ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2018Digitalisierung: Auf der Suche nach einem Plan

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Digitalisierung: Auf der Suche nach einem Plan

Dtsch Arztebl 2018; 115(48): A-2201

Beerheide, Rebecca

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Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Nach Jahren der Euphorie und der (Er-)Kenntnisse über die neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung in der Medizin könnte man davon ausgehen, dass es inzwischen einen Fahrplan oder eine Strategie gibt, wie diese nun genutzt werden könnte. Dass es eine Idee davon gibt, auf welchen Wegen das deutsche Gesundheitswesen bundesweit technisch digitalisiert werden kann und wie sich Abläufe verändern müssen, damit die Versorgung von Patientinnen und Patienten verbessert wird. Oder, dass es konkrete Gedanken zur leidigen Frage des Datenschutzes gibt und Lösungen entwickelt wurden, wie Datentransparenz, -schutz und -selbstbestimmung gleichzeitig funktionieren können.

Doch die Antworten auf diese zentralen Fragen sind trotz all der Zeit, der vielen Konferenzen, Studien und inspirierenden Vorträgen landauf landab mehr oder weniger ernüchternd: Internationale und nationale Experten preisen in höchsten Tönen, was alles möglich wäre, wenn man denn nur anfangen würde. Fragt man bei den Mitspielern in der gemeinsamen Selbstverwaltung nach, hört man zwar einiges – aber meist aus ihrer Perspektive auf das Gesundheitssystem gedacht. Übergreifende Projekte gerne, aber bitte nur unter eigener Federführung. Richtet man die Frage an die Bundesregierung oder die Vertreter des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums hört man – wenig. Die Mitte November verabschiedete KI-Strategie der Bundesregierung ist im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern viel zu spät und im Vergleich zu den weltweiten Digital-Giganten finanziell zu gering ausgestattet. In der ebenfalls am gleichen Tag verabschiedeten „Umsetzungsstrategie zur Gestaltung des digitalen Wandels“ werden für das Gesundheitswesen mobile Anwendungen bis zum Jahr 2021 versprochen, ein elektronischer Medikationsplan, die sichere Arztkommunikation sowie einzelne Leuchtturmprojekte (siehe Seite 2222). Alles nicht neu. Eine echte eigene nationale Strategie für die Digitalisierung im Gesundheitswesen? Fehlanzeige!

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Um fair zu bleiben: Die Gesetzgebung aus dem Hause des Ge­sund­heits­mi­nis­ters Jens Spahn (CDU) versucht, an kleinen Stellschrauben zu drehen. In mehreren Gesetzesvorhaben gibt es Schritte, um weiter zu kommen: So sind im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) Regelungen zu den elektronischen Patientenakten enthalten, im „Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“ (GSAV) finden sich Pläne zum E-Rezept. Beide Gesetze sind aber noch nicht im parlamentarischen Verfahren und damit ist deren Umsetzung nicht vor Mitte 2019 realistisch.

Diese in anderen Gesetzen versteckten Vorhaben dokumentieren das Dilemma: Das Sozialgesetzbuch V, welches die Regelungen für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung beinhaltet, ist für die Versorgung in der analogen Welt gedacht. Für die digitale Zukunft entstehen so Hürden. Diese Fallstricke zu finden, neu zu formulieren und auf eine Krankenversorgung in der digitalen Welt umzustellen, wird eine Mammutaufgabe – für das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wie auch die Ärzteorganisationen, Krankenkassen und Krankenhäuser. Davor darf man keine Scheu haben – sondern sollte mit einem echten E-Health-Gesetz II voranschreiten, das weit über die bekannten Pläne hinausgeht. Die digitale Welt verzeiht kein Zögern. Zur Not gibt es zügig die E-Health-Gesetze III, IV und V.

Das Gesundheitssystem mit Ärzten, Krankenkassen, Politik aber auch Industrie kann es sich nicht leisten, dieses Digitalisierungsprojekt an einem analogen Sozialgesetzbuch, nicht funktionierender Hardware, fehlender Implementierung von Produkten oder an fehlendem Geld und Mut scheitern zu lassen. Daher ist zu hoffen, dass nicht weitere Jahre mit kleinen Schritten durch die digitale Welt gestolpert wird.

Rebecca Beerheide
Ressortleiterin Politische Redaktion

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Klaus Rottach
am Sonntag, 9. Dezember 2018, 20:18

Eine erneute Attacke von "friendly fire" aus dem DÄ im Digitalisierungs-Trommelfeuer

Dieser Leitartikel im aktuellen Dt. Ärzteblatt von Frau Beerheide ist einmal mehr durchgehend kritikloses Digitalisierungs-Geschrei. Dies allerdings in einem Ausmaß und mit Denkmustern, die Anlass zu Zorn und Entsetzen geben.

Da sind zum einen paranoid anmutende Phrasen "Die digitale Welt verzeiht kein Zögern" (ist die "Digitalisierung" vielleicht gar ein strafender Gott?!), zum anderen der abstoßende Ruf nach heftigem Druck auf die Betroffenen ("Zur Not gibt es zügig die E-Health-Gesetze III, IV und V"). Das Sozialgesetzbuch soll auch eben mal im Sinne der IT-Branche geändert werden.

Mal ehrlich: Wenn eine Technologie wirklich gut ist, wird sie sich auch ohne massiven totalitären Druck durchsetzen. Wenn sie aber schlecht ist, wird sie langfristig dennoch scheitern.
Außerdem scheint Frau Beerheide völlig zu vergessen, für wen sie schreibt. Inzwischen hat es sich eigentlich allgemein herumgesprochen, dass die Ärzte mehrheitlich gegen Zwangsvernetzung etc. sind. Genau diese - die Ärzte - sind aber die Zwangskunden des Dt. Ärzteblatts.

Vertritt Frau Beerheide hier wirklich die Meinung der Redaktion oder ist dieser Leitartikel ein einsamer Amoklauf?
Gibt es Interessenskonflikte (Bekommt das DÄ Zuwendungen z.B. von der Compu Group Medical, den Krankenkassen oder anderen Akteueren, die an der Zwangsvernetzung interessiert sind)?

Warum wird im DÄ wieder und wieder völlig einseitig zu diesem Thema geschrieben? Warum besteht kein Interesse an der vehementen Ablehnung eines Großteils der Ärzteschaft? Meint man, die sei ohnehin unserer grenzenlosen Dummheit geschuldet und man muss uns Hinterwäldler eben zum Glück zwingen? Könnte es nicht vielmehr sein, dass es sehr gute Gründe gibt, die Zwangsvernetzung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst lange zu verhindern? So etwas wäre von einem interessierten Journalisten problemlos zu recherchieren.

Zuletzt frage ich Sie ganz ernsthaft: wofür steht eigentlich das Wort bzw. der Euphemismus "Digitalisierung"? Jedenalls nicht für das, was es eigentlich bedeutet. Also soll damit etwas verschleiert werden! Wenn man herumfragt, bekommt man Antworten wie 'irgendwas mit Internet', 'Vernetzung', 'Überwachung', 'irgendwas mit Computern'. Im ärztlichen Bereich hat das Wort übrigens zwei ganz andere Bedeutungen: Einstellen eines Patienten auf ein Digitalis-Präparat und Austasten mit dem Finger (i.d.R. des Rektums).

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Klaus Rottach
Neurologe u. Psychiater in Kaufbeuren
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