierten 71,9 Prozent der Befragten diese Verhütungsmethode. 1993/94 waren es noch 67,2 Prozent. Das Kondom konnte seine Rolle als gleichberechtigte Methode neben der Pille oder als alleinige Methode von 18,0 Prozent in den Jahren 1989/90 auf 29,4 Prozent in den Jahren 1993/94 verbessern.
Es wird deutlich, daß sich 1989/90 ein großer Teil der GV-Erfahrenen gar nicht vor AIDS hat schützen können, weil die Erfahrung im Umgang mit dem Kondom fehlte. 1993/94 war das erheblich besser geworden.


AIDS-Information
Der Anteil derjenigen, die bereits eine Information zum Thema AIDS gehört hatten, ist zurückgegangen, wohl auch durch den höheren Anteil an Soldaten aus den neuen Bundesländern. Die Informationsquellen waren 1989/90 eher die Schulen und Berufsschulen, während 1993/94 Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, Pro Familia und die Gesundheitsämter dieses Thema aufgriffen.
Die Zahl derer, die bereits vor Dienstantritt einen HIV-Antikörpertest hatten machen lassen, hat sich halbiert. 1989/90 waren zum Zeitpunkt des Diensteintrittes in die Bundeswehr 32,9 Prozent getestet. 1993/94 hatten nur noch 15,7 Prozent einen AIDS-Test vornehmen lassen.

Sucht
Bei der Frage nach der Anzahl der täglich konsumierten Zigaretten stellte sich heraus, daß eine höhere Schulbildung auch die Intensität des Zigarettenkonsums beeinflußte. Hauptschüler rauchten mehr als Gymnasiasten (1993/94 rauchten 68,2 Prozent der Hauptschüler und 30,8 Prozent der Gymnasiasten).
1989/90 gaben 15,9 Prozent der Befragten Rauschgifterfahrungen zu. 1993/94 waren es sogar 21,5 Prozent. Dabei fiel eine Entwicklung auf, die Anlaß zur Sorge gibt: 1989/90 hatten 15,7 Prozent der Hauptschüler Drogenerfahrungen gemacht, 14,6 Prozent der Realschüler, 19,0 Prozent der Gymnasiasten. 1993/94 waren es 22,0 Prozent der Hauptschüler, 19,7 Prozent der Realschüler und 22,2 Prozent der Gymnasiasten, wobei diese letzte Gruppe sich aus den Abiturienten und den Wehrpflichtigen mit Fachhochschulreife (Besuch eines Gymnasiums bis zur zwölften Klasse) zusammensetzt. Dort fanden sich 19,5 Prozent drogenerfahrene Abiturienten und 28,3 Prozent mit Fachhochschulreife. Den Löwenanteil von 81,5 Prozent (1989/90) beziehungsweise 78,4 Prozent (1993/94) der Drogenerfahrenen stellten jeweils Raucher.
Während in den Jahren 1989/90 22,3 Prozent der Rauschgifterfahrenen neben Cannabisprodukten auch Erfahrungen mit anderen, härteren Drogen hatten, waren es 1993/94 schon 30,5 Prozent. Erschreckend ist die Tatsache, daß viele der Drogenkonsumenten nicht wissen, zu welcher Stoffgruppe die eingenommene Substanz gehört. Oft werden ganz einfach "Pillen" gekauft und genommen, weder Präparatenamen noch Wirkung sind bekannt. Nicht einmal die Bezeichnungen können geschrieben oder zugeordnet werden. Haschisch, als "Peace" bezeichnet, tauchte zum Beispiel in den Schreibweisen "Piece", "Pis", "Pies", "Pieß" und "Peae" auf. Ähnlich verhält es sich bei "Gras", "Shit", "Dope" und "Marihuana" und "Ecstasy".
Am zweiten Tag des Wehrdienstes wurden bei einem Bataillon von Rekruten der Luftwaffe einmalig die ohnehin gewonnenen Urinproben anonymisiert und darin enthaltene Drogen bestimmt. Es konnte bei rund acht Prozent der 364 Wehrpflichtigen mindestens eine der aufgeführten Drogen im Urin festgestellt werden (Cannabis 6,0 Prozent, Amphetamine 0,3 Prozent, Opiate 0,3 Prozent, Benzodiazepine 0,3 Prozent, Codein 0,8 Prozent). Bei zwei Proben waren auch Kombinationen der genannten Wirkstoffe nachweisbar. Bei einer Befragung des gleichen Kollektivs am Ende der Grundausbildung gaben 24,1 Prozent Drogenerfahrungen an, drei Prozent hatten den Erstkontakt während des Wehrdienstes. 67 Prozent hatten gesehen, daß andere Drogen konsumierten, hatten also einen indirekten Drogenkontakt. 95 Prozent der Drogennutzer verwandten Cannabisprodukte, wiederum 30,5 Prozent gaben auch Erfahrungen mit härteren Drogen wie LSD (2,7 Prozent), Amphetaminen (30,1 Prozent), Opiaten (4,1 Prozent), Kokain (19,2 Prozent), "Pillen" (8,2 Prozent) an (Mehrfachnennungen waren möglich).


Prävention und Aufklärung
Nach den massiven Aufklärungskampagnen ist das Wissen über AIDS wieder zurückgegangen, die Häufigkeit des Kondomgebrauchs und die persönliche Erfahrung mit dem Kondom haben dagegen zugenommen. Während sich 1989/90 ein großer Teil der Soldaten trotz Geschlechtsverkehrerfahrung deswegen nicht ausreichend vor AIDS schützen konnte, weil die Kenntnisse der Kondomanwendung fehlten, wissen heute fast alle, die Verkehr haben, wie sie sich schützen können. Der Wehrdienst stellt sich als eine besonders geeignete Möglichkeit dar, jungen Männern wesentliches Wissen aus einer in vielen Familien immer noch existierenden Tabuzone mit auf den Weg zu geben. Immerhin 34 Prozent der Befragten geben an, ihre Kenntnisse über Verhütung stammten von der Freundin, genauso viele haben ihr Wissen von den Eltern. Das bedeutet, daß nur ein Drittel der Eltern die Söhne aufklärt, offensichtlich wird das Problem lieber abgegeben. Die Schule wird in 86,3 Prozent als Informationsquelle genannt. Nach der Selbsteinschätzung hat das Wissen über AIDS ab- und die Angst vor AIDS zugenommen. Dennoch hat sich die Testakzeptanz mehr als halbiert. Man möchte offensichtlich lieber nicht wissen, ob man HIVpositiv ist. Dennoch hören wir bei uns im Bundeswehrkrankenhaus, wenn wir den Test anbieten, fast nie ein "Nein". Das könnte eine Folge des Verschwindens von AIDS aus den Schlagzeilen sein. AIDS wird verdrängt, es ist in den Köpfen existent, aber nicht vordergründig. Für die Prävention wäre es wünschenswert, AIDS bei jeder Gelegenheit wieder in Erinnerung zu rufen. So könnte jedem Kinofilm obligat ein "AIDS-Spot" vorgeschaltet werden (umschalten unmöglich). Auch Tages- und Wochenzeitungen sind ein geeignetes Medium, um durch regelmäßige Bewußtmachung einen Beitrag zur Prävention zu leisten. Zielgruppe der Drogenprävention müssen Jugendliche ab dem zwölften Lebensjahr sein. Eine Investition in Drogenberater und -aufklärer an Schulen könnte sich langfristig rentieren und in niedrigeren Folgekosten für die Therapie und Rehabilitation von Suchtmittelgeschädigten niederschlagen. Hierunter fallen sicher auch Raucher und Alkoholkranke.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1761–1763 [Heft 26]


Anschrift des Verfassers:
Oberstabsarzt
Dr. med. Michael Tank
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Abteilung III
Lesserstraße 180
22049 Hamburg


Literatur
1. Simon R, Wiblishäuser PM: Ergebnisse der Repräsentativerhebung zum Konsum und Mißbrauch von illegalen Drogen, alkoholischen Getränken, Medikamenten und Tabakwaren. Sucht 1993; 3: 177-180
2. Becker J, Junker T, Koepf W, Ruenauver G, Rittner C, Lippold R: Untersuchungen zum Haschischkonsum auffälliger Verkehrsteilnehmer in Rheinland-Pfalz. Sucht 1992; 38: 238-243
3. Segal B: Age and First Experience with Psychoactive Drugs. The International Journal of the Addictions 1986; 21: 1285-1306
4. Oetting ER, Beauvais F: The Drug Aquisition Curve: A Method for the Analysis and Prediction of Drug Epidemiology. The International Journal of the Addictions 1983; 18: 1115-1129

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