ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2018Beckenbodenschäden: Keine freie Wahl
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Grundlage dieser Übersicht ist das Postulat: eine vaginale Entbindung sei planbar und bedarf einer ärztlichen Beratung und mündige Frauen könnten selbst bestimmt über den Geburtsweg entscheiden. Eine Schwangere hat über den Verlauf ihrer Schwangerschaft und deren Ende keine freie Wahl mehr. ... Wenn nun, scheinbar völlig überraschend, belegt wurde, dass eine Entbindung sichtbare und unsichtbare dauerhafte Folgen hinterlässt und diese nun verhindert werden sollen, müsste jede Frau bereits vor ihrer Entscheidung für eine Schwangerschaft darüber besser aufgeklärt werden?

Insbesondere fehlte im Artikel der Hinweis, dass bereits jede Schwangerschaft vor der Entbindung zu irreversiblen Veränderungen im Beckenboden führen. ... Mindestens jeder Geburtshelfer sollte allein durch eine Inspektion des weiblichen Genitals erkennen können, ob Entbindungen stattgefunden haben, z. B. Narben, klaffender Introitus vaginae. Und okkulte Läsionen, insbesondere am M. Sphinkter ani externus, galten bereits vor 25 Jahren als irrelevant und führten über die Kampagne: „Kampf den Dammschneidern“ zur Forderung, Dammschnitte aus Indikation des Schutzes des Beckenbodens zu unterlassen. ...

Jedenfalls führen alle Aussagen dieses Artikels zu dem ungeheuerlichen Schluss, dass eine Schwangere über eine für ihren Beckenboden und ihr weiteres Leben verheerende und „völlig überraschend“ bevorstehende Entbindung ausführlich defätistisch aufgeklärt werden soll und als einziger Ausweg ein geplanter Kaiserschnitt angeboten werden soll. Andere Schlussfolgerungen könnten jedoch sein: Die Diskussion über solche Themen sollten nicht alte weiße Männer und kinderlose Frauen führen. Schwangere sollten im letzten Drittel nicht behandelt werden, als hätten sie mit ihrer Entscheidung für eine eigenes Kind nicht gewusst was sie taten.

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Die Belastungen und Folgen einer Schwangerschaft und Entbindung mehren sich mit zunehmendem Alter, deshalb sollte man über einen gesunden Lebensrhythmus nachdenken und den Kinderwunsch nicht zu sehr in die absteigende Lebensphase (22 ± 3 Jahre) verschieben.

Und wenn es um die Verhinderung okkulter Sphinkterläsionen gehen sollte, müssen wir mit modernen Untersuchungsmethoden um die Wirkungen einer lateralen Episiotomie neu diskutieren.

Aber ganz daneben scheint mir zu sein, eine vaginale Entbindung nur nach vorheriger, am besten noch schriftlich bestätigter, strukturierter Aufklärung und Widerspruch gegen eine empfohlene Sectio caesarea zuzulassen. Dieser Eindruck wurde jedoch leider bei mir hervorgerufen. ...

Dr. med. Frank Schönherr, 19061 Schwerin

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