ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2018Private Hochschule in Malta: Digitales Medizinstudium im Angebot

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Private Hochschule in Malta: Digitales Medizinstudium im Angebot

Dtsch Arztebl 2018; 115(48): A-2218 / B-1828 / C-1805

Richter-Kuhlmann, Eva

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Eine hohe Nachfrage erzeugt Angebote: Zusätzliche Medizinstudienplätze will jetzt eine private Online-Hochschule in Malta schaffen und kooperiert dazu mit dem Helios-Konzern. Ob dieses Angebot jedoch tatsächlich zum Berufsziel „Arzt“ führt, bleibt für Bundes­ärzte­kammer und Fakultäten derzeit noch fraglich.

Noch in diesem Jahr sollen die ersten Medizinstudierenden ihr Studium an der privaten Onlinehochschule Digital Education Holding mit Sitz in Malta aufnehmen. Die Kosten betragen insgesamt 100 000 Euro. Foto: Geber86/iStock
Noch in diesem Jahr sollen die ersten Medizinstudierenden ihr Studium an der privaten Onlinehochschule Digital Education Holding mit Sitz in Malta aufnehmen. Die Kosten betragen insgesamt 100 000 Euro. Foto: Geber86/iStock

Medizin studieren geht auch anders – das will zumindest die Digital Education Holdings (DEH), Malta, beweisen, deren neuer Medizinstudiengang EDU im Sommer teilweise akkreditiert wurde. Dieser Tage starten die ersten deutschen Medizinstudierenden. Bewerben um einen privaten Medizinstudienplatz, der etwa 20 000 Euro jährlich kostet, können sich Interessierte aus ganz Europa. Ihren Wohnsitz nach Malta verlegen müssen sie dazu jedoch nicht. Denn die akademische Plattform EDU verzichtet auf klassische Vorlesungen und Seminare und setzt stattdessen auf ein virtuelles Studium, das fortlaufend angetreten werden kann und online im Austausch mit englischsprachigen Tutoren und Mentoren absolviert werden soll. Begleitend sollen die Studierenden eine praktische Ausbildung im Krankenhaus
ab dem ersten Studienjahr erhalten. Die EDU konnte als Partner dafür bislang den Helios-Konzern in Deutschland gewinnen.

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Während das Angebot die Herzen von einigen (finanziell gut betuchten) Studierwilligen höher schlagen lässt, sehen die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und die Deutsche Hochschulmedizin den neuen Ausbildungsweg kritisch. Unlängst wiesen sie gemeinsam darauf hin, dass noch viele Fragen zur Qualität und zur Ausgestaltung offen sind. Mit jenen wandte sich die BÄK auch an die EU-Kommission: „Diese habe zugesagt, mit den maltesischen Behörden Kontakt aufzunehmen, um konkrete detaillierte Informationen über den Studiengang zu erhalten“, teilte ein BÄK-Sprecher dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) mit. Die Antwort der Kommission stehe noch aus.

Nicht vollständig akkreditiert

Der BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery mahnt zur Vorsicht: „Ein virtuelles Studium macht noch keinen echten Arzt und bietet aus meiner Sicht keine ausreichende Vorbereitung auf die Praxis“, sagt er dem . „Wir betrachten dieses Geschäftsmodell mit großer Skepsis und empfehlen jungen Leuten, die sich für ein Medizinstudium interessieren, dieses Angebot sorgfältig auf das angestrebte Studienziel zu prüfen“.

Nachfrage besteht offensichtlich trotzdem: „Zunächst werden wir mit einer Pilotkohorte von zehn bis 20 Studierenden starten. Die ersten Studierenden werden Ende November ihr Medizinstudium aufnehmen“, bestätigt Prof. Dr. med. Andreas Hoeft, Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Bonn und Vorsitzender der neuen Gründungsfakultät der EDU aus Malta. Der dem Bachelorabschluss folgende „Master of Medicine“ – dessen Absolvierung für eine Approbation nach der Berufsanerkennungsrichtline notwendig ist – sei allerdings noch nicht akkreditiert, räumt er im Gespräch mit dem ein. „Die Akkreditierung ist jedoch eingereicht und hat bereits die erste Runde erfolgreich durchlaufen. Die abschließende Anerkennung erwarten wir noch in diesem Jahr oder Anfang nächsten Jahres.“

Kein deutsches Staatsexamen

Wichtig ist für Hoeft der eigene Lernzielkatalog des Studiengangs: Die Digital Education Holdings, Trägerin der EDU, verfüge über ein strukturiertes Curriculum. Dieses orientiere sich sowohl am deutschen NKLM („Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin“), aber auch an den Lernzielkatalogen von Kanada, Schottland und der Schweiz. „Unser Lernzielkatalog ist nicht so überfrachtet wie der deutsche NKLM, aber wir sind überzeugt, dass unser Studiengang allen in Deutschland gestellten Qualitätsansprüchen genügt“, sagt der Gründer. Zum Nachweis der Gleichwertigkeit würde er die Studierenden „ohne Bedenken das deutsche Staatsexamen absolvieren lassen“ – sofern das möglich wäre. Zumindest sollen sie aber am Progress Test Medizin (PTM) teilnehmen, so Hoeft.

Die Qualität des Studiums und insbesondere die Qualifikation der Lehrenden und Prüfenden bleibt für die BÄK und den medizinischen Fakultätentag (MFT) jedoch fraglich: Bei der EDU handele es sich zwar um eine höhere Bildungseinrichtung, sie besitze allerdings keine Zulassung als Universität, konstatieren sie. Unklar sei auch, ob im Anschluss an das Studium noch ein „Foundation Year“ angeschlossen werden müsse, wie es für die lokalen Studiengänge der Humanmedizin auf Malta erforderlich sei, um eine volle Approbation zu erhalten.

„Das Medizinstudium zeichnet sich durch seine enge Verzahnung von theoretischen und praktischen Inhalten aus. Dies kann nur in einem universitären Kontext erfolgen“, betont Dr. Frank Wissing, Generalsekretär des MFT, gegenüber dem . Zudem sei das Medizinstudium ein wissenschaftliches Studium. „Entsprechend ist auch die Wissenschaftskompetenz eine der Kernkompetenzen angehender Ärztinnen und Ärzte und muss forschungsnah vermittelt werden.“ Dazu gehöre wissenschaftliches Arbeiten im Forschungskontext. Für die im Masterstudiengang der EDU vorgesehene Projektarbeit sei aber ein dafür erforderliches aktives Forschungsumfeld nicht erkennbar. Doch nicht nur bezüglich der wissenschaftlichen, sondern auch der klinischen Ausbildung der künftigen Ärzte ist der MFT-Generalsekretär skeptisch: „Ein Studium, dessen theoretische Anteile ausschließlich online vermittelt werden, wird wenig dazu beitragen, das Vertrauen in die medizinische Versorgung zu stärken. Zudem ist fraglich, wie die Ausbildungsqualität bei den deutschen Kliniken ausreichend von Malta aus gesichert werden soll.“

Helios ist deutscher Partner

Starten soll die praktische Ausbildung bereits Anfang nächsten Jahres. Fünf Studierende werden ab Februar 2019 bei Helios in Berlin-Buch beginnen. „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit der EDU“, versichert Prof. Dr. med. Andreas Meier-Hellmann, Helios Geschäftsführer Medizin, dem . Nach dem Start könnten fortlaufend Gruppen mit jeweils fünf Studierenden mit den Praxiseinheiten anfangen. In jedem Studienmodul sollen sie unter fachärztlicher Anleitung jeweils für vier Wochen auf Station sein – während der Bachelorphase insgesamt 36 Wochen verteilt auf neun Fachdisziplinen, erläutert er. Auch feedbackorientierte Prüfungen sollen während der praktischen Abschnitte stattfinden. „Dies macht Mühe, zahlt sich am Ende aber aus.“

Dass Ärztinnen und Ärzte das Studienangebot auch skeptisch betrachten, verwundert den Helios-Geschäftsführer nicht: „Das ist unter anderem ein Generationenproblem. Digitales, kollaboratives Lernen ist noch nicht weit verbreitet“, meint er. Hingegen habe sich das problemorientierte Lernen – POL– bereits an vielen Fakultäten bei der Medizinerausbildung etabliert. „Bei dem Medizin-Studiengang der EDU findet POL im Prinzip digital statt – dies ist einfach konsequent zu Ende gedacht.“ Die praktische Ausbildung an den Kliniken ist für Meier-Hellmann quasi identisch mit der in den Famulaturen oder während des Praktischen Jahres bei herkömmlichen Medizinstudiengängen. Sein Eindruck: „Hier werden Unterschiede konstruiert, die es gar nicht gibt.“ In dem neuen Studiengang erlebten die Studierenden vielmehr von Anfang an den klinischen Alltag und könnten sich erproben. Spätere „Realitätsschocks“ könnten so vermieden werden. Helios erhofft sich aber auch Wettbewerbsvorteile von der Kooperation mit der EDU: „Durch den neuen Studiengang sehen wir natürlich die Chance, Nachwuchsärzte von der Qualität unserer Arbeit zu überzeugen und uns als Arbeitgeber bekannt zu machen“, räumt Meier-Hellmann ein. „Wir brauchen in der Klinik problemorientierte Menschen mit Empathie. Wer in die Grundlagenforschung möchte, wird andere Studiengänge bevorzugen. Bewerbern, die klinisch arbeiten wollen, bieten wir aber optimale Bedingungen.“

Studierende bleiben skeptisch

Jetzige Medizinstudierende überzeugt dies nicht: „Wir sehen insbesondere die hohen Studiengebühren der EDU äußerst kritisch“, sagt Jonah Grütters, Bundeskoordinator für Medizinische Ausbildung der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), dem . Man befürchte, dass Gebühren in dieser Höhe zu einer sozialen Selektion der Studierenden und somit der späteren Ärzteschaft führen könnten. Kritisch sei es auch, das komplette Medizinstudium in den virtuellen Bereich zu verlegen, so Grütters. Einen positiven Aspekt hat der fragwürdige Studiengang aus Sicht der Studierenden allerdings: Neue Diskussionen zu der Verknüpfung von theoretischen und digitalen Inhalten sowie der Digitalisierung in den Ausbildungen würden angeregt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Das Medizinangebot der privaten Online-Hochschule Malta

Der Homepage der akademischen Plattform EDU, der Digital Education Holding, Malta, zufolge besteht der neue Medizinstudiengang aus einem dreijährigen Bachelor- und einem konsekutiven, zweijährigen Masterstudiengang.

Die praktische Ausbildung am Patienten soll etwa 40 Prozent (2 240 von 5 500 Stunden) der Ausbildungszeit in Anspruch nehmen. Als Ausbildungsstandorte werden die Helios Kliniken Berlin-Buch, Erfurt, Krefeld, Wiesbaden, Oberhausen, Hildesheim und Bad Saarow genannt. Exklusiv auf Helios sei die EDU aber nicht beschränkt, heißt es. Ziel sei es, weitere Lehrkrankenhäuser in anderen EU-Mitgliedsstaaten und in Afrika anzubieten. Erarbeiten sollen sich die Studierenden die theoretischen Grundlagen digital und interaktiv in englischer Sprache unter der Anleitung von fachgebundenen ärztlichen Tutoren, die durch Malta akkreditiert würden.

Die Kosten betragen 20 000 Euro pro Jahr.

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